Achtung, Knutschgefahr

16. Oktober 2015 | von Johannes Reimann

Erst in Berlin, jetzt in Heidelberg treibt eine Künstlerin ihr Wesen, die den Glauben an die Menschheit offenbar noch nicht verloren hat. Mit besorgtem Wohlwollen streut sie immer wieder ihre heiteren Weisheiten und reizt dabei nicht nur zum Nachdenken, sondern vielfach auch direkt zu Lachanfällen. Liebeserklärung an eine große Klebtomanin.

Liebe Barbara, es gibt da etwas, das Du wissen solltest: Ich denke, ich habe mich in Dich verknallt. Ich befinde mich sozusagen in ganz konkreter Knutschgefahr. Dabei muss ich erstaunt feststellen, dass es sich hier augenscheinlich um eine Abart des Stockholm-Syndroms handelt. Denn es ist zuallererst Gewalt, die Du mir antust: Du traktierst meine Lachmuskeln, schüttelst mich heftig und treibst mir die Tränen in die Augen. Ich fahre total auf Deinen Humor ab und entwickle bereits eine gewisse Abhängigkeit. Als Nicht-Kind von Traurigkeit liebe ich unfreiwillige Komik in der Öffentlichkeit und breche auch regelmäßig in schallendes Gelächter aus, etwa wenn ein Kunde im Supermarkt nach dem Bezahlvorgang der Kassiererin »noch einen schönen Aufenthalt« wünscht, wenn der gerade erst des Lesens mächtig gewordene Knabe nach dem Blick auf das Hinweisschild zur Ausweiskontrolle beim Alkoholkauf im Brustton der Überzeugung feststellt, dass man seinem Papa das Alter aber sehr wohl ansehe, wenn die Deutsche Bahn auf dem Display am Bahnsteig den Warnhinweis »Achtung, Zugfahrten!« anzeigt oder wenn ein Bekleidungsgeschäft mit einem »Männerschlussverkauf« wirbt. Für Dich, den wendigen Geist, der sich denselben Witz gefügig macht und ihn regelmäßig kunstvoll auf einen spärlichen Grund, nicht größer als DIN A4, drapiert, kann ich daher nur Verehrung und mehr empfinden. Liebe Barbara, Deine Kalauer haben mein Herz im Sturm erobert! Es muss mich sehr schwer erwischt haben, denn schon fand ich mich auf der Facebook-Registrierungsseite wieder, entschlossen, mir dort ein Nutzerkonto einzurichten; einzig zu dem Zweck, Dir eine persönliche Nachricht zukommen zu lassen. Erst im letzten Augenblick kehrte die Vernunft zurück und bewahrte mich vor dem Schlimmsten. Deshalb jetzt dieser offene Brief an Dich, liebe Barbara.

Mit Satire porentief rein

Deine Pointen und Deine Dichtkunst machen den Raum wieder ein bisschen öffentlicher und Medien wie Facebook und Instagram tatsächlich ein klein wenig sozial — was sie ja ansonsten gar nicht sind. Ich liebe es, wie Du kraftvolle Botschaften überall dort anbringst, wo sich im Kontinuum des gesunden Menschenverstands ein Riss gebildet zu haben scheint, wo unsere Vernunft Tropfen für Tropfen an Menge verliert, unser Anstand sich gallertartig in eine Art Hyperraum hinausstülpt und unsere Realität mit leerer Gleichgültigkeit zurücklässt. Deine Zettel, Plakate und Kollagen kitten diese Risse nicht nur, sie setzen gleichzeitig ein Ausrufungszeichen und warnen davor, dass unsere Menschlichkeit hier, an dieser Stelle, in Gefahr ist, zu kollabieren. Das erinnert irgendwie an die Aufsteller auf Flughäfen oder in öffentlichen Gebäuden: Achtung, frisch gewischt! Ich wünschte, auch in meiner Stadt liefe eine Wagemutige mit dem satirischen Klammerbeutel — oder besser: Pflasterrolle — durch die Straßen und verarztete auf so großartige Weise die vielen an Humor- und Leichtigkeitsmangel leidende Situationen. Ich weiß, es gibt Kräfte, die möchten dort draußen am liebsten nur Botschaften zulassen, die ihren eigenen Interessen dienen, seien es politische oder kommerzielle. Ich bin mir auch bewusst, dass ein nicht zu unterschätzender Teil derer, die das Draußen täglich nutzen, um sich darin fortzubewegen, am liebsten unbehelligt von allen Eindrücken, mit geschlossenen Augen und Ohren, von Tür zu Tür hastet und bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach innen flüchtet, als wünschte er unseren Gassen, Straßen und Plätzen die Herrschaft der Grauen Männer an den Hals. Weil die so Bedrängten dem Leben anders aber nicht entrinnen können, kaufen sie sich große blecherne Monstrositäten auf vier Rädern, worin sie dann Zuflucht suchen und die sie nach einer Weile gar für ihr Wohnzimmer halten.

Weißt Du eigentlich, dass Du hohe Ansprüche an Dein Publikum stellst? Wer sich von Dir  treffen lassen will, liebe Barbara, darf nicht geschult sein im Wegschauen und Übersehen, wie all die jungen und alten Menschen, die ihren freien Willen längst einem kleinen elektronischen Gerät übereignet haben und biologisch zwar wach, aber mental von der Matrix verschlungen durch eine unbekannte Sphäre namens Wirklichkeit stolpern. Doch ich befleißige mich der Hoffnung, dass dort draußen noch genug Abenteurer auf ihren Entdeckerpfaden wandeln, die ihre Umgebung aufmerksam und voller Vergnügen lesen wie die fesselnde Story vom echten Leben, und die jederzeit bereit sind, sich überraschen zu lassen, zum Beispiel vom hintergründigen Echo Deiner an Heiterkeit und Schalk so reichen Persönlichkeit, gegossen jedes Mal in sparsam dosierte, aber konzentrierte Wortgewürzwürfel. Allen Scheuklappenträgern und Displaystarrern aber bietest Du in unendlicher Großzügigkeit auch ein digitales Abbild Deines Schaffens — so auch mir, der ich mich des Unglücks der enormen räumlichen Entfernung zu Dir schimpfen muss und nur auf virtuelle Weise überhaupt Deiner lebhaften und blitzenden Gedankenglitzerwelt ansichtig werde.

Ich finde, Deine Werke sollten nicht als Kunst bezeichnet werden. Das würde sie abwerten. Denn Kunst zu fabrizieren, bedeutet doch, unverständliche Dinge in die Welt zu setzen, über die diejenigen, die sie nicht verstehen, unter Vortäuschung von Begreifen ernst und sinnierend, aber schweigend, mit dem Kopf nicken und diejenigen, die sie erst recht nicht verstehen, gelehrt daher schwafeln. Deine Botschaften dagegen sprechen, sie zünden und sie zwicken. Sie könnten glatt als Entkalker wirken, gegen Kleinkariertheit, Borniertheit, Arroganz, Narzissmus, eben all die Ablagerungen, die diese Konsumgesellschaft auf unseren Herzen hinterlässt. Im Rausch einer Busfahrt vom Büro nachhause habe ich sogar überlegt, diesen Beitrag hier mit der Überschrift »Liebeserklärung an eine  anonyme Anti-Kalkoholikerin« zu betiteln. Das hätte vielleicht viele verschiedene Bedeutungsebenen gehabt, fraglos müsste dieser angestrengte Vergriff aber neidvoll erblassen vor der Meisterschaft Deines unbekümmerten Wortwitzes, mühelos changierend im regenbogenhaft schillernden Spektrum von unverhohlen platt bis leise subtil. Ich meine damit, Deine oft augenzwinkernden, manches Mal mahnenden, aber niemals wichtigtuerischen Sprüche müssten eigentlich wirken wie ein Lösungsmittel gegen verkrustete Hirne und Seelen. Zumindest, wenn diese an sich noch intakt wären. Oft gewinne ich aber den Eindruck, an deren Statt rotierten und brutzelten bei vielen unserer Zeitgenossen nur noch Spülmaschine und Einbauherd, ab Werk mit Lochfraß versehen und generell falsch verkabelt. Und wenn Sie doch ein Gehirn vorweisen können, nutzen sie trotzdem meist nur den Ständer.

Das kleine Glück

Hoffe bitte nicht, in einer Menschenlandschaft, die Gestalten wie Mario Barth und Franz Beckenbauer zu ihren größten Hügeln erkoren hat, stünde Deine Entdeckung als Star oder als Heldin unmittelbar bevor. Das verhält sich wie mit der Kunst oder wie mit diversen Preisen: In dem Augenblick, wo Du zum Gewinner gekürt würdest, schmücktest nicht Du Dich mit der Anerkennung Deiner Mitlebenden, sondern das Establishment schmückte sich mir Dir und schlüge sich auf die eigene Schulter ob der Gerissenheit seines Schachzuges, wieder einmal einen aufrechten und unschuldigen Underdog für den eigenen Lustgewinn verdorben zu haben. Strebe nicht nach dem großen Glück — ein Buch ist okay und ein Verlag mit mehr Weitsicht hätte mit Deinem Material das ›Ganz Neue Testament‹ herausgegeben, bestehend aus dem ›Buch der Sprüche‹ und der ›Legende von der Heiligen Barbara‹; zwei Bücher dagegen erwecken schon den Eindruck von Kommerz und ich bitte Dich inständig: Lass Dich nicht verführen!  — schenke lieber das kleine, so wie Du es bisher auf so unvergleichliche Weise tust, unverfroren und direkt am Mann. Denn wir beide wissen doch: In einer Gesellschaft, in der jeder sich selbst am nächsten ist, kommt die Nächstenliebe einem herzlichen Akt der Selbstbefriedigung gleich. Solltest Du aber eines Tages den Bedarf nach einem Evangelisten verspüren, der Dein Ja zum Ausstieg aus einer herzlosen, kranken Gesellschaft verbreiten hilft, oder solltest Du gar einen neuen Drucker benötigen, dann zögere nicht, mich zu kontaktieren.

Du magst Dich fragen, wie es zu diesem meinem Geständnis kommen kann und magst finden, das sei doch alles an den Zügen herbeigehaart. Zumal ich Dich ja gar nicht persönlich kenne. An dieser Stelle muss ich dann zurückgeben, dass Du daran aber einen kleinen Teil der Schuld selbst trägst. Du möchtest Deinem eigenen Bekunden nach anonym bleiben, und das respektiere ich. Schöne Menschen erkennt man nun mal nicht am Äußeren. Meine Liebe für Dich lässt sich durch Deine Verborgenheit auch in keinster Weise brechen oder schmälern. Sie ist weit größer als ein DIN A4 Plakat. Vielleicht bietet sich mir ja eines Tages das unfassbare Glück, … nein, diesen häretischen Gedanken möchte ich direkt auf den Müllhaufen der impertinenten Anmaßung werfen. Bleibe Du so gescheit, wie Du bist — nicht, dass ich Dir eine persönliche Weiterentwicklung abspreche. Solange es Dich gibt, einen Menschen, der mitsamt seinen Botschaften immer auch ein kleines Stück seines liebenden Selbst verschenkt, sind solche Horden wie die der wütenden Dunkelmänner drüben im Tal der Ahnungslosen völlig machtlos. Rüttele uns, wecke uns, knutsche uns weiter wie bisher! Dafür liebe ich Dich. Amen.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/achtung-knutschgefahr/

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