Allheilmittel mit Nebenwirkungen

22. Juli 2011 | von Johannes Reimann

Das wohl umstrittenste Großprojekt der deutschen Verkehrsgeschichte hat eine wichtige Hürde genommen. Die lautstarke Diskussion der Ausflüsse urteilt aber womöglich zu schnell und vergisst, vor einer umfassenden Diagnose zunächst die vollständige Krankenakte zu lesen. Denn was, wenn die gesamte Prozedur nichts weiter als homöopatische Laborspielerei gewesen ist?

Da staunt der Laie und der Fachmann freut sich: Das Projekt ›Stuttgart 21‹ (Plus) hat den Stresstest bestanden. Sofort vergessen sind verbindliche Ansagen an Demonstranten-Memmen und hysterische Unglücks-Prophezeiungen, Schnee von gestern auch die Unkenrufe zur Rechtswidrigkeit der Finanzierung oder zum Nutzen des Verkehrsgroßprojekts. Nun kehrt, wie an Weihnachten, endlich wieder Friede ein in die vom Streit so gebeutelte Seele aller Betroffenen oder sich betroffen Fühlenden. Und der Bahn hätte wirklich kein besseres Propaganda-Geschenk vor die Füße fallen können, angesichts all der Verleumdungen und üblen Nachreden, die sie der ruinösen Wertvernichtung und der Verursachung des verkehrspolitischen Super-GAUs bezichtigen. Stresstests haben immer Recht, und wer trotzdem noch nicht an die Wirklichkeit veränderne Kraft der Papier gewordenen Fakten glaubt, entlarvt sich selbst als schmierigen Immernörgler und spröden Fortschrittsfeind.

Gravierende Schwachstellen nicht von Belang

Eigentlich ist es mir absolut zuwider, mich schon wieder über die Machenschaften des ›Unternehmens Zukunft‹ und von seinesgleichen auszulassen. Doch das Ereignis des gestrigen Tages verdient definitiv einen kurzen Kommentar. Denn egal, welches Ergebnis die Gegner des Projekts Stuttgart 21 sich erhofft hatten, der Bahn konnte der Ausgang des Stresstests eigentlich herzlich egal sein. Genauso wie die Tatsache, dass das Gutachten des Schweizer Büros sma an einigen Stellen Nacharbeiten anmahnt, weil die Simulations-Künstler zum Beispiel Infrastruktur als gegeben angenommen hat, die noch in keinen Plänen zu finden sind (Steckbriefe IN-02, IN-05 und IN-06); weil Halte- und Abfertigungszeiten zu kurz bemessen sind (FP-03); weil verschiedene Zugverbindungen nicht eingerechnet  (FP-07) oder örtlich verlegt wurden (FP-09); weil keines der Kriterien des Landes Badsen-Württemberg an den mit S21 zu realisierenden Fahrplan »vollumfänglich erfüllt« ist; weil eine freie Gleisnutzung unterstellt wird (bspw. am Flughafen-Bahnhof), wo eigentlich eine Genehmigung erforderlich ist (FP-12); weil die mangelnde Transparenz bei den  Eingangsgrößen Fragen zur Qualität der Simulation unbeantwortet lässt (SI-07).

Das Nachrichtenmagazin Spiegel prophezeite denn heute ob des Ausstiegs des Aktionsbündnisses wegen der grundsätzlichen Kritik von Rockenbauch, Dahlbender und Co. am Stresstest auch schon eine totalen Blockade. Zusätzlich könnte ein Streit über den Euphemismus »wirtschaftlich optimal« entbrennen, für den je nach politischer oder Gesinnungs-Coleur eine andere Interpretation in Stellung gebracht wird. Auseinandersetzungen über grundsätzliche Fragen zum Projekt, etwa über die zweifelhafte Finanzierung oder über eine verfassungsrechtlich fragwürdige Volksabstimmung, könnten alte Konflikte wiederaufflammen lassen und die Gräben noch tiefer reißen.

Nutzloses Placebo

All das wollte die Bahn mit ihrem Alheilmittel, dem Stresstest, doch aber schon frühzeitig vorwegnehmen bzw. verhindern. Denn dieser sollte, genauso wenig wie die Faktenschlichtung Ende des vergangenen Jahres, keinesfalls der Argumentation oder gar der Überprüfung von Sachfragen dienen. Stattdessen beabsichtigten die genialen Denker der PR-Think-Tanks daraus eine Beruhigungspille gegen den Zorn der Massen oder auch ein Placebo-Heilmittel für vielleicht ebenso eingebildete Bauchschmerzen mit dem Tunnelbahnhof zu entwickeln. Die Wirkung: Die gesamte Öffentlichkeit, inklusive aller Medien und Politiker und Meinungsmacher konzentriert sich auf diesen einzelnen Vorgang – als wenn ganz Bahn-Deutschland nach der Einnahme von Verdauungstabletten gemeinsam auf den ersten Stuhlgang wartet. Darüber, so die Hoffnung der Toiletten-Mafia, bekomme niemand mit, wie viel Geld beispielsweise gleich in der Kabine nebenan heruntergespült wird. Das Problem: Offensichtlich haben selbst die Pillen-Rührer ihre eigene Packungsbeilage nicht gelesen; denn nicht nur reagieren die empfindlichen Mägen der S21-Gegner allergisch auf das Mittelchen; es könnte, wie oben erwähnt, sogar zu Krämpfen führen. Die Anzeichen verdichten sich, denn bereits jetzt, einen Tag nach Bekanntwerden des Ergebnisses, beginnen die Betroffenen genau nachzulesen. Nur, dass bei diesen Risiken und Nebenwirkungen der Apotheker Dr. Geißler der letzte scheint, der (jetzt noch  mal) gerufen werden möchte.

Update (20 Uhr): Scheinbar gibt es mit der grün-roten Landesregierung Baden-Württemberg jetzt den ersten Patient, der – im Gegensatz zum Aktionsbündnis – sich selbst nicht länger Stress machen will und das Mittelchen deshalb für wirksam und verträglich erklärt. Bleibt nur herauszufinden, welche der beteiligten Gruppen am Ende aufwachen und feststellen wird, dass sie am bestgeplanten Groß-Blindversuch der deutschen Verkehrsgeschichte teilgenommen hat …

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/allheilmittel-mit-nebenwirkungen/

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