Auf dem Fahrrad ins Kanzleramt

5. Februar 2017 | von Johannes Reimann

Monarchisches Gehabe und Weltuntergangsrhetorik helfen der Politik nicht weiter. Radfahren schon. Eine Ermunterung.

Ist die europäische Demokratie am Ende? Müssen die anhaltend hohen Erfolge der Unsäglichen als Beleg dafür gelten, dass das Modell einer freiheitlich demokratischen Grundordnung hierzulande scheitert, wenn auch scheibchenweise? Welche Kanzlerin, die lieber die Demokratie dem Markt unterordnen möchte als andersherum, kann noch länger tragbar sein? Taugt auf der anderen Seite ein Kanzlerkandidat, dem schon nach einer Woche in dieser Würde ausschweifender Populismus vorgeworfen wird, überhaupt dafür, einen echten Wettbewerb um Positionen zu entfachen, der am Ende idealerweise zu einer Wahl mit hoher Beteiligung führt? Wer dieser Tage sich daran versucht, den wachsenden Aufruhr und die zunehmend schrille Kakophonie der Prognosen und Menetekel zu durchdringen und die Ideen hinter Parteien und Personen zu begreifen, vielleicht sogar ihr Reifen zu begleiten, findet sich schnell ernüchtert. Es stimmt fast nichts mehr. Der kleinste gemeinsame Nenner all der Strategen und Schreiberlinge scheint zu sein, die aktuellen Umfragewerte wie Monstranzen vor sich her zu tragen. Mehr Substanz? Fehlanzeige. Hoppla, es ist Bundestagswahlkampf.

Freeways were there to carry people through my neighborhood, but never to my neighborhood.

Die noch amtierende Bundeskanzlerin, Angela Merkel, warb vor vier Jahren mit dem Satz »Sie kennen mich.« für ihre Wiederwahl. Das hatte schon ein wenig von luderhafter Verruchtheit. »Schätzchen, Du weißt, was Du an mir hast.« So wiegte sie vordergründig die Massen in einer — wie wir heute wissen falschen — Sicherheit, verkehrte damit insgeheim aber die Verhältnisse: Müsste sie nicht eigentlich im Gegenteil uns kennen, um uns regieren zu können? Arroganz der Macht. Die versucht der frisch gekürte Kandidat Schulz zu umgehen, indem er glaubhaft machen möchte, ›den kleinen Mann von der Straße‹ zu kennen. Selbstverständlich nicht nur aus seiner Amtszeit als Kommunalbürgermeister, sondern auch aus dem täglichen Leben und aus seinen sozialen Netzwerken. Das klingt schon deutlich näher dran. Aber Würselen ist eben nicht Bielefeld. Oder Chemnitz. Oder Schweinfurt. Oder …

Wahlkämpfer brauchen Kontakt mit dem Volk, damit sie als Projektionsfläche für die Träume und Sorgen ihrer Mitmenschen, mithin ihrer Wähler, funktionieren können. Deshalb werden sich all die großen und kleinen Spitzenkandidaten im Laufe dieses Jahres unweigerlich und mehrmals auf die Socken machen, um Metropolen wie Provinzen gleichermaßen mit sich selbst zu beglücken. Was weder ihnen noch ihren Spin Doctors dabei je auffiel: Die Dramaturgie und vor allem die Technik solcher Termine-Hoppings sind keineswegs dazu angetan, die Herzen der Menschen zu erreichen. Wer sich in isolierten Zellen auf vier Rädern bis vor das Rednerpult chauffieren lässt, Tuchfühlung ausgeschlossen, und nach einem lediglich rhetorischen Feuerwerk allen ernstes glaubt, das Publikum von sich und seiner Vision überzeugt zu haben, der hofft vermutlich auch, dass eine ganz bestimmte Alternative bis zum Wahltag schon ganz von allein verschwunden sein wird. Die Wahlkämpferin oder der Wahlkämpfer gibt sich, das sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, gelegentlich durchaus volksnah, etwa mit einem Spaziergang durch die Fußgängerzone oder einem Fotoshooting im Biergarten. Selektive Wahrnehmung. Das Stichwort ›potemkinsche Dörfer‹ funkt da fristgerecht durchs Kleinhirn. Wie gut können sich die Aspirantinnen und Aspiranten also wirklich in diesem unserem Land auskennen? Wie stark sind sie anfällig gegenüber Filterung, Täuschung und Einflüsterung? Und wie viel von dem kulturellen und sozialen Reichtum unserer Republik erleben sie überhaupt selbst — nicht in grauer Vorzeit, sondern jetzt, ganz aktuell?

Ich habe im Sattel mehr Probleme gelöst als in einem Konferenzraum.

Um wirklich zu erfahren — das Wortspiel sei gnädig verziehen —, was im Land los ist, bietet sich nur ein einziges Verkehrsmittel ernsthaft an: das Fahrrad. Nicht, weil sich damit die immensen CO2-Schulden einer Wahlkampfreise drastisch reduzieren lassen. Auch nicht, um den vielen blumigen Worten und gerissenen Plänen zum Klimaschutz endlich auch mal sichtbare Taten folgen zu lassen. Genauso wenig, um dem Radverkehr nun doch die Bedeutung zu verleihen, die sich Alteingeradelte schon lange wünschen. Sondern schlicht aus den folgenden Gründen.

Zeit — Chillout, Downtempo, Entschleunigung: Man nenne es, wie man mag. Tatsächlich verbietet das Radfahren solche übermenschlichen Rhythmen, wie Kanzlerkandidatinnen und -kandidaten sie an den Tag legen müssen, um bei möglichst vielen Menschen möglichst großen Eindruck zu schinden. Drei, vier, fünf, sechs, sieben Termine an einem Tag? Und dazwischen Hochgeschwindigkeit, ohne Kontakt mit der Welt drumherum, quasi wie durch einen Tunnel in der Raumzeit hindurch? Wer kann da von den Reisenden auch nur einen Funken Authentizität erwarten? Es wird höchste Zeit, den anderen Ansatz zu versuchen. Dasein, wo man gerade ist. Zeiten zwischen den Rednerpulten nicht für abstraktes Taktieren und menschenferne Diskussionen verschwenden, sondern Quality Time auf dem Fahrrad erleben — und kreieren. Minuten und Stunden mit Sinn füllen. Winfried Kretschmann wanderte seine Partei in Baden-Württemberg zu einem neuen Wahlsieg. Mit dem Fahrrad bräuchten die politischen Gesellen dabei gar nicht so viel Tempo rausnehmen, könnten Pensum und Achtsamkeit zur Symbiose führen und bereits im Wahlkampf einen alternativen, unverkrampften und souveränen Politikstil etablieren: Radfahren für eine neue Gelassenheit. Das Geschehen unserer Tage nähme sich nicht einmal mehr halb so hysterisch aus, wenn führende Politiker, Wirtschaftsbosse und Medienschaffende ihre Kalender nach dem Fahrrad richteten. Man stelle sich vor, die Banken hätten nicht quasi an einem einzigen Tag gerettet werden können, weil die Abgeordneten selbst in eiligen Angelegenheiten frühestens nach einer Woche zusammentreten. Sie sind schließlich mit dem Fahrrad unterwegs. Das Ergebnis wäre mit Sicherheit deutlich solider ausgefallen. Oder eine Pressekonferenz ohne Inhalte — wie mittlerweile üblich? Vergessen Sie’s. Dafür radelt niemand bis in die Hauptstadt …

Raum — Wer ständig in großen Maßstäben denkt, Entscheidungen von nationaler oder sogar supernationaler Tragweite treffen will und muss und sich sogar zur letzten Lichtgestalt einer ganzen Hemisphäre ausrufen lässt, verliert schon mal das Gespür für die kleinteiligen Zusammenhänge. Die aber machen einen Großteil des Lebens aus. Das wussten schon die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes, als sie ein so cleveres Prinzip wie die Subsidiarität hineinschrieben. Die örtliche Gemeinschaft (Art. 28, Abs. 2 GG) soll ihre Angelegenheiten selbst regeln, solange sie dazu in der Lage ist. Da geht es dann nicht um abstrakte Wirtschafts-, Innen- oder Außenpolitik, um selbstverliebte Großprojekte oder seltsame Modellvorhaben; sondern um Spielplätze, Tiefgaragen, Bushaltestellen, Kindergärten, Flüchtlingsunterkünfte, Schulen, Gewerbegebiete und Erholungsflächen; um historische und kulturelle Herkunft und Zukunft, um sprachliche Eigenarten, besondere Sehenswürdigkeiten und viel mehr. Diese Vielfalt mit dem Fahrrad zu erkunden, gerade auch die vielen Zwischenräume, die in keinem Informationssystem oder Dossier auftauchen, würde den Kandidatinnen und Kandidaten vielleicht die Augen öffnen und ein ziemlich verzwicktes Problem fast von allein lösen: Weder multinationale Binnenmärkte noch nationale Statistiken stiften ein Gefühl von Zugehörigkeit; nicht Regierungssysteme noch Konsumtrends können Orientierung bieten zwischen den Kategorien meins und deins, zwischen verschrecktem Fremdeln und herzlichem Willkommen. Selbst globale Marken und weltbekannte Promis bilden nur einen schlechten Ersatz, wenn das unmittelbare Umfeld zersplittert. Der Mensch ist auf Nähe angelegt, geschaffen für ein Leben in Sichtweite. Einem Radfahrenden fiele niemals ein, eine so pauschale wie nutzlose Frage nach einer deutschen Leitkultur zu stellen. Identität entsteht stattdessen durch Beheimatung und auch die Mental Map des modernen Menschen reicht selten wirklich weiter als die Definition von Nahverkehr. Nicht Rekorddistanzen, sondern die vergleichsweise geringe Fahrradreichweite halten eine ungeahnte Fülle an Leben bereit.

Mensch»So wie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt«. Als der Dichter Johann Gottfried Seume diesen Satz niederschrieb, im Jahr 1806, besaßen die Kutschen noch keine Verbrennungsmotoren. Findige Historiker können nun zurecht einwenden, dass auch der Freiherr von Drais seine Erfindung, das Laufrad, zu diesem Zeitpunkt noch nicht an den Start gebracht hatte. Doch auch wenn Seume im nachfolgenden Satz das Fahren pauschal verdammt, hätte ihn das Fahrrad sicherlich erfreut: Denn damit lässt sich, während man doch um einiges schneller voranstrebt als zu Fuß, trotzdem aufs Vorzügliche die Humanität wahren. Einzig der Stau kann im Kraftverkehr Gemeinschaft schmieden, aber auch nur im Sinne einer Leidensgenossenschaft. Auf zwei Rädern und angetrieben von der eigenen Muskelkraft bleibt der radelnde dagegen ein soziales Wesen. Das Phänomen des Radel-Rambos, gern als ultimativer Beleg für die Asozialität des Radfahrens insgesamt hergenommen, schreibt der Wiener Verkehrsexperte Hermann Knoflacher dagegen der Tatsache zu, dass viele Radfahrende bereits eine Autofahrerkarriere hinter sich haben und dieselben Privilegien — unbedingte Vorfahrt, exzessive Flächennutzung, Höchstgeschwindigkeit — auch mit ihrem Drahtesel realisieren wollen. »In einer reifen Radfahrergesellschaft ist der Radfahrer allenfalls ein etwas schnellerer Fußgänger.« Beide, so sagt er außerdem, haben ein Gesicht. »Da stellt sich Fairness untereinander schon eher von selbst ein.« Ein Wert, den Wahlkämpfende in ihrem Verhältnis zum Volk eigentlich gar nicht hoch genug schätzen können sollten — wenn sie denn einen ehrlichen Dialog anstreben, statt sich nur selbst feiern zu wollen. Kfz-Kennzeichen erobern jedenfalls keine Herzen oder Hirne, außer die von wenigen Nerds, und erst durch die tiefe und ehrliche Begegnung mit Menschen wird eine Wahlkampfreise wirklich reich. Auf beiden Seiten.

EnergieRadfahren fördert ja bekanntlich die Gesundheit. Langfristig. Zumindest bei dem, der es regelmäßig tut. Doch auch für den Fahrrad-Laien steckt schon physische und psychische Erquickung drin. Denn im Moment des Radelns fahren auch Kreislauf und Stoffwechsel auf Touren und versorgen die Organe mit Energie. Auch das Hirn. Einstein soll die mentale Power durchs Radfahren gelobt haben und mancher Manager schwört darauf als deutlich effektivere Alternative zum Bürostuhlhocken. Der vom Bewegungsrausch Gesegnete hat es dann auch nicht mehr weit zum Entschluss, das Pedalieren alltäglich zu unternehmen. Für Spannkraft und Ausdauer, immerhin Attribute, die auch Kanzlerkandidatinnen und -kandidaten gut anstehen und die sich damit gut trainieren lassen. Nicht, dass von ihm oder ihr verlangt würde, denjenigen Betrag wieder einzufahren, den ein anderer als Schaden an der Allgemeinheit verursacht. Allein, für das eigene Befinden gilt es, sich ab und zu in den Sattel zu schwingen. Kein Fitnesstudio kann dieses Erlebnis ersetzen und auch Fußball oder Skifahren bescheren nicht denselben Gewinn und Genuss. Schon der damalige Münchner Oberbürgermeister, Christian Ude, befand: »… nur tagelang Rad fahren, von morgens bis abends im Sattel, gewöhnlich in recht flottem Tempo. So, nur so behält man seine Träume!«

Eigenständigkeit — Das Fahrrad lehrt ein ganz wesentliches Lebensprinzip, dessen sich die Politik hierzulande viel zu selten erinnert. Denn wer sich ständig durch die Gegend chauffieren lässt, macht sich abhängig: von seinem Personal, von seinen Strategen, von den Verkehrsverhältnissen, vom Komfort des Fahrzeugs, von den Fähigkeiten des Fahrers. Er oder sie lässt sich vom System gefangen nehmen, sozusagen in Isolationshaft, und delegiert in gleichem Maße an andere. Nicht nur Aufgaben, sondern auch das Wissen darüber und letztendlich sogar die Entscheidungen. Was dem gemeinen Volk die Wikipedia ist, der es längst sein freies Denken übereignet hat, stellt für die Bundesregierung die Riege der Berater dar; und zwar immer dieselben. Autonomes Fahren findet in den Fahrzeugen der Amts- und Würdenträger also längst statt, und zwar nicht nur im wörtlichen, sondern auch im bildlichen Sinne. Auf dem Fahrrad könnte sowas dagegen nicht passieren. Hier gilt es, selbst zu trampeln, um in Schwung zu bleiben. Und wenn das schon respektabel funktioniert, kann der Radelnde direkt auch die Richtung selbst wählen, sprich: lenken. Also genau das, was zu tun die Volksvertreter durch Wahlen überhaupt legitimiert werden.

Das Leben — und auch die Politik — gleichen dem Radfahren: Um die Balance zu halten, muss man in Bewegung bleiben.

Es ist ein grober Irrtum, zu glauben, der metaphorische Blick aus dem Autofenster oder die ebenso bildliche Hubschrauberperspektive reichten aus, die Geschicke eines großen Landes und damit zum Teil auch der ganzen Welt zu verstehen, geschweige denn zu beeinflussen. Es genügt längst nicht mehr, sich nur vom Katastrophenfall und im Wahlkampf hinter dem Ofen respektive Schreibtisch hervor- und aus der Komfortzone der Macht herauslocken zu lassen; solche Haltung erweist sich schon heute als antiquiert. Mehr denn je wird offensichtlich, dass Politik ohne regelmäßigen, intensiven und authentischen Kontakt zur Basis und ohne eine gehörige Portion des Selbsttuns den Anforderungen des noch jungen 21. Jahrhunderts nicht gerecht werden kann. Statt ›Schwerter zu Pflugscharen!‹ sei den Kanzerlinnen und Kanzlern in Spe und in deren Gefolge auch allen übrigen Funktionären heute ein beschwingtes ›Bürosessel zu Fahrradsätteln!‹ zugerufen. Es lohnt sich. Es befriedigt. Und es trainiert für alle Plage, die da noch kommen mag. Nicht an den Worthülsen soll man die Wahlkämpfer messen, sondern an der Mühe, die sie sich machen, um zu überzeugen. Wer den Maschinenturbo einschaltet, um im Akkord möglichst viele Auftritte zu absolvieren, dem geht es nur um die Show, um Selbstinszenierung. Wer aber stattdessen die Hosenbeine hochkrempelt, dem wird man auch zutrauen können, während seiner Amtszeit dasselbe mit den Ärmeln zu tun. Für den Rückenwind sorgen dann gerne die Wählerinnen und Wähler.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf 2oom.de.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/auf-dem-fahrrad-ins-kanzleramt/

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