Auf der Jagd

8. Juni 2013 | von Johannes Reimann

Der Kampf um die Straße wird zunehmend mit Gewalt geführt, sei es als subtile Drohung oder in Form offener Angriffe. Längst schmücken PKW-Besitzer ihr Vehikel mit Kriegserklärungen an alle Nichtmotorisierten. Der Rückfall in archaische Verhaltensweisen ist Wasser auf die Mühlen des Komplotts zwischen Macht und Geld – und dessen Inquisition gegen Radfahrer.

Stell' Dir vor, es ist Halteverbot – und keinen interessiert's ... (Foto: raumblog.de)In den vergangenen Wochen wäre ich als Fußgänger mehrmals beinahe zum Opfer geworden. Ein Lieferwagenfahrer, der in Gedanken versunken mit Schmackes über den in diesem Moment bevölkerten Fußgängerüberweg brettert; ein Taxifahrer, der beim Abbiegen darauf wettet, dass ich meine Vorfahrt sausen lasse und mich nicht mit seinem mächtigen Kühlergrill anlege (nach seiner Notbremsung wurde ich zusätzlich das Ziel wüster Beschimpfungen); eine Golf-Pilotin, die so gar nicht einsehen will, weshalb ich gerade in dem Augenblick, als sie wie eine Formel-1-Heldin die Nordkurve nimmt, der grünen Fußgängerampel folge; ein Eiliger, der beim zu steilen und hektischen Einparken nicht nur beinahe mich, sondern auch gleich noch die Hauswand kratzt … Einen vorläufigen Adrenalin-Höhepunkt bescherte mir am vorvergangenen Sonntag ein Luxemburger Golf, tiefergelegt, der mich in der Trierer Neustraße (verkehrsberuhigt) entgegenkommen sah – und Gas gab. Meine Weigerung, zur Seite zu hechten, hätte ihn fast den Außenspiegel gekostet … und mich das Leben.

›Auf der Jagd‹ – dämlicher Scherz auf Kosten von mehr als 3.600 Verkehrstoten in 2012 (Foto: raumblog.de)Allein die Inanspruchnahme der ihm zustehenden Bewegungsfläche macht den Fußgänger dieser Tage offenbar zum Freiwild. Nie aber schaut in genau solchen Augenblicken ein Freund und Helfer zu, geschweige denn, dass er Gerechtigkeit walten ließe. Das Ordnungsamt ahndet – wozu es verpflichtet wäre – nicht einmal regelmäßig die auf Sperrstreifen, im Halteverbot oder auf Fahrradwegen ›ruhenden‹ Blechkisten. Stattdessen setzen sich Stadträte lieber für die Entwidmung von Fahrradwegen ein, damit die Stellplatz-Idylle nur ja nicht durch lästige Radler gestört wird. In einer Zeit, da sich Autofahrer alles herausnehmen dürfen, die zuständigen Behörden aber mit kolossalem Desinteresse glänzen, hört der Spaß bei solchen Gags auf, wie ich heute einen zu Kenntnis nehmen musste: Da hat sich ein Autobesitzer eine scheinbare Abschussliste auf sein Gefährt malen lassen. Acht Polizisten, drei Blitzer, sechs rote Ampeln, drei Senioren und sieben Hunde, so die weiß aufgedruckte Bilanz. Völlig unwichtig, ob wahr oder im Scherz: Hier ging alle Pietät verloren; für die Vernunft jenes Zwergenhirns dürfte indes jede Hilfe zu spät kommen.

Das ›Blech des Stärkeren‹

»Siehe, das ist der Feind!« – Mit der Radel-Rambo-Debatte lenken Politik und Lobbies gezielt vom eigentlichen Skandal ab. (Foto: raumblog.de)Die politische Reaktion auf den ganz offensichtlichen Straßenkrieg: betont ignorant. Statt die Realität anzuerkennen und die jahrzehntelang katastrophal inkompetente Verkehrspolitik zu korrigieren, geriert sich der zuständige Minister im Gegenteil lieber in anderer Angelegenheit als oberster Rowdy-Exorzist und verwandelt die eigentlich notwendige Auseinandersetzung über echte Fairness im Straßenverkehr, ich möchte behaupten absichtlich, zu einem erbitterten Kampf zwischen Fußgängern und Radfahrern um spärliche Restflächen; wohingegen Alteingefahrene, wie etwa oben genannter Skalpjäger, keinerlei Einschränkungen fürchten müssen. Lieber anprangern, dass der gemeine Radfahrer regelmäßig den wehrlosen Fußgänger über den Haufen fährt, als zuzugeben, dass das rollende Wohnzimmer und sein meist einzelner Steuermann auch im Jahr 21 nach Kyoto immer noch mit Privilegien gemästet werden – selbstverständlich auf Kosten der Allgemeinheit. Mit der Radel-Rambo-Debatte bauen Politik und Lobbies auf unverantwortliche Weise ein falsches Feindbild auf und lenken gezielt vom eigentlichen Skandal ab. Welche Ironie. Zur Verteidigung der so genannten und ja so potenten ›Zukunftsbranche‹ Automobilindustrie muss das archaische – und für eine angeblich postmoderne Gesellschaft längst auch antiquierte – Prinzip »Divide et Impera« herhalten: Rad- gegen Fußverkehr, statt gemeinsam wider die exzessive Automobilisierung. Daran wird aus meiner Sicht allerdings zweierlei deutlich.

Erstens: Die Dominanz des Automobils in Politik, Verwaltung, Raumentwicklung, selbst im täglichen Leben, ist längst nicht mehr natürlichen Ursprungs und wird im Interesse einiger Weniger krampfhaft künstlich aufrecht erhalten. Daraus folgt: Heute noch überzeugte Automobilisten müssen zu den ewig Gestrigen zählen und werden vermutlich, wie einst Erich Honecker am Tag der Republik 1989, behaupten, es ginge auch noch vierzig Jahre so weiter. Dazu gehören gerade auch jene, die ihre Pflichten dieser Tage im Wortsinn sträflich vernachlässigen und der Ausbreitung des PS-Darwinismus eben keinen Einhalt gebieten.

Zweitens: So genannte ›Radverkehrsförderung‹ – zumindest die von Bundesseite – bildet nicht mehr als das biblische Feigenblättchen; die Alibi-Veranstaltung, um die gesamte Maschinerie irgendwie unentdeckt am Laufen zu halten. Es mag aufrichtige Akteure auf Landes- und Kommunalseite geben, die alles in ihrer Kraft Stehende tun, gute Voraussetzungen für die Fortbewegung per Fahrrad zu schaffen. Doch zur Party der Potentaten sind sie regelmäßig nicht eingeladen; dort treffen Geld und Macht zwischen zwei Gläsern Optimax nämlich ganz andere Vereinbarungen. Die Ersatzveranstaltung für die Unerwünschten nennt sich dann staatstragend – um wenigstens noch ein bisschen Glamour zu erheischen – zum Beispiel ›Nationaler Radverkehrskongress‹.

Das Lachen im Halse stecken

Glaubensanhänger der Tiefenentspannung mögen mir jetzt Verbohrtheit vorwerfen, und in der Tat kenne ich mich selbst eigentlich eher nicht als Kind von Traurigkeit. Das Problem liegt hier aber viel tiefer: Der ›Spaß‹, den jeder Viertakter-Dompteur sich gönnen zu dürfen glaubt, tötet Menschen! Was also die einen Freiheit und Selbstbestimmung nennen – jahrzehntelange Gehirnwäsche durch Autowerbung macht’s möglich – bildet für die anderen eine Gefahr für Leib und Leben! Da darf auch jedes nur ansatzweise Grinsen über solche vorsintflutlichen Höhlen- respektive Automalereien würgend im Halse stecken bleiben. Zehn Verkehrstote am Tag sind immer noch zehn zu viel! Verkehr ist keine Naturkatastrophe; jene, die dadurch ums Leben kommen, keine Unfalltoten, sondern Mordopfer! Hätte es in des Menschen Macht gestanden, den Tsunami, die Flut, das Erdbeben, den Tornado zu verhindern? Nein. Hätte der Mensch verhindern können, dass wie blöd gerast und auf das Leben aller anderen geschissen wird? Mit Sicherheit!

Es scheint, als habe das beginnende 21. Jahrhundert die Vernunft absichtlich bei der letzten Pinkelpause am Straßenrand zurückgelassen. Dummerweise besitzt keiner der übrigen Mitfahrer, unter ihnen Egoismus, Profilneurose, Vergnügungssucht, Respektlosigkeit [bitte selbständig ergänzen] einen Führerschein – und so donnert das tonnenschwere Vehikel namens Überfluss, völlig außer Kontrolle geraten, dem größten anzunehmenden Crash entgegen. Professor Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin bringt es in einem Spiegel-Bericht auf den Punkt: »Verkehr desozialisiert. […] Je ausgeprägter die Ich-Gesellschaft, desto größer die Verkehrsprobleme.« In dieser Anarchie, die noch schlimmer zu werden droht als der Wilde Westen, beginnen indes diejenigen mit den mächtigsten Waffen, die Kraftwagen-Fahrer, nun offenbar damit, ihre Beute zu zählen, um auf diese Weise ihre Vormacht mental zu behaupten – und sei es zunächst nur in Form eines verunglückten Scherzes.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/auf-der-jagd/

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3 Kommentare

#1

von Daniel am 22. Juni 2013 um 13.38 Uhr:
Ich kann dir nur zustimmen. Wobei der Text vielleicht ein wenig zu polemisch ist. Die Strichliste auf dem Auto ist wohl einfach dummer Humor, dessen Hintergründe sich dem Fahrer wohl niemals erschließen werden. Ich stimme mit dir auf jeden Fall bei der Kritik an den untätigen Ordnungsämtern überein. Die im Halteverbot oder auf Fahrradwegen ›ruhenden‹ Blechkisten sind ein alltägliches Ärgernis!

#2

von Johannes Reimann am 22. Juni 2013 um 13.52 Uhr:
Danke für den Kommentar. Ich sehe das ganze eben nicht mehr so gelassen, deshalb habe ich bewusst einen schärferen Ton gewählt. Da provoziert jemand mit einer Potenz, die ihn zur Gefahr für andere macht – ob bewusst oder aus Naivität, ist mir dabei egal. Wie ich schon schrieb: Für mich hört der Spaß bei soetwas auf.

#3

von raumblog.de » Schöne Grüße von Lord Helmchen am 21. Februar 2017 um 22.36 Uhr:
[…] Radfahrer-Alltag mit Helm – Wer sich heute mit dem Fahrrad auf Deutschlands Straßen fortbewegt, lebt gefährlich. Daran ändern auch Kampagnen zur Förderung einer fahrradfreundlichen Mobilitätskultur zumindest […]

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