Damit das Spiel der Mächte weitergeht

12. April 2011 | von Johannes Reimann

Es fachsimpelt sich leicht über Begriffe wie ›Entwicklung‹, ›Armut‹ oder ›Menschenwürde‹, solange kein echter Kontakt mit der Realität vonnöten ist. Die Mutigen suchen ihn im Gegenteil allerdings mit voller Absicht – und bleiben nicht selten ratlos zurück. Denn kaum eine elaborierte Strategie wird den wahren Zusammenhängen tatsächlich gerecht.

Vor genau vier Jahren – am 12. April 2007 – landete mein Flieger in Frankfurt/M., der mich von einer sechswöchigen Studienreise in Kenia und Uganda nachhause zurückgebracht hatte. Eine geschlagene Woche musste ins Land gehen, bevor ich sozusagen mit allen Sinnen wieder zuhause angekommen war; während in Deutschland, mitten im April, das Thermometer auf 30° Celsius kletterte. An Erkenntnissen konnte ich ehrlich gesagt nicht viel über die kontinentale Grenze herüberretten: Die Tour ließ mich, das gebe ich offen zu, eher ratlos zurück. Ich hatte viele arme Menschen erlebt, die selbst im tiefsten Elend noch eine gewisse tägliche Normalität zu bewahren versuchten; Reiche, die sich in der Rolle des Retters gefielen und sich dafür feiern ließen; Würdenträger und Entscheider, denen nur an der Befriedigung der eigenen Interessen gelegen zu sein schien; Strukturen, die auf Abhängigkeiten gründeten und sich so immer fort selbst perpetuierten – und all das bedeckt vom Mehltau eines stillen, aber mächtigen Abkommens zwischen den Beteiligten: Niemand stört den Status Quo!

Seit damals hat sich einiges ereignet: so etwa Heiligendamm, der kenianische Bürgerkrieg nach den Wahlen 2008, Barack Obama – aber auch Dirk Niebel … und dennoch bleibt Entwicklungspolitik stets eine Randnotiz des weltpolitischen Geschehens. Weil uns Bürger der westlichen respektive nördlichen Welt die internationale Banken- und Finanzkrise hart getroffen hat, sind wir fast ausschließlich mit uns selbst beschäftigt und sperren mal eben Hilfesuchende aus. Wenigstens brauchen wir nicht mehr zu heucheln, uns wäre irgend etwas an der Erreichung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen gelegen. Ganz davon abgesehen sind sich die Insider schon seit einiger Zeit darüber im Klaren, dass Entwicklungsgelder entweder in den Kriegskassen der Herrschenden landen oder ganz einfach gar nichts damit zu tun haben, dass sich trotzdem etwas ändert.

Tante-Emma-Laden für Welterklärer

Dieses Desinteresse kann indes nur konsequent genannt werden. Immerhin ist auch die Wissenschaft nach wie vor nicht in der Lage, Entwicklung bzw. Unterentwicklung befriedigend zu erklären. Klar gibt es Theorien und Konzepte, aber derer sind so viele und so verschiedene, dass es einem Gummibärchen-Laden für Idealisten gleicht: Jeder sucht sich die für ihn passende Farbe heraus. In einem Kommentar zum provokanten Beitrag »Hilft Entwicklungshilfe?« auf Spreeblick merkte ich vor einiger Zeit an:

»Es fehlt nach wie vor eine schlüssige Antwort auf die Frage, was Entwicklung ist bzw. welche Ursachen Unterentwicklung hat. Das geht schon los mit dem Ausgangsniveau: Heißt entwickelt zu sein, so wohlhabend wie wir zu sein? Oder doch nur wie die osteuropäischen Staaten? Geht es weniger um Wohlstand und mehr um Freiheit? Oder umgekehrt? Wie misst man das? Und Vorsicht: Solche Indizes wie der HDI spielen zwar mit ein paar mathematischen Größen, sagen aber im Prinzip nichts aus. Und wenn man sich durch den manchmal wohlklingenden, manchmal einfach nur schlechten Wust der Definitionen von Entwicklung geackert hat, wartet gleich die nächste Ungewissheit: Warum sind manche Länder unterentwickelt, andere nicht? Dazu überschlagen sich die Wissenschaftler seit den 1940er Jahren in ihren Argumentationen geradezu. Von Rassentheorien (die »faulen Wilden«) über unfaire Terms of Trade zu korrupten Eliten, von Dependenz- (»arme Länder sind zu abhängig von den Industriestaaten«) zu Modernisierungstheorien (»arme Länder müssen ihre Strukturen erneuern, dan klappt es auch«) ist für jeden Geschmack etwas dabei. Aber es hilft in der Frage nicht weiter. Und wer nicht genau weiß, warum ein Problem auftritt, der will effektiv helfen können? Die aktuellen Hilfskonzepte können da kaum mehr als Schlagworte sein (»Hilfe zur Selbsthilfe«, »Good Governance«, »Stärkung der Zivilgesellschaft« usw.).«

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Sommer vergangenen Jahres diskutierte ich sogar mit einem Bekannten, der allen Ernstes noch an die Malthusianische Bevölkerungsfalle glaubt … Nimmt sich aber schon die Diagnose zum Thema Unterentwicklung unausgegoren und fehlerhaft aus, kann erst recht niemand ein passendes Heilmittel finden. Weil die weltweit mehr als 37.000 NGOs dennoch etwas tun wollen, kommt es, wie es kommen muss: Die Programme und Projekte leiden allesamt an einer hohen Insuffizienz, wie ich im gleichen Kommentar ebenfalls beklagte.

Eine persönliche Komponente

Angesichts solcher Erwägungen könnte die provokante Frage auftauchen: Sollten wir es nicht einfach lassen? Doch auch ein solcher Fatalismus würde der Angelegenheit umgekehrt überhaupt nicht gerecht. Immerhin sind es Menschen, die in weiten Teilen der Welt elendig zugrunde gehen. Das ist mir bei meiner Reise durch Kenia und Uganda sehr stark bewusst geworden. Ob die Waisenjungs in South B, die für die Schule schon zu alt sind und sich jeden Tag neue Tricks zum Überleben ausdenken müssen, oder die Kinder in einem kleinen ugandischen Dorf, denen die Unter- und Fehlernährung deutlich anzusehen ist; bei all denen handelt es sich genau wie beim gemeinen Europäer oder sogar Deutschen um lebende, atmende Individuen, mit Fähigkeiten und Bedürfnissen, vielleicht sogar mit Hoffnungen und Träumen … Wenn aber die Menschenwürde in Deutschland und in Europa unantastbar ist, wieso sollte sie es außerhalb nicht sein? Welches Recht hätten wir, unseren Blick abzuwenden, wo wir als diejenigen, die mit der Industrialisierung eben schneller waren, dieses flächenhafte Elend doch mit verursacht haben und es noch tun (hier ganz klar zu erkennen: mein Hang zur Dependenztheorie)?

Die Weltmaschine

So sehen wir uns also einem glasklaren Dilemma gegenüber, aus konzeptionellen Unzulänglichkeiten einerseits und dem Drang bzw. sogar der Verpflichtung zu helfen andererseits. Im klassischen griechischen Drama wird eine solche Unvereinbarkeit von Zuständen oder Sachverhalten am Ende stets aufgelöst, entweder in der Katastrophe (Tragödie) oder dem Happy-End (Komödie). In der Wirklichkeit muss diese Spannung jedoch um jeden Preis fortbestehen, denn sie dient dazu, die große Maschine namens Welt zu schmieren und funktionstüchtig zu halten. The Show must go on, deshalb dürfen weder Problemlösung noch Resignation überwiegen. Die Realität schwebt wie eine metallische Kugel zwischen zwei Magneten, ohne je einem der beiden – wohlgemerkt gleichgerichteten – Pole zu nahe zu kommen: das »Spiel der Mächte«, wie der britische Dichter Walt Whitman es bezeichnet. Für die 0,7 Prozent im Alltagsgeschäft sind die westlichen respektive nördlichen Regierungen zuständig, für die Not am Mann all die vielen hunderttausend Freiwilligen in den unzähligen Hilfsorganisationen; sollte die Natur verrückt spielen, kommt die High Society zum Einsatz und dreht ein Despot mit unseren Waffen durch, setzt sich das Militär in Marsch. Auf diese Weise rotiert die Erde unbeeindruckt weiter und niemand kann beschuldigt werden, des anderen Kreise im Sand zerstört zu haben. Man könnte es auch Perpetuum Mobile des Weltgeschehens nennen, für dessen stete Fortbewegung jeder Einzelne als ein mehr oder weniger ersetzbares Bauteil zu funktionieren hat:

»Damit das Spiel der Mächte weiter geht und du deinen Vers dazu beitragen kannst.«

Darf es wirklich so weitergehen, unverändert, der Verdammnis der ewigen Wiederholung anheim fallend? Oder anders herum gefragt: Würde die Menscheit denn überhaupt einen Versuch überleben, aus dieser Balance ausbzubrechen? Allein, das solchermaßen über die Jahrhunderte etablierte Gleichgewicht ist so leicht durch nichts zu erschüttern; auch nicht durch meine heutige Grübelei zum Tage. Aber ich wollte es, schon aufgrund des Datums, einfach mal erwähnt haben.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/damit-das-spiel-der-machte-weitergeht/

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