Das Heft in der Hand

1. Februar 2014 | von Johannes Reimann

Es erspart allein noch nicht den Gang in die Suppenküche, bietet aber einen guten Anfang. Straßenzeitungen als im besten Sinne soziales Medium bereichern Leser wie auch Verkäufer_innen. Zumal, wenn die sich für deren Absatz ordentlich ins Zeug legen.

Freitagnachmittag. Eine S-Bahn in Richtung Hauptbahnhof trägt mich durch die Häuserschluchten, die von vielen kleinen und großen Schreibtischtätern an vielen kleinen und großen Schreibtischen künden. Auch ich gehöre eigentlich zum Heer der Keyboarder, nur nicht in dieser Stadt. Für ein paar Tage habe ich den Drehstuhl zuhause gegen diverse Konferenzzimmer anderswo getauscht. Geschäftsreise nennt man das. Nun liegt die Arbeitswoche hinter mir und ich fasse soeben den Entschluss, mich zu entspannen, als die automatische Tür gleich rechts von mir sich mit typischem Zischen öffnet. Eine Gestalt, hochgewachsen und sehr hager, betritt den Waggon und baut sich auf. Als der Zug wieder anfährt, beginnt der ungepflegte Mann mit langen Haaren und schmuddeligen Klamotten in blechernem Monolog das Produkt anzupreisen, als dessen ›Verkäufer‹ er sich vorstellt: den ›Straßenfeger‹, Berlins Obdachlosenzeitung.

Nicht schon wieder. Meine erste Reaktion beschämt mich selbst ein wenig, andererseits halte ich sie für gerechtfertigt: Die S- und U-Bahnen der Metropole müssen häufig wie in kaum einer anderen deutschen Stadt als Plattform für Armenkunst und Bettelei herhalten. Bereits auf der Hinfahrt am Morgen hatte ein Trompeten-Trio mich aufgeschreckt, der ich mich so ungern einzeln aus der Grübelei oder zu mehreren aus dem angeregten Gespräch reißen lasse. In Straßen oder auf Plätzen könnte ich jetzt einen Bogen schlagen, gar die Straßenseite wechseln. Doch in dieser beengten Sardinenbüchse bekommst Du keine Chance zur Flucht, das macht die Situation umso grausamer – für beide Seiten. Denn mir hilft jetzt nur noch, die Ohren auf Durchzug und die Augen in den Leerlauf zu schalten. Der Verkäufer wird heute keinen Punkt bei mir landen. Immerhin habe ich bereits während meines letzten Besuches beherzt zugegriffen.

Verborgene Talente

Doch er ist besser. Zwar mit schnarrender Stimme und im typischen Berliner Singsang, aber dennoch irgendwie sympathisch präsentiert er das Titelthema der aktuellen Ausgabe: Schlamassel; fasst die wichtigsten Beiträge zusammen und weckt Neugier; erklärt, wie man mithilfe der Anleitung im Heft erfolgreich Hundehaufen umgehen könne. Um mich herum vernehme ich leises Glucksen und Kichern. Aber nicht aus Schadenfreude oder ungewollter Komik: Hier setzt einer bei aller Abgerissenheit seinen verschmitzten Charme ein. Die verkniffenen Mienen der Mitreisenden, Spiegelbild meines eigenen Gesichtsausdrucks, entspannen sich allmählich zu einem heiteren Grinsen. Immerhin, gibt er trocken zum Besten, sei Berlin mit jährlich 50 Tonnen zu entsorgendem Kot die Welthauptstadt der Hundehaufen. Er kommt auf den Straßenfeger als Hilfsprojekt zu sprechen, auf seine eigene Rolle als Verkäufer, »bei dem Ihr Euch sicherlich fragt, ob der denn nie mit dem Reden aufhört«, und auf die Verteilung der Einnahmen; um sich schließlich für die Aufmerksamkeit zu bedanken und den Passagieren noch einen »wunderschönen und wirklich ganz brillanten Nachmittag« zu wünschen.

Die pfiffige Performance scheint ihre Wirkung zu entfalten. Einer der Fahrgäste analysiert sie sogleich in belehrendem Tonfall, legt seiner weiblichen Begleitung detailliert dar, weshalb dieser Elende dort sicherlich überdurchschnittlichen Erfolg haben werde. »Er steckt selbst im Thema, interessiert sich dafür«, doziert der junge Mann seiner stummen Freundin zu, »er kniet sich rein und lässt sein Publikum spüren, dass er sich bemüht.« Naja, und Humor und Wortwitz hülfen als Fähigkeiten sowieso schnell weiter. Während er noch redet, würdigen andere die Vorstellung bereits mit einem beschwingten Griff in ihre Geldbörse. So auch ich: Am Ende hat der Verkäufer mich doch erwischt. Ich bin mir nicht sicher, ob er in unserem Abteil alle seine Hefte loswerden konnte; würde es ihm aber wünschen.

Kein Wurstblatt: Der Straßenfeger bringt nicht nur dem Leser gute Nachrichten, sondern auch den Verkäufer_innen. (Foto: Johannes Reimann)Nicht, dass ich auf diese Weise ein paar Groschen lediglich für Luft und Liebe hinausgeworfen hätte. Der Straßenfeger kommt  souverän gestaltet daher, die Textbeiträge siedeln auf hohem Niveau. Das fiel mir schon letztens auf. Wieder kribbelt es in meinen Fingern, als ich durch die Seiten blättere, mich festschmökere. Eine Mélange aus hoffnungsvollem Traum und wehmütiger Erinnerung erfasst mich: Zeitungsromantik. Meine eigenen Gazetten, ob die in der Schule oder die im Verein, hatten sich damals nie aus ihrem Gefängnis aus A5-Format und billiger Kopiertechnik befreien können. Das hier aber ist eine professionell gemachte Postille, und sie will ausschließlich wichtiges, wesentliches berichten. Im Gegensatz zu den vielen täglichen oder wöchentlichen Massenkäseblättern aus Redaktionsabfall und Aktienkursen stehen hier echte Menschen im Vordergrund – auch und gerade diejenigen, die es dringend nötig haben: Einerseits als Geschichte im Heft, andererseits als Handelnde in eigener Sache. Denn die Verkäufer_innen können durch den Absatz der zuvor angekauften Exemplare eigenes Geld verdienen, und seien es auch nur ein paar Cent. Ein bestechendes Modell. Es aktiviert und vermeidet gleichzeitig Abhängigkeit. Das Vertriebspersonal selbst bestimmt mit Fleiß, Charme und Witz seinen Erfolg.

Romantiker statt Superhelden

Klar, Straßenfeger sein zu wollen, beschreibt ein ziemlich hohes Ideal. Wer außer Helene Fischer, dem Tatort und der Fußball-WM kann das schließlich heute noch von sich behaupten. Aber der doppelbödige Begriff zielt genau auf die Situation der Verkäufer_innen und gibt eine Parole aus: durch eigenes Engagement runter von der Straße. Völlig verdient berichtet die Zeitung deshalb von Aktiven und Ehemaligen, denen der Wechsel in ein stabiles Leben gelingt; aber auch von Tragödien und Rückschlägen, wie etwa dem profitorientierten Rausschmiss des Trägervereins aus seinen angestammten Räumlichkeiten – und bringt den Leser, der sich darauf einlässt, in Kontakt mit dieser anderen, aber genauso existenten Facette des Stadtlebens; jener, die sonst lieber hinter peinlich berührter Hüstelei verborgen bleibt. Nicht Facebook und Co., nicht die Spiegelzimmer narzisstischer Selbstdarsteller verdienen die Bezeichnung ›Social Media‹; Straßenzeitungen stattdessen sind es, im besten Wortsinn. Sie unterstützen Verkäufer_innen im Überlebenskampf, schaffen Öffentlichkeit für Menschen ohne Chance auf Privates und beglücken obendrein den Liebhaber der lokalen, kreativ interessierten, kritisch philosophierenden Kiez-Journalie.

Das International Network of Street Papers blickt in diesem Jahr auf zwei fruchtbare Dekaden zurück, weltweit sind heute mehr als 28.000 Verkäufer_innen unterwegs. Ihnen allen dürfte wohl weniger das altruistische Pflichtgefühl seltener Gutmenschen oder auch ein vereinzelter Superpenner-Comic helfen, sondern vielmehr eine stetig wachsende Leserschaft mit – vielleicht romantischer – Begeisterung für ein wirklich wertvolles soziales Medium. Und: eine gute Portion vom Humor des pfiffigen Kollegen aus der Berliner S-Bahn.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/das-heft-in-der-hand/

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