»Das könnte ich im Fernsehen nicht senden«

24. Februar 2013 | von Johannes Reimann

Durch den Film des Journalisten Frank Farenski erhält die Energiewende endlich ein glaubwürdiges Antlitz – allerdings nicht das des Bundesumweltministers. Tatsächlich trägt sie mehrere Gesichter: so viele, wie sich Menschen durch entschlossenes Handeln der Bewegung anschließen.

Leben mit der Energiewende – ein Film ›von unten‹ (Motiv: Fank Farenski)Zugegeben, der Titel atmet den Duktus von Ratgebern für den Umgang mit Altersgebrechen oder für die Bewältigung eines schweren Schicksalsschlages: ›Leben mit der Energiewende‹. Was er dagegen nicht ist: reisserisch, skandalträchtig, provokant. Die nüchterne Sachlichkeit gibt denn auch weitestgehend den Grundton der gesamten Reportage; Panik und Horror finden sich nicht im Repertoire. Unaufgeregt präsentiert Farenski seine Fakten zur Energiewende und ordnet sie ein. Und noch wichtiger: Er lässt Personen zu Wort kommen, die durch ihre eigenen Taten längst die Wende leben, wo der gesellschaftliche Diskurs zumindest dem Anschein nach noch nicht über bloße Reflexe hinausgewiesen hat – sei es der Ingenieur mit Balkon-Solarmodulen für den Eigenverbrauch, der Batteriehersteller, der Plus-Energiehäuser ausstattet oder auch der Unternehmer, der ortsunabhängige Energiegenossenschaften organisiert.

Der Filmemacher gibt zu, dass er keinen ausgewogenen Blick auf die Energiewende wirft, sieht das aber als Gegendarstellung zur anhaltenden Propaganda der Konzernlobby legitimiert: »In dem Film sind Sätze drin, die sind völlig in Ordnung, die sind wahr, die sind beweisbar«, sagt er in einem Interview mit der taz, »aber die könnte ich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht senden.« Völlig auf Stilmittel verzichten will er dann auch nicht. So wird der Bundesumweltminister im Gespräch zu einer Metapher seiner selbst und die Großindustrie schauspielerisch karikiert.

Botschaft: unumkehrbar

Die Dokumentation hat Farenski und seinen Kameramann Felix Peschko nicht nur Energie gekostet, sondern auch die Existenz. Im Interview bestätigt der Journalist, jetzt pleite zu sein. Seine offenen Worte stellen aber noch in anderer Hinsicht einen möglichen Point of no Return dar: »Ich weiß gar nicht, wie ich wieder in meinen alten Beruf zurück soll«, räumt er ein, »wenn da jemand in der Redaktion sitzt und mir sagt, was geht und was nicht.« So erweist sich die Energiewende schließlich doch noch als Schicksalsschlag, und zwar für den Schöpfer persönlich. Es ist ihm zu wünschen, dass viele inhaltliche wie finanzielle Interessensbekundungen das Opfer lohnen – und am Ende vielleicht sogar eine Korrektur der Energiepolitik.

Leben mit der Energiewende – 90 Minuten; Regie: Frank Farenski, Kamera: Felix Peschko; Deutschland 2012. Der Film wird als Ganzes sowie in seinen Einzelteilen ohne jegliche urheberrechtliche Einschränkungen bereitgestellt. Die Macher laden ausdrücklich dazu ein, Ausschnitte zu verwenden, neu zu arrangieren und auf verschiedene Anlässe anzupassen.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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