Das Prinzip Nähe

9. August 2015 | von Johannes Reimann

Eine Flucht in die Fremde haben nicht nur die Verfolgten in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt angetreten, sondern auch die meisten westlichen Wohlstandsmenschen. Denn seit die Elenden fortgesetzt in ihre Sphären eindringen, wird deutlich: Das hierzulande sorgsam gepflegte Gefühl von heimeliger Behaglichkeit war nur eine künstlich erzeugte Illusion.

Was haben Fremdenhass und Online-Dating gemeinsam? Beides funktioniert nur auf Distanz. Rassisten wie Datende können ihr jeweiliges Weltbild, ihre Vorstellungen vom vermeintlichen Gegenüber respektive Feind und vor allem ihren — zumeist in sich völlig widersprüchlichen — eingebildeten Wunschzustand nur solange aufrecht erhalten, wie sie sich und ihre Gedankenwelt nicht der Realität aussetzen, mit der Wirklichkeit Kontakt aufnehmen müssen. Die Funktionsweise ist in beiden Fällen nahzu identisch: Das Individuum bringt eine gewisse Grundhaltung mit, teilweise ererbt, teilweise sozialisiert, teilweise aufgrund charakterlicher Ausprägungen selbst gebildet. Das geistige Gemälde vom Gegenstand des Interesses — ob nun in Form von Zuneigung oder Anfeindung spielt dabei keine Rolle — hat seine Grundzüge bereits ausgbildet. Mittels zusätzlicher Informationen lässt es sich dann im Detail vervollständigen. Der Clou: Diese zusätzlichen Informationen werden selektiv ausgewählt. Das Gemälde selbst dient als Filter. Daten, die zu stark davon abweichen, werden gar nicht verarbeitet, stattdessen dringen nur solche durch, die die Grundtendenz des Gemäldes bestätigen oder gar verstärken. In beinahe niedlicher Verharmlosung heißt das im Volksmund dann ›vorgefasste Meinung‹ und die erweist sich nur in den seltensten Fällen als realitätsfest.

Ein zweiter Umstand ist kennzeichnend für diese Konstellation: Die zusätzlichen Informationen werden nicht aus Tatsachen gewonnen. Tatsächlich verdingt sich der Schein hier als Hauptlieferant. Da ja ohnehin nur die kongruenten Gedanken für eine Weiterverwertung infrage kommen, bleibt die strukturelle Fehleranfälligkeit dieses Signalwegs aber ohne Bedeutung. Wenn Medien jeden Tag darüber berichten, dass die Zahl fremdenfeindlicher Übergriffe jetzt aber nun wirklich und heute ganz besonders auf ein Rekordniveau steigt, dann kann das ja nur als Beweis dafür gelten, dass sich eine ganze Nation in trauter Eintracht gegen die Flüchtlingswelle stemmt; dass die Zahl derer, die tatkräftig helfen, ein Vielfaches davon beträgt, bleibt leider im Filter hängen. Genauso weiß die Datende hundertprozentig, dass der Typ am anderen Ende der Leitung nicht datebar ist, weil er eben nicht aussieht wie Brad Pitt. Dass sie sich über eine Woche lang sehr gut mit dem Kerl unterhalten hat (wie eigentlich fast noch nie mit jemandem), er sie zum Lachen brachte und beide sogar ein paar Leidenschaften teilen, kann sie nur alpgeträumt haben, denn es passt ja nicht ins Bild. Der Widerspruch fällt aber nicht auf, denn beide Menschentypen konstruieren sich selbst mit anderen Hilfsmitteln ein gefälschtes Gefühl der Nähe oder eines Äquivalents — wahlweise besinnungslose Party inmitten anonymer Menschenmengen oder ideologisierte Kameradschaft bis zum Gewaltexzess als nur scheinbar kollektive Rauscherfahrung —, das solange anhält, wie der Singalstrom von außen ihre Attrappe am Leben lässt. Echte, authentische, persönliche Begegungen passen freilich nicht ins Konzept.

Zeit der Auflösung

Die Allergie gegenüber der echten Nähe hat zwei Ursachen, die beide in der technischen und sozialen Entwicklung wurzeln, die die westliche Welt seit dem 20. Jahrhundert durchläuft. Da ist zum einen der Prozess immer größerer technischer Revolutionen in immer kürzeren Abständen, die unsere Fähigkeiten der Alltagsbewältigung aber oft nicht vergrößern, sondern einschränken und gar überfordern, weil sie schnell ein Eigenleben entwickeln und zum Selbstzweck werden. Zum Beispiel das Automobil: Ursprünglich entwickelt, um längere Wege in kürzerer Zeit zurückzulegen, avancierte es längst zum Vehikel der sozialen Verschiebungen; Begriffe wie Nähe, sozialer Zusammenhalt und Freiheit werden pervertiert. Verkehrswissenschaftler Hermann Knoflacher gibt in eimem Interview quasi den Bankrott des Nahbereichs bekannt:

»Das Auto wird zu einem Grundbedürfnis gemacht dadurch, dass wir Strukturen errichtet haben, die andere Mobilitätsformen nicht mehr zulassen. Es gibt keine Ziele mehr in der Nähe durch die Zersiedlung; es gibt keine Geschäfte mehr in der Nähe, die Shoppgincenter ziehen sich an die Autobahnknotenpunkte zurück; es gibt keine Sozialkontakte mehr in der Nähe; es gibt keine sicheren Bewegungsräume mehr für die Kinder, wo man als Eltern keine Sorge haben muss, dass etwas passiert.«

Die früher übliche sofortige gegenseitige Integration durch Nähe, gar wertvolle soziale Leistungen durch gegenseitige Zuwendung und Fürsorge seien heute durch das Geld ersetzt worden; statt von Gesichtern sei der öffentliche Raum heute von Autokennzeichen dominiert. Das gehe soweit, dass Eltern die Gesundheit ihrer Kinder aufs Spiel setzten, um möglichst nah an der Haustür parken zu können, wie Knoflacher andernorts zu Protokoll gibt. Die Diktatur des Blechs nimmt also gravierend Einfluss auf soziale Gefüge: »Verkehr desozialisiert«, so Mobilitätsforscher Professor Andreas Knie gegenüber dem Magazin Spiegel, »je ausgeprägter die Ich-Gesellschaft, desto größer die Verkehrsprobleme«.

Zum Beispiel die digitalen Medien: Um die Desintegration räumlicher, ökonomischer und sozialer Zusammenhänge zu übertünchen, erfand der Mensch digitale ›Kommunikationskanäle‹, die solch eine Bezeichnung eigentlich nicht verdienen. Im Internet 1.0 konnten zunächst nur Privilegierte ihren entgeistigten ›Content‹ veröffentlichen, die Möglichkeit zur Rückantwort durch Leser in Form von Kommentaren erhielt dann das euphemistische Label ›Web 2.0‹. Mittlerweile öffnen sich dem Exhibitionismus, dem Narzissmus und anderen Oberflächenschäden der Persönlichkeit Tor und Tür über Facebook, Twitter und Co. ›Soziale Medien‹ — eine an Zynismus nicht zu überbietende begriffliche Gehirnwäsche. Denn was seitdem durch die Straßen hetzt, sind Menschen, die krampfhaft ihre Finger um das Smartphone der Wahl schließen, sich Stöpsel in die Ohren schieben und in ihrer ganzen Mimik, Gestik und Körperhaltung ausdrücken, dass sie der pysischen Welt der Dinge am liebsten gar nicht angehören möchten. WhatsApp geht schließlich auch im dunklen Keller. Kontakte und gar soziale Interaktionen mit anderen, aber realen Menschen kommen auf diese Weise selbstverständlich nicht zustande. Eine Gesellschaft der gesenkten Blicke.

Online zählt wiederum nur der Schein und jeder darf selbst bestimmen, wie und wie stark er sich materialisieren möchte. Alles ist erlaubt und niemand muss die Wirklichkeit fürchten. Kein Wunder, dass vor allem dunkle Kreaturen sich hier besonders gern produzieren: »Psychologen sagen, das Internet sei ein Biotop für Menschen mit Hang zu Hass und Hetze«, schreibt Philipp Glitz auf tagesschau.de, »das zeigt sich derzeit besonders beim Thema Flüchtlinge. Bürger nutzen soziale Netzwerke, um gegen Asylbewerber zu hetzen.« Wie viel Mut braucht es, aus der Anonymität heraus anderen Menschen verbale Gewalt anzutun — seien es Beleidigungen wegen des Aussehens oder Hassausbrüche gegen die Herkunft?

Moderner Totalitarismus

Zugegeben, Nähe ist zum anderen auch nicht jedermanns Sache und wer überleben will, muss zwangsläufig Mauern errichten. Denn auch wenn politische Weichspüler gern Gegenteiliges in den Köpfen verankern möchten, ist die Gefahr der totalen Herrschaft über den Einzelnen eben längst nicht gebannt. Totalitarismus bedeutet ja nicht nur, ein bestimmtes Weltbild zum Dogma zu erheben — beispielsweise den Sozialismus —, sondern er zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass er die Hoheit über alles beansprucht und anstrebt, die Durchdringung aller Lebensbereiche, die Aufhebung der Trennung von öffentlich und privat. Im selben Maße aber, wie moderne westliche Religionen oder politische Systeme immer stärker an Einfluss auf das Individuum verlieren, gewinnen andere Götzen an Macht über die Köpfe und Herzen der Menschen: Geld, Sex, Gesundheit, Ernährung, Fitness, Naturschutz, Stereotype, von außen diktierte Denkmuster. Mit alledem verdienen sehr wenige Leute sehr viel Geld. Indem sie aber durch die allgegenwärtige Maschinerie der Werbung als Bedürfnis deklariert und kommuniziert werden, das Wollen zum Müssen umdeuten und damit den Menschen entmündigen, wirken sie besonders perfide und verhindern beinahe jede Gegenwehr. Die moderne Form des trojanischen Pferds. Konzerne dringen tief in Deine Privatsphäre, ja sogar Deine Intimsphäre ein und sagen Dir, was Du brauchst. Wenn Du Dich aus freien Stücken dagegen entscheidest, handelst Du gegen Dein eigenes Wohl. Du weichst von der Norm ab und wirst dafür mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft.

Diese Entblößung und Ohnmacht kann der moderne Mensch allerding nicht ohne Schaden über sich ergehen lassen. Mindestens das Unterbewusstsein wird Bedenken anmelden. Es bedarf einer Kompensation. Denn zu einem gesunden Selbstbild gehört auch eine halbwegs intakte Identität. Weil der moderne Alltag aber so unübersichtlich geworden ist, erscheint zu deren Beschaffung das Ausschlussprinzip am wirkungsvollsten: Sage mir, was Du nicht willst, und ich sage Dir, wer Du bist. Modus Exclusio. Feindbild. Hier kann das eigene Ich wenigstens noch mitbestimmen. Es gilt, sich von allem und jedem abzuheben, klar anzuzeigen, wohin und wozu das Ich nicht gehört. Doch das Versprechen der Selbstfindung durch mutwillige Ausgrenzung trügt. Wer stetig damit beschäftigt ist, die Zäune um sich herum höher und enger zu bauen, wird eines Tages feststellen, dass er sich selbst eingemauert hat. Die Atemluft wird knapp werden und für das Glück gibt es dann nicht mehr den kleinsten Zipfel an Platz. Selbst kollektiv erlebte Ereignisse machen dann aus dem massenhaften Nebeneinander keinerlei Miteinander mehr, aus den Teilen nicht einmal mehr eine Summe.

Heilsamer Realitätsschock

Die Autobobilisierung und die Erfindung der Hyperkommunikation haben die Menschen hierzulande nicht weltoffener werden lassen, im Gegenteil. Sie haben die Nähe abgeschafft und damit einen integralen Bestandteil des sozialen Wesens verletzt. Vollständig erlegen konnten sie es indes nicht. Es ist Zeitungen wie der ›Zeit‹ und ihren ausführlichen Reportagen zu verdanken, dass sich das Selbstbild dieser Nation wieder ein wenig in die richtige Richtung korrigiert. Menschen, die gestrandeten Flüchtlingen auf ihrem Grund und Boden würdige erste Hilfe leisten; Polizisten und Verwaltungsbeamte, die tägliche Knochenarbeit in den Aufnahmestellen leisten und dabei jeden Hilfesuchenden doch als Menschen und nicht als Fall behandeln; Vereine, die Kontakt herstellen und Unterstützung bieten. Da mag der sächsische Arzt noch so oft das Bild vom Sozialschmarotzer beschwören oder der bayerische Politiker sich mit populistischer Panikmache wichtigzutun versuchen — Deutschland hat sich das Willkommen noch nicht abgewöhnen lassen, auch wenn die dunklen Lords der Desozialisierung weiter fleißig daran arbeiten. Sie sitzen in den Redaktionen und üben die Skandalisierung derer, die es wagen, unsere Nähe zu suchen; sie sitzen am Ohr der Mächtigen und drohen ihnen den Machtverlust an, sollten sie sich nicht an die Regeln des Drinnen und Draußen halten; sie sitzen an den Lagerfeuern der Jugendlichen, um ihre eigenen Unzulänglichkeit weiterzugeben und ›die anderen‹ für ihre eigene erlebte Benachteiligung büßen zu lassen.

Manchmal scheint es, als könnten die Verfechter des Spießertums ihre Mission als Konservatoren erfolgreich erfüllen und die kleinkarierte, nationalistische Glückseligkeit im Gewand des verklärten 1960er-Jahre-Wohlstands in ihrer biederen Schneekugel gefangen halten. Mein Haus. Mein Auto. Mein Farbfernseher. Doch selbst wenn die örtliche Sparkasse den Spießer-Begriff zum bürgerlichen Ideal umzudeuten versucht: Die Illusion bleibt fragil und wird dieser Tage von der Wucht der Globalisierung zerbrochen und hinweggefegt. Wenn schon unsere Textilien in südostasiatischen Kinderhänden entstehen und an den Bauteilen für unsere Elektronik das Blut moderner Sklaven und die Schuld massiver Umweltzerstörungen kleben; wenn ein Großteil unseres Wohlstands also der Ausbeutung wehrloser Menschen außerhalb unserer Heimat enstpringt — ist es dann nicht fair, dass wir uns eben auch der Kehrseite stellen und zur Abwechslung mal Leid lindern, statt es zu verursachen? Während die Ewiggestrigen noch verzweifelt die Splitter der zerborstenen Schneekugel zusammenkehren und sich auf peinlichen Gipfeltreffen als planlose und zynische Pappkameraden selbst entlarven, schlurft die Gegenwart mit ausgemergelten Gesichtern und traumatisiert von unmenschlichen Erlebnissen trotzdem über unsere Grenzen.

Gefahr droht dabei nur den Elenden selbst, nicht aber dem bereits seit Generationen unverwüstlichen Vaterland der Dichter und Denker. Im Gegenteil: Tatsächlich bietet die ›Völkerwanderung 2.0‹ eine großartige Chance für die Menschen in Deutschland, mit dem echten Leben in Berührung zu kommen, sich nicht mehr hinter Distanz und künstlich erzeugter Fremde verstecken zu können. Die Jahrhundertfluten riefen höchstens einen zeitlich begrenzten Hochwassertourismus eitler Altruisten hervor, und es ging uns jedes Mal wieder nur um uns selbst. Der Strom der Hilfesuchenden dürfte jedoch noch länger anhalten und uns sprichwörtlich überfluten. Manche Menschen muss man eben zu ihrem Glück zwingen. Die Wellen der persönlichen Schicksale könnten uns vielleicht dazu verhelfen, eine verschüttete Fähigkeit an uns wiederzuentdecken: die echte, nicht simulierte Nähe. Die zu uns selbst und die zu anderen. Dann würden auch Online-Dating-Portale hoffentlich bald überflüssig.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/das-prinzip-naehe/

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