Das Problem der letzten Messe

16. Januar 2011 | von Johannes Reimann

Weshalb sollte der Umgang mit funktionslos gewordenen Kirchen sich von dem mit allen anderen Brachen, ob mit industrieller, gewerblicher, militärischer oder sonstiger Geschichte, unterscheiden? Im Grunde teilen auch sakrale Bauten das gleiche Problem: Kann der ursprügliche Zweck nicht mehr erfüllt werden, muss eine Nachnutzung gefunden werden.

Das Brachfallen riesiger ehemaliger Militärliegenschaften wie auch oft ebenso großzügig dimensionierter früherer Industriegebäude und -areale stellt Stadtplaner und damit insgesamt die öffentliche Hand nicht selten vor immense Herausforderungen – genannt seien nur Stichworte wie Altlastensanierung, Entwicklung und Erschließung, Akquise von Investoren und Käufern, Vermarktung usw. – und hat dazu geführt, dass die Konversion, d.h. die Um- bzw. Nachnutzung brachgefallener Flächen, heute eine eigene Disziplin bildet, in der vor allem die Nutznießer großflächigen Erbes fit sein sollten. Gleichwohl werden solche Flächen doch zumeist als Chance für die städtische Entwicklung gesehen, zumal sich Grundstücke im Innenbereich naturgemäß immer weiter verknappen – selbst das Projekt Stuttgart 21 ist letztendlich nichts anderes als eine riesige Umnutzungsmaßnahme auf mehr als 100 Hektar Innenstadt naher ehemaliger Bahnfläche. Und so haben Industrie- wie Militärkonversion im Laufe der Zeit eine große Auswahl gelungener Projekte hervorgebracht. Doch ein drittes Element in dieser Dreifaltigkeit wird bis dato häufig übersehen oder absichtlich nicht wahrgenommen: Die Rede ist von der Umnutzung ehemaliger Kirchen und Gotteshäuser, ein Prozess, den ich hier ›Sakralkonversion‹ nennen möchte.

Delikate Angelegenheit auf dem Vormarsch

Sakralkonversion – wenn Kirchen demnächst keine mehr sind ...  (Foto: Johannes Reimann)Mag es auch ein Gefühl der Peinlichkeit auslösen, oder aber ungläubiges Leugnen, ›bei uns‹ könne doch so etwas nicht passieren, oder fehlt einfach noch die Gewöhnung an diesen Umstand: Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass auch Sakralbauten abgestoßen werden und damit ihre ursprüngliche Funktion verlieren können; als Ursache gelten zumeist Verringerung der Gemeindestärken, Rückgang der Finanzkraft von Bistümern und Kirchenprovinzen und gleichzeitig ein Anstieg des Finanzierungsdrucks durch anstehende Reparatur- und Sanierungsarbeiten oder durch zu hohe Unterhaltskosten. Für nicht wenige Kirchen stellt sich in der Realität also durchaus die Frage, ob sie noch als solche gebraucht werden – und was mit ihnen geschehen soll, wenn nicht. Die Zahl dieser Fälle ist dabei allerdings keineswegs eine Marginalie, auch wenn der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, in einem Interview mit der Zeitung Die Welt von Januar 2007 gern diesen Eindruck erwecken wollte:

»Zu den Kirchen gehören viele Immobilien, deren Sanierung auf absehbare Zeit finanziell kaum verantwortbar ist. Darunter können auch einige Kirchen und Kapellen sein. [..] Man sollte aber die Anzahl nicht überschätzen.«

Erstaunlicherweise war bereits im Jahr zuvor bekannt geworden, dass beispielsweise das Bistum Essen ein Viertel seiner Kirchen ›außer Dienst stellen‹ und sozusagen ›Nachmieter‹ suchen würde. Schätzungen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gehen davon aus, dass deutschlandweit bis zu 15.000 von insgesamt 45.000 Kirchen (protestantisch und katholisch) ihre Nutzung verlieren könnten: Bei der geringen Zahl der verbliebenen Gläubigen herrscht einfach ein Überangebot an Sakralbauten. Was aber geschieht mit den geschlossenen Gotteshäusern? Selbstverständlich setzen sich landauf, landab vor allem Denkmalpfleger dafür ein, die Gebäude in jedem Fall zu erhalten, und veranstalten dafür Tagungen und Kongresse. Auch bei den jeweils Betroffenen steht die Zukunft der von Schließung bedrohten Kirchen natürlich auf der Tagesordnung, wie beispielsweise in Bochum im Ruhrgebiet. Gleichwohl scheint die Sakral- gegenüber der Militär- und Industriekonversion noch ein Schattendasein zu fristen, scheint das Thema in dieser Massivität noch längst nicht in der Gesellschaft angekommen zu sein. Kaum ein Stadtplaner hat sie, beispielsweise im Rahmen von modernem Flächenmanagement, bisher auf der Rechnung – nicht als Anliegen der lokalen Gemeinschaft und schon gar nicht als öffentliche Aufgabe. Eine delikate Angelegenheit, die allerdings wegen der zumeist sehr zentralen Lage wie auch durch die Stadtbild bestimmende Architektur der Bauten gar nicht ausgeblendet werden kann – und darf.

In der Umnutzung liegt Abwertung

Ein Quäntchen Verständnis für diese Zurückhaltung ist dabei allerdings nicht verkehrt. Schließlich wird die Umnutzung eines Kirchengebäudes – selbst wenn es zuvor bereits verwaist war – auch heute noch vorwiegend als Verlust wahrgenommen; und zwar, wie Gert Pickel feststellt, in mehreren Dimensionen: erstens als Identifikationsort für die betroffenen Gläubigen, aber auch für viele Menschen, zu deren Umfeld die Kirche gehört und mithin für die gesamte örtliche Gemeinschaft; zweitens als sozialer Ort in seiner Funktion als Stätte zur Weitergabe von Traditionen und religiösem Wissen; drittens als Ort für Versammlungen, Kommunikation und sozialen Interaktionen und schließlich viertens als Ort der Kultur, die sich einerseits im praktischen Vollzug kultureller Formen – beispielsweise Liturgie, Musik –, andererseits in der kulturhistorischen wie architektonischen Bedeutung der Bauwerke selbst äußert. Kirchen seien kulturelle Zentren und mit dem Verlust ihrer ursprünglichen Funktion gehe, so Pickel weiter, auch eine scheinbare Minderung der kulturellen Kompetenz einher.

Möglicherweise ist dieses Verlustgefühl ursächlich für ein weiteres Phänomen im Zusammenhang mit Sakralkonversion, wie es Rainer Fisch beobachtet: Wenn die Arbeitshilfen der evangelischen wie der katholischen Kirche davon sprechen, die neue Nutzung dürfe »dem Charakter des Gebäudes nicht zuwiederlaufen« bzw. die Kirchen seien »nach sorgfältiger Prüfung einer angemessenen Zweckbestimmung zuzuführen«, so gelten für die konkreten Abwägungen vor Ort in den seltensten Fällen rationale Kriterien als oberste Maßgabe. Stattdessen werde stets zuerst nach Funktionen gesucht, die der ursprünglich sakralen Nutzung am nächsten kämen.

»Jedes neue Nutzungskonzept wird in der Regel als eine Abwertung wahrgenommen. Ökonomische oder denkmalverträgliche Überlegungen treten hinter diesen Aspekt zurück. Auch die staatlichen Denkmalpfleger sind nicht frei von dieser Werte-Priorität.«

Abwertung und Verlust – um diese beiden Vorgänge zumindest teilweise zu kompensieren, den Anstand zu wahren oder auch das Gewissen zu beruhigen, gehen die Verantwortliche allzu häufig zu viele Kompromisse ein; Fisch nennt dafür in seinem Text einige Beispiele. Sakralkonversion spielt eben in einer andere Liga als etwa die Umnutzung einer früheren Brauerei oder eines ehemaligen Schlachthofes. Das ist an sich auch nicht zu beanstanden. Pickel weist indes darauf hin, dass die Amtskirchen aus Furcht vor dem No-Go wie Diskotheken, Moscheen oder Einkaufszentren lieber gänzlich oder aber wenigstens teilweise die Kontrolle über ihre Gotteshäuser behalten wollen, was dann aber wiederum die Liste der sinnvollen Nachnutzungen erheblich schmälern kann. Diesem Trend redet auch das vom Theologen und Bauingenieur Matthias Ludwig formulierte Stufenmodell das Wort: Nach Mehrfunktionalität – Gebetsraum und Begegnungszentrum im Kirchengebäude – und Nutzungspartnerschaften durch Teilvermietungen sei erst ganz zuletzt über eine vollständige Umwidmung nachzudenken, selbstverständlich »unter Wahrung kirchlicher Nutzungsrechte und Verfügungsansprüche«. Der Abriss eines Kirchenbaus schließlich stellt laut Deutscher Bischofskonferenz die »ultima ratio« dar; in den Augen ihres ehemaligem Vorsitzenden gibt es anscheinend aber schlimmeres:

»Im Einzelfall kann es besser sein, eine Kirche abzureißen, anstatt sie fragwürdigen Zwecken auszuliefern.«

Emotionen grarantiert

Eine solche Politik kann indes zu hoch dramatischen Situationen führen – vor allem dann, wenn sich die Beteiligten nicht einig werden, welche neuen Zwecke fragwürdig sind und welche nicht. Ein Beispiel dafür bietet der in späteren Stadien auch über Presse und Gerichte ausgetragene Streit um die katholische Kirche St. Marien in Bochum-Mitte. Hier standen sich die Positionen ›Abriss‹ und ›Umwidmung‹ als verhärtete Fronten gegenüber; Befürworter des Rückbaus entfernten in einem guerilla-ähnlichen Akt sogar die Fenster der Kirche, um die Substanz des Gebäudes der anhaltenden Verwitterung auszusetzen und damit Fakten zu schaffen. Wo der Streit über lange Jahre die Gemüter erhitzte, halfen Landesmittel und RUHR.2010 schnell, Klarheit herzustellen. Mittlerweile ist der Erhalt der Marienkirche beschlossen und auch schon ein Wettbewerb für die Umgestaltung zum Kammermusiksaal entschieden.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass weder die Amtskirchen noch alle anderen Beteiligten an einer langen, kraft- und sicherlich auch nervenraubenden Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Einzelfall vorbei kommen. Zwar gibt es die besagten Entscheidungshilfen; sie treffen aber keine wirklich nützlichen Aussagen zur Nachnutzung der Sakralbauten. Dass kein Patentrezept existiert, kann als Indiz für einen weiteren erschwerenden Fakt gesehen werden: Ehemalige Kirchen taugen kaum als renditefähige, attraktive Immobilien, wie Ludwig in seinem Text feststellt. In Zeiten leerer Kommunalkassen und vor dem Hintergrund der immer weiter fortschreitenden Schließung öffentlicher Einrichtungen sind eine oder mehrere zusätzliche Brachen im Stadtgebiet milde gesagt eher eine Herausforderung und auf jeden Fall ein Zuschussgeschäft.

Auf der Suche nach Erfolgsgeschichten

Wenn erstens aber möglichst jede einzelne Kirche erhalten bleiben soll; wenn zweitens Entwicklungen wie in England und den Niederlanden, wo ehemals zentrale Stadtkirchen auch schon mal zu Supermärkten für Babybedarf, Kinderwagen und Sanitärbedarf umgewandelt werden, eher kein gutes Beispiel geben; wenn drittens die jeweiligen Glaubensgemeinschaften soweit wie mögliche ihre Hoheit über die Gotteshäuser bewahren wollen, aber viertens auch kaum diejenigen sind, die sich als Gewinn erstrebender Investor betätigen können oder wollen (denn ansonsten bräuchten sie die Gebäude ja gar nicht abzustoßen) – welche Nutzungen bleiben dann real noch übrig?

Eine erste Option stellt natürlich die Privatisierung dar, dauerhaft oder auch temporär. Hier geht es vor allem darum, die denkmalwürdige Bausubstanz zu erhalten und die neue Nutzung, beispielsweise Wohnräume, sinnvoll und schonend zu integrieren. In einer ehemaligen Kirche zu wohnen, kann schon mal merkwürdige Gefühle auslösen, sieht aber je nach Kompetenz in Sachen Architektur möglicherweise ziemlich schick aus. Auch Generationen übergreifendes Wohnen scheint denkbar, möglicherweise auch Büros oder Buchhandlungen. Als klassiche Lösung werden allerdings nach wie vor Kultur- und Eventeinrichtungen gehandelt –  siehe St. Marien in Bochum-Mitte; aber auch die ehemalige Kirche St. Mauritius in Saarbrücken lebt mittlerweile ihr zweites Leben.

Kreativität als dritter Weg

Die Fachhochschule Trier nahm sich ebenfalls des Themas an und präsentierte jüngst Diplomarbeiten im Rahmen des Fachs Innenarchitektur, die Professor Alois Peitz, Kursleiter und früher langjähriger Diözesanarchitekt des Bistums Trier, als einen ›dritten‹ Weg bezeichnet. Von einer  stadtteilübergreifenden Tafel ist da die Rede, von Tanzschule und Socialcafé, aber auch von Kleinkunstbühne, Pilgerhostel und sogar Spielbank. Abwegig oder nicht, die Ideen sollten erst einmal Raum greifen dürfen, bevor sie sofort auf einer schwarzen Liste landen. Sympathisch tut sich dabei der Grundton der Konzepte hervor, der Sakralkonversion nämlich nicht als Übel begreift:

»Umnutz von Kirchen ist keine Katastrophe, birgt die Chance, die Welt wieder in die Kirche zu holen. Kirche und Welt wieder zu verknüpfen.«

Peitz plädiert dafür, den Begriff Liturgie neu zu denken, sie nicht nur im geschlossenen Gebet christlicher Gottesdienste, sondern gerade auch in der neuen Verwendung umgenutzer Kirchen Gestalt werden zu lassen; durch Musik und Tanz, durch »himmlisches Gastmahl« und »Gespräche über Gott und die Welt«. Dieser Ansatz scheint mir momentan der erfrischendste in der gesamten Debatte um Substanzerhalt, angemessene Nutzung und architektonische Notwendigkeiten.

Fakt ist, dass vor allem Stadtplaner und eigentlich die gesamte Öffentlichkeit eines Ortes in nächster Zeit mit immer mehr brachfallenden Kirchen rechnen und sich nicht aus der Diskussion um die Nachnutzung heraushalten sollten; dass frühere Betreiber, also meist Glaubensgemeinschaften, ihren Horizont der Möglichkeiten nicht allzu schnell und eng abstecken und dass alle Beteiligten die Entwicklung behutsam und mit Rücksicht auf den besonderen kulturellen wie emotionalen Wert von Sakralbauten betreiben sollten. Die Umwidmung von Kirchen ist kein Untergang, sollte aber engagiert und konzentriert verfolgt werden.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/das-problem-der-letzten-messe/

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