Die ganze Wahrheit über die Panama Papers

7. Mai 2016 | von Johannes Reimann

Klägliche Profilneurose statt revolutionstiftender Recherche: Nachrichtenredaktionen bemühen sich um ein höheres Ansehen ihres Jobs, indem sie ihn künstlich dramatisieren. Was aber als gefeierter Aufreger unter der Glocke der journalistischen Selbstüberschätzung schrill von allen Wänden widerhallt, erregt draußen, in der Realität, als dumpfes Pochen allenfalls ein müdes Gähnen.

Seit mehreren Wochen inszenieren führende Medienhäuser ihre Veröffentlichungen um die so genannten ›Panama Papers‹ als Feldzug gegen das Böse. Webseiten, Infografiken, Videos, Beiträge um Beiträge. »Jetzt spricht die Quelle«, titeln sie derzeit wieder. Sie führen Rücktritte von Mächtigen und Razzien bei Verdächtigen ins Feld, um zu beweisen, welche Bedeutung dieser Entdeckung zugemessen werden müsse. So viel, dass die verantwortlichen Redakteure mehr als ein Jahr auf das verwendeten, was nun immer besser als Kampagne zu erkennen ist: und zwar einzig in dem eigenen, dominierenden Interesse, noch eine Rolle zu spielen im zunehmend turbulenten Welt- und Nachrichtengeschehen.

Schlampig geprobtes Bühnenstück

Da kommt ihnen ein neuer Whistleblower gerade recht, der das dringende Bedürfnis verspürt, die Öffentlichkeit über Vorgänge aufzuklären, die er selbst für himmelschreiendes Unrecht hält. Wer, wenn nicht sie, die Bewahrer der Wahrheit und die stetigen Streiter für das Gute, können diesem Ansinnen mithilfe ihrer starken Waffe, dem spitzen Wort, wohl zur angemessenen Geltung verhelfen? Sei es aus der Euphorie des Überschwanges, sei es aus Hast: Sie begehen dabei mindestens drei Fehler, die ihre scheinbar hehren Absichten als Kalkül, wenn nicht gar als bewusste Manipulation entlarven.

Alberne Überhöhung: Steuerhinterziehung ist wahrlich kein neues Phänomen, und langsam, aber sicher, lässt sich in der Öffentlichkeit eine gewisse Ermüdung ob dieses Vorwurfs feststellen. Millionenschwere Prominente wie Michael Schumacher kehrten auch nicht geplagten Gewissens in ihre Heimat zurück, nachdem mehrere Steuer-CDs durchs Dorf getrieben worden waren; Uli Honeß durfte wegen guter Führung früher wieder weg und sorgt jetzt in Freiheit für vorsenile Verwirrung. Es tat schon ein wenig weh, den Moderatoren der Tagesthemen ein ums andere Mal beim angestrengten Bedeutungsheischen zuzuschauen, wenn sie wiederholt die mit gekünstelt optimistischem Unterton garnierte Frage stellten, wer denn heute aufgrund der Enthüllungen noch alles zurückgetreten sei. David Cameron jedenfalls nicht. Der Premierminister von Island sicherlich. Aber wie hieß der noch gleich?

Eitle Inkonsequenz: Der kritische Mediennutzer muss sich verwundert fragen, weshalb denn keinerlei Steuerdaten aus dem vorgeblichen Skandal bei den zuständigen Behörden landen, vor allem, wenn das, wie die Quelle behauptet, tausende Anklagen nach sich zöge. Was nützt der Pranger, noch dazu der akribisch inszenierte, wenn die Beschuldigung nicht vor einem ordentlichen Gericht stattfindet? Es entsteht der enttäuschende Eindruck, die Überbringer der Nachricht wollten sämtliche Lorbeeren für sich selbst einheimsen, und zwar sofort. Rücktritte lassen sich eben noch im selben Atemzug ausschlachten, gewissenhafte Strafverfolgung interessiert morgen schon niemanden mehr. Einmal Instant-Ruhm, bitte. Mit heißem, nicht mehr kochendem Wasser aufgießen und fünfzehn Minuten ziehen lassen. In seltsamer Verdrehung des Robin-Hood-Prinzips deuten die Ruhmsüchtigen dann die eigentliche Heldentat, die Weitergabe der Informationen an die Justiz, als anrüchig und ehrenrührig um und lassen sie gar vollständig fahren. Es grüßt Eugen Roths Mensch vom Sprungbrett. Da sollte wohl die Frage erlaubt sein, ob sie sich nicht sogar mitschuldig machen, beispielsweise der Strafvereitelung. Doch selbst, wenn nicht: Für die Fehlinterpretation ihrer ursprünglichen Aufgabe, nämlich über Heldensagen zu berichten, statt sich selbst als Held zu gerieren, hätten die solchermaßen in Willkür handelnden Schreiberlinge im Deutschunterricht keine bessere Note als eine Vier erhalten.

Gefährliche Absolution: Schon gewinnen die Stimmen an Lautstärke, die eine Immunität für Whistleblower fordern. Menschen, die der Wahrheit zum Durchbruch verhülfen, setzten sich grundsätzlich selbst diversen Gefahren aus, vor denen sie zu schützen seien. Ein Schelm, der annimmt, hier sollten Beschaffungswege für die Ware Skandal langfristig gesichert werden. Doch so heroisch (da haben wir es wieder!) solche Gestalten auch erscheinen mögen — und diesen Nimbus erringen sie ja gerade erst, weil es sich mit ihrer eigenen Gefährdung genau so verhält —, darf darüber ein Umstand nicht verschwiegen werden: Sie maßen sich an, selbst das Urteil darüber zu fällen, welche Wahrheit laut ausgesprochen gehört. Was, wenn sie sich irren? Leider nehmen die Redaktionen gerade im Zusammenhang mit den Panama Papers wieder einmal billigend inkauf, dass der Glaube sich verfestigt, es handele sich um eine Entscheidung zwischen richtig und falsch. Tatsächlich aber dreht sich alles nur um unterschiedliche Interessen. Einer hat das Interesse, ein Geheimnis zu bewahren. Ein anderer, es zu lüften. Um den Ausgleich zu bewerkstelligen, verfügt jeder Rechtsstaat über praxistaugliche und erprobte Regelwerke. Wer dagegen verstößt, macht sich strafbar. Wäre es nicht so, heiligte plötzlich jeder Zweck alle Mittel. Wer kennt nicht den feuchten Traum, das Auto des Nachbarn anonym und ungestraft zu zerkratzen, weil es mal wieder unberechtigterweise auf dem falschen Parkplatz steht … Immunität für Whistleblower machte das Denunziantentum wieder gesellschaftsfähig und führte in ein Milieu der Angst, das diesem Land vom letzten Mal noch immer mahnend in den Knochen stecken sollte. Die Gefahr, in die sich jeder Flüsterer begibt, funktioniert daneben ja auch als Filter: Er wird sie nur für wirklich drängende und bedeutende Angelegenheiten auf sich nehmen.

Sturm im Wasserglas

So wie im Falle Panama. Die Quelle sei sich der »Ungeheuerlichkeit« der Dokumente bewusst geworden und habe aus diesem Antrieb heraus die Veröffentlichung angestrebt. Leider verhält es sich hier, wie schon mal angedeutet: Die Brisanz entspringt einzig der Einbildung einiger Weniger, dem Irrtum, mit der Mehrheit dieselbe Einschätzung zu teilen. In Wahrheit interessiert sich die breite Öffentlichkeit aber gar nicht für die Panama Papers. Diejenigen, die über kein ausreichendes Vermögen oder Einkommen verfügen, um sich mit kreativer Steuergestaltung auseinandersetzen zu wollen, resignieren und wissen längst über die Tricks der Reichen und Schönen bescheid. Und diejenigen, die sich bereits mit dem Gedanken vertraut machen, selbst eigene kleine oder große Steuerfluchten einzuschlagen, bedanken sich für jeden Hinweis über Fehler, die sie selbst nicht mehr begehen werden. Was bleibt? Nur künstliche Empörung. Ein verzweifeltes Ritual, das seine Natur nicht mehr verbergen kann. Der Trost dieser Blamage gründet sich in der Erkenntnis, dass willentlich angestrebte und medial konzertierte Manipulation doch nicht in jedem Fall eine große Macht entfaltet. Panama ist weit weg. TTIP, der Atomendlagerungsdeal, die Kaufprämie für Elektroautos — es gibt viele Dinge hierzulande, die einen deutlich lauteren Aufschrei verdient gehabt hätten.

Gezielte Irreführung: Wiewohl der Autor stets danach strebt, seinen Beiträgen sprechende, treffende und Neugier weckende Titel zu verleihen, wagt er diesmal ganz bewusst den Griff ins Plakative; einerseits als Stilmittel, um die Intention des Textes zu unterstützen, andererseits als Experiment, um zu beobachten, welchen Kurs die Leserzahlen daraufhin nehmen. Selbstverständlich gibt es hier kein einziges Faktum zu erfahren, das nicht schon bekannt oder gar anderswo noch tiefer ausgeführt wäre.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/die-ganze-wahrheit-ueber-die-panama-papers/

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