Die Geister, die Ihr rieft …

14. März 2016 | von Johannes Reimann

Am fünften Tag schockschwere Not, am sechsten Tag ... Die Betroffenheit des Establishments angesichts der erstarkten Aufmüpfigen kann nicht überzeugen. Statt Wehrhaftigkeit regiert Eitelkeit und der Tanker namens Demokratie schlägt leck. Nicht ein Wunder, sondern nur ehrbare und ernsthafte Arbeit kann das Land noch retten.

»Der Wähler hat gesprochen«, sagt Frank Plasberg in seinem wie üblich wimmernd um Bedeutung bettelnden Quasi-Politik-Talk am Abend danach, »die Frage ist nur: Wie wird das in Berlin verstanden?« Zur Erinnerung: Gewählt wurden die Parlamente in Stuttgart, Mainz und Magdeburg. Die Frage passt also nicht zur Realität. Der Sender, seines Zeichens Hofchronist der übermächtigen Regentin, aber auch nicht. Der alerte, aber alternativlose, weil mit der Mediathek der öffentlich-rechtlichen Anstalten alleingelassene, Zuschauer reibt sich erst die Ohren, dann betätigt er frustriert das kleine X in der rechten oberen Ecke. Zuviel des Schlechten. Das geht auf keine Kuhhaut, hätte die Großmutter gesagt. Da musste der nachdenkliche und so gar nicht politikverdrossene Zeitgenosse, fern des Rentenalters, schon mehr als eine halbe Stunde lang die servile Regierungshuldigung einer deutlich untertalentierten Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios in Überlautstärke über sich ergehen lassen. Nomen est Omen. Zu Wort kommen in diesem Brennpunkt der Berliner Eitelkeit nicht die Grünen und nicht die AfD, also keiner dieser zwei Gewinner der Landtagswahlen; stattdessen nur die Koalitionsparteien aus dem Bundestag. Immerhin, die fehlbesetzte Journalistin versucht, beiden Granden gleich halbherzig, wenigstens eine kleine Spur von Selbstkritik zu entlocken. Doch die Gleichschaltung hat längst ihr Werk getan. Am Kurs der Kanzlerin in der Flüchtlingspolitik bestehe jetzt erst Recht kein Zweifel, so Kauder und Gabriel einmütig, obwohl durch die Zeit getrennt. Merkel leuchtet unterdessen stumm vom überdimensionierten Plasmamonitor herunter wie einst das Konterfei des Staats- und Parteichchefs in jedem Wohnzimmer. Und dann der unsägliche Frank, der sich anscheinend selbst Grund zur Langeweile bietet und deshalb neuerdings das Quiz-Maskottchen gibt. »Die Wut-Wahl: Verliert Deutschland die politische Mitte?«

Selbstverschuldete Dystopie

Nein. Aber das politische Establishment verliert die Besinnung. Hat sie längst verloren. Nicht anders ist der so unverhältnismäßig große Triumph von Volksverhetzern überhaupt zu erklären. Um es deutlich zu sagen: Die so genannte ›Alternative für Deutschland‹ hat bislang durch nichts ihre Eignung als verfassungsmäßig anzuerkennende politische Partei bewiesen. Profilneurotikern und Hasspredigern ist stattdessen das Kunststück gelungen, in allen Lagern und sogar massiv unter den Nichtwählern die Frustrierten dieser Länder einzusammeln. Wobei es sich dabei gar nicht mal um Kunst handelt noch um Handwerk. Denn große Mengen abzuschöpfen fällt dort besonders leicht, wo Überfluss produziert wird. Die Heerscharen der AfD-Wähler rekrutieren sich nämlich aus der immer weiter wachsenden Zwischenwelt der gesellschaftlich Vergessenen, wabern wie Zombies des politischen Willens aus der Jauchegrube der Ignoranz hervor, die anzufüttern der politisch-mediale Komplex um keine Selbstinszenierung verlegen ist. Der einzige Trost besteht zur Stunde darin, dass hinter den Horden der Orks scheinbar kein Sauron steht, kein Mastermind, das die Gewalten der Masse mit nur wenigen Fingerbewegungen zur tödlichen Flut werden ließe. Noch nicht. Dieser Armee des Übels zu Waffen verholfen hat das — den eigenen Bekundungen nach — Gute aber selbst.

Denn welches Signal geht davon aus, wenn der noch nicht letztgültig bestätigte Ministerpräsident eines in gewisser Weise souveränen Bundeslandes zuallererst bei der Mutter der Nation beflissen zum Rapport erscheint, bevor er überhaupt den Fuß in seine einstigen und möglicherweise künftigen Diensträume setzt? Welche Botschaft soll der Umstand vermitteln, dass eine Sondersendung zur Landtagswahl in drei Bundesländern mit einem Bericht über das Ersprochene eines Krawallbruders beginnt, dessen Reich nicht einmal an die besagten Gebiete grenzt? Wie könnte der Filz aus Mächtigen und Berichtenden dem Unmut großer Bevölkerungsteile noch deutlicher das Prädikat »völlig zu Recht« verleihen als mit dem eigenen, unbeholfenen und einmal mehr arroganten Versuch, die neue Kraft schlicht und ergreifend auszublenden, nicht zu Wort kommen zu lassen? Die Etablierten üben sich zur Stunde in reflexhaften und völlig veralteten Mustern der Realitätsverdrängung. Die Union feiert es als ihren Erfolg, dass Rot-Grün bzw. Grün-Rot nicht mehr funktionieren. Destruktion als peinliches Trostpflaster. Die Grünen beten ihren Messias an, während der in ihrem Traum schon über das Wasser geht. Baden-Württemberg als das gelobte Land der Besserwisser. Die Sozialdemokraten schreiben sich selbst, sogar nach der Agenda 2010, nach der Entfesselung der Kapitalmärkte und nach der desaströsen Misswirtschaft in vielen Fällen, noch immer die Kernkompetenz des sozialen Zusammenhalts zu. Selbsttäuschung als Parteiprogramm. Fehler hat sich niemand vorzuwerfen, Ausflüchte sprießen wie in einem unkontrollierten Gewächshaus. Die Grünen in Rheinland-Pfalz seien nach eigenen Worten von der Zweitstimmenkampagne ihres Koalitionspartners »ausgeblutet« worden. Die Linke in Sachsen-Anhalt habe massiv Stimmen verloren, weil sie sich zu Weltoffenheit und aufrechter Demokratie bekannt habe. Dummes Wahlvolk. Im Zweifel war es der Flüchtling. Vor fünf Jahren war es übrigens der Japaner, in den Achtzigerjahren der Russe.

Die zehnte Plage

Haseloff will keine Partei rechts von der Union dulden, gleichzeitig aber sein Land ›weiterhin‹ aus der Mitte heraus regieren. Spagat des Wahnsinns. Dafür habe er vom Wähler einen klaren Auftrag erhalten. Allein mit dieser Aussage verprellt er bereits ein Viertel der Wähler, das ihm bei der nächsten Wahl dafür mit Sicherheit nicht aus lauter Dankbarkeit seine Stimme opfern wird. Nein, Deutschland verliert nicht seine politische Mitte. Doch die politische Elite verliert ihren Blick für die Realität. Die AfD darf nicht als Naturereignis oder als Krankheit missverstanden werden, die plötzlich und unvermeidbar über die Menschen herreinbräche und die sich höchstens wegbeten ließe. Nichts ließ sich in letzter Zeit so deutlich voraussehen wie der Aufstieg der Unbequemen — übrigens kein spezifisch ostdeutsches Phänomen, sondern dort nur besonders stark ausgeprägt. Doch es regte sich keine Einsicht, der Alltagsbetrieb drehte sich weiter um pfründige Gier und selbstverliebte Nabelschau, statt um die Sorgen der Verunsicherten. Hörigerweise vornehmlich in Berlin und München, und nicht vor Ort. Auch solche, die sich nun bestürzt äußern, wie etwa Wirtschaftsverbände, taten nichts, um das Unheil zu verhindern. Wer etwa vermeiden will, dass Unmut über soziale Ungerechtigkeit den Nährboden gibt für massiven Protest bei der Wahl, hätte soziale Ungerechtigkeit ja abbauen können. Doch sämtliche Propheten blieben ungehört. Nun feiert die Plage also fröhliche Urständ und reklamiert für sich, die Partei des sozialen Friedens sein zu wollen — nur wenige Wochen nach dem verbalen Schießbefehl gegen Flüchtlinge. Das tut richtig weh, wird sich aber beizeiten als Camouflage enttarnen lassen. Völlig korrekt dagegen: »Wir haben eine große Menge Nichtwähler für die Demokratie zurückgewonnen.« Den Alteingesessenen sollte dieser Befund der Nicht-Alternative bitteschön bis ins Mark fahren. Ihnen steht das blutige Wasser nun bis zum Hals, und kein Narzissmus dieser Welt wird sie in die Lage versetzen, sich das schönzureden. Vertrauen gewinnt nur, wer des Vertrauens würdig ist und nicht, wer stets und ständig an Berlins Lippen hängt, gänzlich ohne eigene Seele. Es gilt, endlich eigenen Willen und eigenen Antrieb zu entwickeln. Katharsis statt Theodizee. Viel Zeit bleibt nicht mehr.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/die-geister-die-ihr-rieft/

Ausdruck und Speicherung nur für den persönlichen Gebrauch. Vervielfältigung und Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors. Alle Rechte vorbehalten.

0 Kommentare

#0

Bisher noch keine Kommentare

Eintrag hinterlassen

Bitte aktiviere JavaScript!