Die Zukunft liegt vor der Haustür

8. April 2011 | von Johannes Reimann

Weil sich schlechte Nachrichten nun mal sehr gut verkaufen, wird viel zu häufig über vermeintliche Einbußen, Opfer und Kosten berichtet, die die Abkehr vom Atomstrom angeblich mit sich bringen wird. Eigentlich bietet die Energiewende sogar eine große Chance, Strukturen zu reformieren und Potenziale stärker auszunutzen. Doch selten stehen die Entscheider dem Prinzip Nähe auch selbst nahe.

Woher wird die Energie der Zukunft kommen? (Foto: Falk Blümel/ pixelio.de)Es nimmt sich natürlich ausgesprochen leicht aus, auf die Atomlobby und deren Lügenpropaganda zu schimpfen. Kernenergie ist heiße Luft von gestern – auch wenn uns die bisher produzierten radioaktiven Abfälle noch einige Jahrtausende heimleuchten werden –, davon sollte sich jeder verantwortlich denkende Bürger mittlerweile überzeugt haben können; nicht nur wegen der reflexhaften Rückwärtsrolle aller großen (aber auch mittlerweile marginalen) politischen Parteien. Allein, wer das wohlfeile Geschimpfe auf Stammtisch-Niveau hinter sich lassen und wirklich mal ein wenig Grips in die Zukunft investieren will, muss sich unvermeidlicherweise der Frage stellen: Wie soll denn die Energieversorgung unseres Landes zukünftig aussehen, so ganz ohne Atomstrom? Die Antwort kann indes kaum klarer ausfallen: dezentral.

Die Kanzlerin sehnt sich offensichtlich nach der guten alten Planwirtschaft zurück, die sie ja zumindest im Energiebereich längst auch wieder erfolgreich etabliert hat: Der Staat gibt ein soundsoviel-Jahres-Ziel aus und bestimmt damit, was auf welche Weise von wem produziert wird. Im PR-Sprech nennt sich das dann »Revolution in der Energiepolitik«. Doch viel mehr als ein ostalgisches Wechselbad rhetorischer Emotionen lässt sich mit dieser Formulierung nicht wirklich erzeugen. Das kommt dann aber den wahren Lenkern, nämlich den vier Energieriesen, sehr zupass. Denn hinter all den politischen Nebelmaschinen, die eine Illusion von Handlungsfähigkeit und Legitimation erzeugen sollen, sitzen wohlversteckt die großen Bosse schon seit Jahren fest im Sattel. Wie einst die vier Siegermächte haben sie Deutschland unter sich aufgeteilt und niemand kann oder – im Falle der wirtschaftshörigen Regierung – will etwas dagegen unternehmen. Zwar wird immer wieder die ›Marktmacht der Verbraucher‹ als Silberstreif am allzu dunklen Horizont gepredigt. In der Politik ist das aber noch nicht angekommen, hier funktionieren die Flunkereien der Großen einmal mehr als effiziente kollektive Gehirnwäsche. Wie sonst ist zu erklären, dass selbst Ministerien alles schlucken, was die so genannte »Deutsche Energieagentur« an lobbyistischen Ausflüssen zu bieten hat? Da ist die Rede von Kapazitäten, vom großen Stromnetz, von Einspeisung. Energieversorgung auch in Zukunft als vom Nerokomplex getriebener großer (Ent-)Wurf, im nationalen und sogar internationalen Maßstab? Sicherlich stünde dies zumindest im Interesse der Fabulous Four, die mittlerweile auch die regenerativen Quellen vollständig für sich selbst zu vereinnahmen versuchen.

Mehr Netz ist mehr Monopol ist mehr Macht

Die Musik spielt also weitgehend auf Bundes- und EU-Ebene und wer seine eigene Melodie wahlweise in Harmonie oder als misstönenden Kontrakpunkt einbringen möchte, der muss zwangsläufig nach Berlin oder Brüssel fahren, wie auch Dr.-Ing. Jörg Fromme von der TU Dortmund in einem Vortrag bemerkte:

»Im Gegensatz zur räumlichen Planung formiert sich die Energiepolitik vor allem auf der Bundesebene, ist in den Regionen aber weder institutionell repräsentiert noch mit formellen Instrumenten und Kompetenzen ausgestattet. Daher leben regionale Energiekonzepte sowohl von günstigen bundespolitischen Rahmenbedingungen als auch von der freiwilligen Kooperation der regionalen Entscheidungsträger.«

Jetzt ist das ja nun so eine Sache mit der räumlichen Übereinstimmung von Erzeugung und Verbrauch. Die Lehre von Angebot und Nachfrage will uns davon überzeugen, dass Güter zum Wohl aller dort produziert werden sollten, wo die Herstellung relativ gesehen am billigsten sei (Stichwort komparativer Kostenvorteil), was dann zur internationalen Arbeitsteilung führe – im Volksmund auch Globalisierung genannt. Nun stellt das Modell von David Ricardo & Co. allerdings nicht in Rechnung, dass der Transport der Güter vom Hersteller- zum Verbraucherland immense Kosten verursacht. Nur deshalb können alltägliche Abstrusitäten wie etwa der globale Joghurtbecher entstehen. Zudem scheint – zumindest oberflächlich betrachtet – die Economy bzw. Ecology of Scales in vielen Lebens- und Wirtschaftsbereichen eine Konzentration beinahe zu erzwingen. Dementsprechend zieht sich die Nahversorgung schon seit Jahren zugunsten großer Einkaufszentren aus der Fläche zurück, Schulstandorte werden zusammengelegt und selbst die Deutsche Bahn will statt eines breit gefächerten Netzes eine Bündelung möglichst vieler Linien auf wenigen Strecken erreichen.

Ein Ausbau der Stromleitungen, wie ihn sich bspw. die Bundesnetzagentur vorstellt, würde die Marktmacht von RWE, EnBW, Vattenfall und Eon weiter zementieren (Foto: Johannes Reimann)Wenn also die Bundesnetzagentur verkündet, es bedürfte des Zubaus von weiteren 3.600 Kilometern Stromleitungen, weil sonst der in riesigen Offshore-Windparks oder durch DeserTec in der Sahara erzeugte Strom nicht beim deutschen Verbraucher ankäme, stimmt sie fröhlich ein in das Credo der Konzentration und Monolpolisierung. Und alle beten es nach. Doch weder steigert dieses Vorhaben die Effizienz der Energieversorgung, noch lässt es flexible und bedarfsgerechte Stromerzeugung zu. Im Hinterkopf noch immer das Gespenst ›Grundlast‹ mitschleifend, dient die Ertüchtigung des Stromnetzes auf diese Weise nur einem Zweck: die Abhängigkeit des Verbrauchers zu steigern und damit das Oligopol der Großen zu festigen. So sieht es auch Christian von Hirschhausen, Technische Universität Berlin, im Tagesspiegel:

»Die Netzbetreiber entwerfen den Netzausbau für sich selbst.«

Von erfolgreichen Landräten und einer nachhaltigen Regionalwirtschaft

Erneuerbare – von Bundespolitik und Energielobby verachtet, lokal aber überlebenswichtig (Foto: Luise/ pixelio.de)Die Zukunft der Energieversorgung muss aber kleinteilig und dezentral gestaltet werden. Energie am Ort der Erzeugung verbrauchen, wie das Prinzip Blockheizkraftwerk erfolgreich demonstriert, statt sie durch tausende Kilometer lange Leitugen zu schicken und stets einen hohen Verlust tragen zu müssen; mäßig schicke Windräder statt hässlicher Umspannwerke bauen; Photovoltaik-Anlagen und Niedrigenergie- bzw. Passiväuser flächendeckend fördern; und nicht zuletzt auch an der Schraube Nutzungseffizienz und Energieverbrauch drehen – ist das alles denn gar nicht vorstellbar im Land der Innovationen? Doch, und es wird auch längst vorgeführt, findet nur, weil eben nicht bundespolitisch, kaum Widerhall in der ›öffentlichen‹ – d.h. von den überlokalen Medien dominierten – Diskussion. Dabei jubeln erfolgreiche Landräte längst über eingespartes Geld, das keinem globalen Öl- oder Gas-Multi in den Rachen geworfen werden musste, wie beispielsweise in Simmern:

»Allein [mit der neuen Restholz-Heizzentrale] bleiben über sechs Millionen Euro in der Region. Die müssten wir sonst an Putin oder nach Saudi-Arabien überweisen.«

Nebenbei stärken die Aufträge für neue Anlagen lokale Betriebe und damit die gesamte Regionalwirtschaft. Und wenn dann auch noch die Finanzierung auf viele Schultern verteilt wird, wie etwa bei Bürgersolarkraftwerken, kann die Energieversorgung zum Paradebeispiel für Subsidiarität und Dezentralität werden – Prinzipien, die auch in vielen anderen Bereichen (s.o.) wiederentdeckt werden sollten. Den vier großen Energie-VEBs und ZK-Chefin Merkel mag das nicht sonderlich gefallen. Aber der Slogan »Global denken – lokal handeln!« erhielte dadurch einen neuen, authentischen Geschmack und könnte noch mehr Mut zur Eigenverantwortung aktivieren. Denn bonzenhaftes Top-Down ist, genauso wie Atomstrom und die DDR, heiße Luft von gestern.

Update (09.04.2011): Auch wenn ich die Einflussmöglichkeiten des Verbrauchers oben ein wenig polemisch herunter gespielt habe, kann doch das Verhalten jedes Einzelnen über die zukünftige Orientierung der Energieversorgung mitentscheiden. Es stellt sich die Frage: Woran glaubst Du, ja genau Du?

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/die-zukunft-liegt-vor-der-haustur/

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