Ein Männlein steht im Walde …

4. Mai 2013 | von Johannes Reimann

Ob das wirklich Kunst ist, was derzeit im öffentlichen Trierer Raum vor sich hin sinniert, oder nur eine putzige Performance – ihre Wirkung verfehlen die unzähligen, rot angestrichenen Karl-Marx-Miniaturen vor der Porta Nigra nicht. Allein manch überraschende Reaktion von Passanten wie auch die eigenen seltsamen Assoziationen lohnen jeden ästhetischen oder gar kunstphilosophischen Grimm.

Karl Marx wieder in Trier: Weltgedanken Vererbender vor Welterbe (Foto: raumblog.de)Spiegel Online mag darin vielleicht eine Invasion politisierter Gartenzwerge befürchten: Den roten Abbildern des wohl berühmtesten – und in manchen Erdteilen auch berüchtigten – Trierer Bürgers Karl Marx mangelt es nicht an einer gewissen Possierlichkeit. Wie sie da stehen, die kleinen Heerscharen roter Marx-Miniaturen, fühlt sich der Betrachter unweigerlich schmunzelnd zu Assoziationen wie ›Rote Armee‹ hingerissen oder, wie ein Kinderwagen schiebender Vater ironisierend seine Allgemeinbildung zur Schau stellt: »Wir befinden uns hier auf dem Roten Platz«. Mir hingegen kommt spontan die erste Zeile eines Kinderliedes in den Sinn, dessen Hauptrolle, wenn ich mich recht erinnere, ein ebenso rot gefärbter Kollege, nämlich die Hagebutte, spielt.

Everything hangs together

Derweil grübelt der rote Denker aus und jetzt wieder in Trier in angemessener Pose vor der imposanten Kulisse des Schwarzen Tores dem blauen Himmel des späten Nachmittags entgegen. Die Frage, ob er mit solcher Aktion einverstanden wäre, stellt sich gar nicht. Die Frage, weshalb hier viele kleine Karlchens in Murmelgruppen zusammenstehen, wie in weltentscheidender Kapitalismus-Diskussion vertieft, dagegen schon. Will hier jemand den Vorwurf multipler Persönlichkeiten zutage fördern? Oder geht es eher um den allzu häufig mit Absicht ignorierten Facettenreichtum des Marx’schen Wirkens, dass sich eben nicht einzig auf das Schlagwort ›Kommunismus‹ reduzieren lässt? Die Ansamlung der Figuren scheint – aus einer gewissen Perspektive betrachtet – indes der monumentalen Szene aus dem Film ›Matrix: Revolutions‹ entlehnt, als der Held Neo es mit einer wahnsinnigen Übermacht eines und desselben bösen Agenten zu tun hat … Oder ist jener Film in seiner Bildsprache andersherum vielleicht sogar eine Metapher auf den großen Systemkonflikt, dessen Mit-Urheber zu sein Marx trotz aller Verniedlichung sicherlich nicht zu bestreiten in der Lage sein sollte? … Die Gedanken überschlagen sich und langsam aber sicher entfalten die roten Männlein eine ähnliche Wirkung auf die geistige Wetterlage wie das bekannte rote Tuch auf den Stier. Plötzlich beginnt eine junge Dame, mehrere Figuren zu verschieben und neu anzuordnen. Na klar: Jetzt fehlt nur noch ein Schach-Spiel aus diesen Bildnissen, die einzig ihre Abmessungen mit einem Gartenzwerg gemeinsam haben dürften. Beim Barte des Propheten!

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/ein-mannlein-steht-im-walde/

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