Ein Quantum Zoff

28. Dezember 2013 | von Johannes Reimann

Aufputscher statt Softdrink: Gegen staatlich gefördertes Weichspülen will jetzt ein kräftiger Krachmacher in Dosenform antreten, gemixt aus lautstarker Empörung über die scheinharmonische Komfortdemokratie und frechem Protest gegen den unfairen Status Quo. Eine Kostprobe.

Meine Rücksicht hat zweihundert PS«, so soll dieser Tage ein hoher Industrie-Funktionär zitiert worden sein. Denkbar, dass er damit auf die Kampagne des Bundesverkehrsministeriums anspielt, die sämtlichen Verkehrsteilnehmern gerne eine gehörige Portion Benimm verabreicht sehen möchte. Was die kreativen Macher bemüht trickreich neu vermarkten, nennt indes bereits die Straßenverkehrsordnung im allerersten Paragraphen als Grundvoraussetzung: »Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.« Nach den beiden Pilotstädten Berlin und Freiburg kann seit Mai 2013 auch jede andere willige Kommune in der Bundesrepublik »Rücksicht nehmen« – und zwar in Form einer blau gefärbten Getränkedose, die jene eigentlich selbstverständliche Tugend zum hippen Produkt zu stilisieren und damit verschiedenen Zielgruppen schmackhaft zu machen versucht. Erklärtermaßen »ohne moralischen Zeigefinger«, wie es im Begleitheft heißt.

Den sieht Ludwig Cornelius Krach aber sehr wohl, spätestens in der verwendeten Symbolik. »Es dürfte doch wohl kein Zufall sein, dass auf der Dose stets ein Fahrrad-Zeichen prangt, egal, wem die aufpolierten Werbefiguren das Kleinod mit süffisantem Lächeln vom Plakat aus entgegen strecken.« Der Mittdreißiger hält sich selbst eigentlich nicht für einen Mann lauter Worte. Doch wo ihn sonst kaum eine Provokation wirklich aus der Reserve locken könne, habe dieser kommunikationspolitische Unsinn nun »dem Fass die Krone ins Gesicht geschlagen.« Krach hat sich nach eigenen Angaben bis vor kurzem nur selten mit Verkehrspolitik beschäftigt. »Aber das hier ist selbst für den Laien als plumper Feldzug gegen das Radfahren zu erkennen.«

Auf der Bremse

Wo die Politik vordergründig gute Miene mache, werde in den Hinterzimmern längst an Mechanismen gearbeitet, dem Wachstum des Radverkehrs einen Riegel vorzuschieben. »Wenn der Ex-Minister Ramsauer 15 Prozent Radverkehrsanteil medienwirksam für möglich hielt, bedeutet das nichts anderes, als dass ein höherer Wert politisch gar nicht erwünscht ist.« Krach schüttelt den Kopf. »Denn mehr Radfahrer bedeutet auch größeren Flächenanspruch im Straßenverkehr.« Den könne man sich aber nicht leisten in einem Land, wo ein rückwärtsgewandter Industriezweig aufwändig subventioniert werden müsse, um anschließend die Straßen zu verstopfen. »Verhältnisse wie in Kopenhagen erzeugen Schweißausbrüche und Albträume bei hiesigen Machthabern.«

Das Tugendgespenst in der Dose nennt er deshalb einen gezielten Versuch der Demobilisierung: den Radfahrern die Lust nehmen, damit sich die Machtverhältnisse auf der Straße gar nicht erst verschieben, und die Sabotage auch noch als Aufruf der Vernunft tarnen. »Die Komfortzone für Kraftfahrzeuge, ihre Fahrer und Produzenten muss um jeden Preis erhalten bleiben, das ist das Paradigma hinter solchen Nebelkerzen.« Deshalb werde der zweitschwächste Verkehrsteilnehmer regelmäßig zur größten Gefahr erklärt. »Die Dose ist nur eines von vielen Steinchen im großen Puzzle der Verleumdung. Sehen Sie sich die Berichterstattung über Unfälle und Rowdytum der vergangenen Jahre an. Sie werden in den Leitmedien keinen einzigen automobilkritischen Kommentar finden.«

So, wie sich der eigentlich Fachfremde in Rage redet, wirkt er als Ahnungsloser längst nicht mehr glaubwürdig. Diese Frechheit, gibt er denn auch zu, habe ihn tatsächlich förmlich dazu angestachelt, sich tief in den Sachverhalt zu vergraben. Und er habe sein Talent zu kreativer Problemlösung genutzt, einen Kontrapunkt zu setzen. »Ich bediene mich derselben Methode, indem ich einen Gemütszustand in die Form eines scheinbar realen Produkts gieße.« Das Ergebnis, das zumindest für political correctness keinen Preis gewinnen dürfte, nimmt spielerisch Anleihe an einem mittlerweile zur Popkultur zählenden Ausspruch. »Der Begriff ›200 Puls‹ ist beileibe nicht meine eigene Erfindung, aber er drückt mein Anliegen bestens aus.« Damit will Krach aber längst nicht nur die lebensgefährlichen Ungerechtigkeiten im Straßenverkehr umschrieben wissen.

Wirksames Gegenmittel

Weshalb, fragt er stattdessen grundsätzlich, sollten mündige Bürger in einer Demokratie um Ruhe und Harmonie bemüht sein? Die schütze doch nur diejenigen, die sich am Status Quo des aktuellen Gesellschaftssystems eine goldene Nase verdienten – stets auf Kosten der Schwächeren. Wenigstens die Heerscharen politischer Kabarettisten provozierten regelmäßig ihr Publikum und mahnten zu mehr Renitenz – getreu dem Motto: Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt –, an der es der deutschen Bevölkerung aber weitestgehend mangele. Krachs Idee: Dieses Defizit ließe sich möglicherweise genauso behandeln wie ein Mangel an Eisen oder Vitaminen, nämlich mittels einer Quasi-Nahrungsergänzung. »Stillhalten führt meist zu Stillstand. Jedem Bundesbürger sollte eine Dose Protest am Tag ärztlich verschrieben werden. Was glauben Sie, wie schnell die Dinge dann voran kämen?«

Manch jüngeres Ereignis zeigt indes, dass eine solche Haltung längst zirkuliert, wenn auch zumeist unter vergleichsweise wenigen. Stuttgart, Hamburg, Frankfurt, Heiligendamm, selbst aktuelle internationale Beispiele wie Ägypten, die Türkei, Thailand und die Ukraine belegen jeweils ein Ende der kollektiven Geduld mit den Herrschenden. »Verstehen Sie mich nicht falsch«, wirft Krach ein, »ich habe keinerlei Verständnis für Steinewerfer und Schläger. Demokratischer Protest zeichnet sich allein durch Gewaltlosigkeit aus.« Aber nicht unbedingt durch Zahnlosigkeit. Medialen Bemühungen, ehrliche Protestler als »Wutbürger« zu disqualifizieren, begegnet der Dosenkrawallier mit dem Zitat eines Papstes, wiederentdeckt wiederum von einem Kabarettisten, nämlich Georg Schramm: »Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.« Sollte ein Produkt wie ›200 Puls‹ jemals existieren, so Krach, dürfte es selbstverständlich nicht blinde Wut hervorrufen, sondern stattdessen gerechten und vernünftigen Zorn in diesem Sinne. »Damit müssten sich dann auch Risiken und Nebenwirkungen vermeiden lassen.« Solche scheinen von der Rücksicht aus der Dose jedenfalls nicht auszugehen – und wenn doch, fänden sie durch den offensichtlichen Ladenhüter wohl kaum Verbreitung.

Bei diesem Text handelt es sich um eine Satire. Das Produkt ›200 Puls‹ und der Charakter Ludwig Cornelius Krach sind fiktiv und keinem realen Vorbild nachempfunden. Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten ergeben, sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Der Beitrag erschien zuerst auf raumblog.de

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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1 Kommentar

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von MaT am 11. Januar 2014 um 13.19 Uhr:
Der Inhalt jener ollen blauen Blechbüchse muss recht fad sein, denn alle Dosen mit spritzigem Inhalt haben seit Jahren einen Pfandsticker drauf. Sprich nicht einmal die Pfandsammler würden sich darum bemühen diese Dosen einzusammeln. Aja, solche Getränkedosen wollte man durch jenes Pfand ja eigentlich aus dem Öffentlichen Raum, bzw. aus der Handelskette verscheuchen. Jetzt damit hippe Werbung zu machen - auf Steuerzahlerkosten - ist weder nachhaltig, noch chic, sondern wohl wie der kohlensäure-lose Inhalt recht unspritzig und daher nur für die Tonne.

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