Elefantenstadl

25. August 2013 | von Johannes Reimann

Zu klobigen Standbildern aus billigem Kunststoff geronnene Belanglosigkeit, die man uns als Kunst andrehen will; pharaonenhafte Bauvorhaben, die wir als Fortschritt bejubeln sollen – Dickhäuter dienen als unfreiwillige Parabel für Unsinn, im Kleinen wie im Großen. Weshalb das schade ist und was sie dagegen tun sollten.

Eine Plastik, die vor Geschmacklosigkeit zerfließen zu wollen scheint (Foto: Johannes Reimann)Nach kaiserlichen Füßen, blauen Elchen und zuletzt vielen putzigen Karl-Marx-Figuren in vier verschiedenen Rottönen vor der Porta Nigra sucht derzeit erneut eine Horde gleichartiger künstlicher Objekte als so genannte ›Elefantenparade‹ die Moselprovinz heim. Handelte es sich bei den ersten beiden Unerhörtheiten noch um werbende Hinweise auf ein jeweils überregional bedeutsames Ereignis, durfte der Betrachter in den gegossenen Abbildern des Denkers wenigstens eine sich selbst genügende künstlerische Absicht vermuten. Die billigen Elefanten-Plastiken dagegen stellen einfach nur einen Irrtum zur Schau: Multiple Standbilder aus Kunststoff, seltsame Namen und viel bunte Farbe machen noch keine Kunst im öffentlichen Raum. Gemeinsam mit den Tierchen selbst fragen sich vermutlich viele Neugierige zudem, seit wann eine derart zelebrierte Bewegungslosigkeit sich eigentlich ›Parade‹ nennen darf.

Anstelle des goldenen Kalbs

Mag es daran liegen, dass Trier bis auf sehr wenige Ausnahmen viele geschmacklos gestaltete Exemplare abbekommen hat, die häufig noch dazu einen unglücklichen – beinahe möchte man sagen: verschämt versteckten – Platz fanden: Der nach eigenem Bekunden »größten Open-Air-Kunstausstellung« gelingt es nicht, einen echten Wert zu offenbaren. Damit aber laufen die Plastiken, wenn sie schon ansonsten nirgendwohin laufen, Gefahr, zu massigen Parabeln auf den Unsinn zu versteinern. Genau wie die großen weißen Elefanten, die real gar nicht existieren und dennoch zu unfreiwilligen Maskottchen erkoren wurden für einen Problemkomplex, der seinerseits brutal real ist und als bedrohliche Fehlentwicklung gelten muss. Das ›Dritte europäische Forum gegen unnütze und aufgezwungene Großprojekte‹ stellt in seiner Abschlusserklärung vom 28. Juli 2013 fest,

»… dass überall die gleichen Akteure, die gleichen Methoden, die gleiche Nutzlosigkeit für die Öffentlichkeit, die gleiche Unterdrückung, die gleiche Verschwendung von öffentlichen Geldern zugunsten einer Minderheit, die gleichen öffentlichen Defizite, die gleiche Unterbindung der demokratischen Debatte und die gleichen Umweltzerstörungen zu finden sind.«

Auf ihrer Webseite lassen die Aktivisten tatsächlich eine Elefantenparade laufen, und zwar eine Animation, in der die besagten weißen Dickhäuter die Schilder von sechs in ganz Europa zu zweifelhafter Berümtheit gelangten Bauvorhaben wie bei einer Totenzeremonie dahintragen. Das passt ins Bild, denn die bleichen Rüsseltiere sind, wie etwa Wikipedia zu berichten weiß, in politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen schon länger als Symbol für kapitale Fehlschläge bekannt. Vor allem im asiatischen Raum sollen sie darüber hinaus vor Jahrhunderten schon als Präsent zum Schaden des Beschenkten eingesetzt worden sein, ob ihrer praktischen Nutzlosigkeit bei gleichzeitig hohen Unterhaltskosten. Instrumente der Sabotage also:

»Der unglückliche Empfänger musste für den Unterhalt des Tieres aufkommen und konnte keinen Profit aus dem Tier erwirtschaften, weil es nicht arbeiten durfte. Durch die Pflicht, auf das Geschenk des Königs gut aufzupassen, erlitt der Empfänger schwere finanzielle Einbußen bis hin zum Bankrott.«

Dieser Effekt kommt dem von technischen und baulichen Großprojekten sicherlich schon sehr nahe, doch die Lesart dürfte, wenn es nach den entsprechenden Projekträgern und -befürwortern ginge, eine andere sein: Gerade Politiker versuchen der Öffentlichkeit gerne den weißen Elefanten für ein goldenes Kalb vorzumachen, um das doch bitte alle unterwürfig tanzen mögen. Die rege Aktivität solcher Foren wie des oben erwähnten gibt indes Aufschluss darüber, dass solche selbsternannten zoologischen Zauberkünstler längst nicht alle Besucher im großen Tierpark namens Politik täuschen können.

Letzte Amtszeit

Derweil richtet der Elefant als großer weißer weiter seinen Schaden an, etwa in München, Hamburg, Stuttgart, Bonn, Berlin, Nürnberg – Erfurt, Leipzig, oder gerne auch international; als bunte Plastik dagegen erregt er höchsten ästhetischen Missfallen, so wie in Trier und in Luxemburg. Die wesentlich hübscheren Modelle, gefertigt aus wertvollerem Material und vor allem: stark verkleinert, bleiben der Öffentlichkeit übrigens weitgehend verborgen, denn sie sind nur im Shop zur Aktion, im Posthof am Kornmarkt, sichtbar und erhältlich. Auch das eine verblüffende Parallele zur Wirklichkeit des bauprojektlichen Größenwahns: Die erfolgreichen, weil kleinen, dafür aber wirklich nützlichen Juwelen, seien es Konversionen, Sanierungen oder gar Reaktivierungen, verstecken sich – oder werden absichtlich versteckt? – weitgehend vor der Aufmerksamkeit von Medien und Bevölkerung.

Abendlicher Familienausflug zur Wasserstelle: Die afrikanischen Dickhäuter scheren sich nicht um unseren Irrsinn. (Foto: raumblog.de)Im Gegensatz zu ihren metaphorischen Geisterverwandten erfahren die bunten Trierer Trampler auf der Straße allerdings durchaus Zuneigung, und zwar die von Kindern. Anfassen, durchkriechen, draufklettern, Fotos machen mit Mama, Papa und den Großeltern – vielleicht sollten wir in kläglichen Bauruinen manifestierte Katastrophenprojekte wie etwa das Bonner Kongresszentrum ebenfalls als Spielplatz wiedereröffnen, das würde wenigstens Familienfreude stiften. Trotzdem: Der Elefant als solcher, zumal der asiatische, muss dringend über einen Imagewechsel nachdenken. Vielleicht erklärt sich ja in absehbarer Zukunft ein anderes Tierchen bereit, die Rolle des nutzlosen Tollpatsches zu übernehmen. Auch Rinder können herrlich dämlich sein und dürfen über das besagte goldene Kalb quasi einen historischen Anspruch geltend machen. Der afrikanische Verwandte des unglücklichen Rüsselträgers aus Fernost ist schon viele Schritte weiter, praktiziert er doch eine hohe soziale Fürsorge und gefällt durch reges Familienleben. Dass der asiatische Dickhäuter dringend Hilfe benötigt, haben übrigens auch die Macher der Elefantenparade erkannt, weshalb Erlöse aus der Versteigerung der Plastikfiguren diesem Zweck zugute kommen sollen. Bedeutende Summen werden es indes wohl nicht werden, die versenken wir hierzulande nämlich lieber in den Milliardengräbern der Großprojekte.

Liebe auf den ersten Blick – oder: Treffen sich zwei zu 'nem Großprojekt ... (Foto: Johannes Reimann)Update: Am 4. September hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Abschied ihres Wahlkampfauftritts in Trier die Miniatur eines Trierer Kunstelefanten geschenkt bekommen. Damit ist eigentlich alles gesagt.

 

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/elefantenstadl/

Ausdruck und Speicherung nur für den persönlichen Gebrauch. Vervielfältigung und Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors. Alle Rechte vorbehalten.

0 Kommentare

#0

Bisher noch keine Kommentare

Eintrag hinterlassen

Bitte aktiviere JavaScript!