Es fährt ein Zug nach nirgendwo

15. August 2013 | von Johannes Reimann

Wer die Entwicklungen bei der Deutschen Bahn schon etwas länger verfolgt, kann bei den jüngsten Zuspitzungen in Mainz wohl kaum an einen Zufall oder die Verkettung unglücklicher Umstände glauben. Die Ereignisse bilden nicht mehr und nicht weniger als einen weiteren Kilometerstein auf dem absichtlich eingeschlagenen Weg in die vollständige Demontage.

Zu spät, ihr rettet die Bahn nicht mehr! Denn dafür bräuchte es Klügere als Euch. (Foto: Johannes Reimann)So rauscht sie dahin, die letzte mögliche Zugverbindung in eine vernünftige Mobilitätszukunft – in die verkehrte Richtung und von jetzt an ohne Zwischenhalt. Türen und Bremsen defekt, die Weichen ins Nichts gestellt, alle Signale blind. Diese Irrfahrt startete schon vor Jahrzehnten mit lauter Ansage ins Chaos, jeder der Lenker seit der Reform hat kräftigen Bahnhof darum gemacht. Die aktuellen Vorfälle, Katastrophenmeldungen, Prognosen und Endzeitwarnungen über und um die Geschehnisse in Mainz dürfen daher niemanden überraschen. Das System Eisenbahn in Deutschland war, so müsste man es heute deuten, seit damals politisch dazu bestimmt, mit Pauken und Trompeten aus dem Gleis zu springen und sich selbst im Abgrund zu begraben. Das Führungspersonal: nie vom Fach, stets rekrutiert aus Seilschaften, die die Stärken des Schienenverkehrs zu verstehen sich selbst verbieten, schon aus purer Loyalität gegenüber ihrem eigenen Handwerk. Als hätten Lokomotiven und Waggons jemals Flügel besessen. Oder Lenkräder. Die Bahnpolitik der Bundesregierung: wie, als ob das teure Spielzeug immer nur dann ein begeistertes Funkeln in die Augen zaubert, wenn spinnerte Architekturentwürfe, großkotzige Projekte oder mindestens Milliardenbeträge locken. Vom harten Kerngeschäft, nämlich der laut- und reibungslosen Beförderung von Milliarden Fahrgästen im Jahr, lässt sich das unreife Kind nur ungern langweilen und wirft stattdessen lieber selber etwas an die Wand, um es mit einem hässlichen Krachen zersplittern zu sehen. Vor dem Schaden fällt dann heimlich und feige die Tür ins Schloss, denn niemand soll petzen gehen. Die Bankrotterklärung müssen regelmäßig andere übernehmen, darunter nicht wenige leidenschaftliche Sammler, die so gerne selbst das Steuerpult auf dem Nachttisch stehen hätten.

Sabotage

Indes ergreift das Problem wie eine Art Beulenpest immer stärker Besitz von dem Verkehrsmittel, an dessen Durchhaltevermögen immer noch so viele Menschen glauben – weil sie gar nicht anders können. Defekte Züge, defektes Netz, defekte Bahnhöfe und Anlagen; unterbezahlte, überarbeitete und bespitzelte Mitarbeiter, kritische Personalengpässe; Zugverspätungen und -ausfälle, grottige Informationspolitik, null Komfort, überteuerter Kaffee. Die Bahn macht Schlagzeilen, sommers wie winters, rät ihren eigenen Kunden davon ab, weiter Bahn zu fahren. Das ›Unternehmen Zukunft‹ hat sich längst zum Narrenschiff gewandelt. Dahinter steht Methode, so viel ist sicher. Niemand kann ohne Vorsatz einen Schaden solchen Ausmaßes anrichten. Sabotage. Man hat sich alle Mühe gegeben, den Konzern herunterzuwirtschaften. Weshalb aber, verdammt noch mal, sind diese dummen Fahrgäste nicht totzukriegen – und strömen noch mehr als je zuvor in Scharen zu den Bahnhöfen und Haltepunkten dieser unserer Fortschritts-Bananenrepublik? Weil man im Auto nicht übereinander sitzen kann, weil Autobahnen keine Fahrpläne einhalten und weil es eben doch entspannter ist, sich gemeinsam mit einer riesigen Menge anderer Menschen im gleichen Takt befördern zu lassen, als den schnarchnasigen Vordermann mit lautstarkem Gegröle der Zweilitermaschiene zu kassieren – nur um sich an der nächsten roten Ampel wieder anstellen zu müssen. Es ist das Prinzip, das besticht. Bewegung auf festgelegter Linie, zu festgelegter Zeit. Einsteigen, sich fahren lassen, umsteigen, irgendwann wieder aussteigen. Schienenverkehr. Selbst wer sein eigenes Reisebedürfnis von allem Anspruch auf Komfort entblätterte, wer einzig auf einen Güterwaggon aufspränge, der in seine Richtung fährt, hätte sich die eigentliche, simple, reine Bestimmung der Eisenbahn erfolgreich für eigene Zwecke zunutze gemacht: Transport.

Den Fahrplan hält auch die Bahn mittlerweile nicht mehr ein. Orte wie Mainz, Wolfsburg oder Hamm (Westfalen) mutieren zu Fanalen der Unzuverlässigkeit. Dass wir uns richtig verstehen: Nicht die Geschicke irgend eines selbst mit DAX-Eintrag belanglosen Familienbetriebes stehen hier auf dem Spiel; nicht die einer ganzen motorisierten Industrie, die selbsttätig den Strukturwandel verschlafen hat und deshalb mit kriminiellen Milliardenpaketen für kurze Zeit gesundgekauft werden muss; nicht die von jahrzehntelang mit Geld gemästeten Strombaronen, die gegen das Ende ihres privaten Schlaraffenlands vor Gericht ziehen wollen; auch nicht die von unersättlichen Geldhäusern, die, weil sie ja systemrelevant sind, sich beim Rettungsbankett auf Kosten des kleinen Mannes gleich den Freibrief zum fortgesetzten Beutezug ausstellen lassen, um auch dem letzten Bettler noch seine Lupine zu rauben. Hier steht ein System in Rede, das im Gegensatz zu allen vorgenannten schon in seinem gegenwärtig bedauerlichen Zustand hohen allgemeinen Nutzen stiftet und anerkanntermaßen das Potenzial zu viel größerem besitzt. Hier trifft die öffentliche Aufmerksamkeit, sommerlochbedingt und skandalgetrieben, jetzt endlich und doch viel zu spät auf die ausgeweideten Überreste einer einst kraftvollen Bewegungsmaschine, deren Nutznießer das Volk war und die sich deshalb und dafür der Zukunft verschrieben hatte. Doch jene, die noch etwas retten könnten und laut Amtseid auch müssten, versagen erneut ihren Dienst und ihren Anstand und haben das Stellwerk längst verlassen; ihre Pfründe längst im Trockenen, brauchen sie sich doch nicht um die Bewegung der Massen zu scheren. Ihre eigene Welt ist schließlich eine Windschutzscheibe, nur leicht gekrümmt, und das soll auch so bleiben. Erfolgreich haben sie bewiesen: Wer sich nicht dem Zugzwang aussetzen will, etwas verändern zu müssen, sollte sich die Klugheit abgewöhnen.

Endstation

Im Kriechgang: Der letzte Zug nach nirgendwo ist nicht mal ein ICE, sondern nur noch eine Ferkeltaxe. (Foto: raumblog.de)Das Vermächtnis des Rumpelstilzchens, das sich soeben auf einer neuen Baustelle sein Bein ausreißt, kommt heute statt als stolzer Expresszug mit Panoramawaggon oder als komfortabler Schnellzug allenfalls noch wie eine klapprige, rostige Ferkeltaxe daher, deren Fahrt ins nirgendwo zugleich ihre letzte sein wird. Der altersschwache Motor kann nur ein Schneckentempo aufbringen, und dennoch tuckert das Trauerspiel auf Schienen beinahe unaufhaltsam seiner Bestimmung entgegen. Verderben nach Drehbuch. Diesmal scheint die Ankunft ausnahmsweise pünktlich zu gelingen. Wenn es aber soweit ist, wird Elektroautodeutschland sein blaues und gar nicht CO2-freies Wunder erleben. Denn eine so vielversprechende Option auf die Zukunft verschrottet man nicht mal eben. Heulen und Zähnenknirschen werden sich mischen mit dem Getöse der Straße, der ölumflorte Blick wird auch die Stuttgarts 21 dieser Republik und ihre Immobilienprojekte aus dem Hochglanzkatalog nicht zur hellen Freude werden lassen – und als einziger Sieg, wenn auch klein und schal, wird die bittere Erkenntnis sich auch bei den Liberalisierungsgläubigen Bahn brechen: dass Privatisierungen eben doch nur den Privaten nützen.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/es-faehrt-ein-zug-nach-nirgendwo/

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