Franchise des Todes

19. Juli 2016 | von Johannes Reimann

Terrorismus 4.0 ist nicht nur ein Schlagwort, sondern bittere Realität. Westliche Zivilisationen müssen diese Lehre schleunigst ziehen — und tiefgreifende Veränderungen anschieben.

Die moderne westliche Welt sieht sich dieser Tage verstärkt einem hochmodernen Terror gegenüber, der doch eigentlich nur ein Erfolgsprinzip kapitalistischer Wirtschafsweise kopiert und für seine Zwecke nutzt. Daher dürfte hierzulande eigentlich keine allzu große Überraschung darüber herrschen, dass Anschläge mit immer weniger Vorbereitungsaufwand und mit zunehmend einfachen Mitteln erfolgen. Denn die Magnaten des Schreckens haben erkannt, dass ihre eigenen Fähigkeiten und genauso die von ihresgleichen — das umfasst Geldmittel, Personal und Ausrüstung — kaum genügen, das Grauen zu verursachen, das sie sich in ihren kühnsten Träumen ausmalen. Vor allem Ausrüstung und Personal bilden mittlerweile einen kritischen Engpass, zumal ihre angestammten Hauptquartiere immer häufiger von kriegerschen Auseinandersetzungen bedroht scheinen. Durch die zunehmende Abschottung und Überwachung in den Zielgebieten können die Willigen mit ihren Mordwerkzeugen zudem nicht mehr uneingeschränkt mobil sein. Nicht zuletzt deutsche Behörden griffen bereits heimliche Waffentransporte auf. Während aber den Behörden, der Politik, den forschenden Instituten und den Medienorganen in einigender Ahnungslosigkeit noch ein großes Fragezeichen über den Köpfen schwebt, sollten mindesten bei allen Ökonomen vor lauter ›Heureka‹ mittlerweile ganze Kronleuchter aufgegangen sein und in hellem Licht erstrahlen: In teuflisch folgerichtiger Weiterentwicklung ihrer brutalen Absichten haben die feigen Todesgeneräle ein globales Terror-Franchise errichtet.

Die Droge Religion

Wer immer inmitten einer friedlichen Zivilisation eine Greueltat begeht, handelt zwar auf eigene Rechnung. Doch er kann sie dem islamistischen Terror widmen und nimmt dadurch am Franchise teil. Oder, wie in Nizza und zuletzt in Würzburg, der Urheber dieses Modells beansprucht im Falle des Erfolgs die Rechte daran für sich. Die Bedingung, direkt beauftragt worden zu sein, gilt nicht mehr zwangsläufig. Noch perfider: In beiden Varianten kommt der Profit dem Franchise selbst zugute und stärkt dessen Glaubwürdigkeit und damit seine Macht. Dass die Terrororganisationen eine solche Strategie verfolgen, offenbart sich schon in ihrem hochprofessionellen Auftreten und ihrer opulenten Außendarstellung, auf das Experten bereits seit einiger Zeit immer wieder hinweisen. Der Irrtum der westlichen Systeme lag darin, lange Zeit zu glauben, solche Kampagnen dienten einzig der Anwerbung von Kämpfern für die weit entfernten Kriegsfronten. Bereits zwei Mal innerhalb einer Woche wurde die Öffentlichkeit jedoch Zeuge des eindrücklichen Nachweises, dass die Ausbildung in irgendeinem Terrorcamp längst nicht mehr als Voraussetzung gilt für mehrfachen Mord im Namen des Terrors. Möglicherweise haben hiesige Behörden mit der Beobachtung von Rückkehrern und mit der Abschätzung ihres Gewaltpotenzials inklusvie Profiling als Gefährder einfach nur Ressourcen verschwendet, sich vielleicht sogar gezielt in die Irre führen lassen. Denn beide Taten, sowohl die in Nizza als auch die in Würzburg, wurden erstens von Personen begangen, die bis dato in keiner Weise aufgefallen waren, und zweitens mit Mitteln, die gar keinen Verdacht erregen geschweige denn eine Beobachtung durch Staatsorgane provozieren können, weil sie zu den Gegenständen des täglichen Gebrauchs zählen. Die Instruktionen dazu kamen, in grausam vorbildlicher Umsetzung des Franchise-Prinzips, von den Vermarktern des Terrors. Vor allem aber steht zu befürchten, dass sich hierzulande ein großer Irrtum festgesetzt hat und sich noch lange mit beharrlichem Eifer fortpflanzen wird — weil ja schließlich nicht sein kann, was nicht sein darf: Niemand sollte beschwören, dass es sich bei den Tätern stets um Ausländer handeln muss.

Mindestens drei der Attentäter des 13. November 2015 in Paris galten im Gegenteil als Einheimische bzw. Europäer. Während die offizielle Erklärung zu diesem Ereignis noch immer lautet, der Anschlag sei außerhalb geplant gewesen und die Einheimischen hätten lediglich als Komplizen fungiert, lässt das rasante Tempo von der Entscheidung bis zur Ausführung der Tat jeweils in Nizza und in Würzburg eine solche Analyse nicht mehr zu. Der Terror des Jahres 2016 macht mittlerweile niederschwellige Angebote, und zwar über den nahezu unkontrollierbaren Verbreitungsweg Internet, von dem der bayerische Innenmister in naiver Steinzeit-Rhetorik verwundert zugeben muss, das sei im Vorfeld in der Tat wohl mehrfach genutzt worden — und vor allem an jeden, der darauf zugreifen möchte: selbst an Minderjährige. Mit ihrer Propaganda und mit ihrer Gehirnwäsche erreichen die Drahtzieher des Terrors vermutlich massenweise Menschen, mit der Anstiftung zur Bluttat sicherlich nur noch Einzelne. Doch die Radikalisierung — missverständliches Wort, ›Aktivierung‹ träfe den Sachverhalt wesentlich präziser — gelingt viel zu leicht und potenziert damit das Terrorpotenzial gewaltig. Denn die Nachfrage darf nicht unterschätzt werden. Wer glaubt, sie siedele einzig unter ohnehin arabisch oder islamisch sozialisierten Personen, verkennt das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung bei den Jugendlichen der französischen Banlieus, bei den bildungsfernen und nicht gewanderten Extremen in der ostdeutschen Provinz, bei den tausenden jungen Einwanderern ohne Anschluss und bei vielen anderen Menschen, die gar keine Gruppen bilden, sich aber in zwei Merkmalen erstaunlich ähneln: in ihrer tiefgründigen Verzweiflung und ihrer beinahe hermetischen Isolation. Beides bietet idealen Nährboden für die Flüsterer, die Lebenssinn und Bestimmung als Krieger Allahs versprechen.

Und vor allem Identität. Zwar erzeugt, wie die Fernseh-Psychologen nun erklären, bereits der Mangel an Sicherheit verwundbare und empfängliche Menschen. Doch ein Franchise zerstört nicht, es konstruiert, und zwar ein Selbstbild. Nur wenige Faktoren stiften wirksam eine Identität, auf die sich eine Persönlichkeit stabil gründen kann: Reichtum, Kultur, soziale Interaktionen, berufliche Tätigkeit, Religion. Den Mangel an jedem davon können nur wirklich disziplinierte Geister überstehen, und dies nicht ohne Schaden. Die Todesstrategen analysieren deshalb zutreffend, dass wehrlose, weil an Identität arme Menschen umso stärker ihrem Einfluss erliegen, je glorreicher das Versprechen von Identität strahlt, das sie ihnen soufflieren wie einem Esel die Möhre. Der Wirkstoff des Terrors ist dabei die Religion, und zwar nicht ohne Grund: Bei allen fünf Identitätsfaktoren spielt stets die Zugehörigkeit eine konstitutive Rolle, etwa zu einer sozioökonomischen Schicht, zu einer Bildungsschicht, zu einem Freundeskreis, zu einem Berufsfeld, zu einer Glaubensrichtung. Doch als einziges gewährt die Religion den Attentätern in spe die scheinbare Macht der eigenen und freien Entscheidung, ohne jegliche Voraussetzung. Wo Zugehörigkeit und Status in allen anderen Bereichen mühsam erarbeitet sein wollen und jeweils auch in unterschiedlichem Maße von Zufall und Glück abhängen, kann jeder Mensch ohne Anbahnung und Vorwarnung ein Glaubensbekenntnis seiner Wahl ablegen, das noch dazu sofort wirkt — Religion als Instantpulver, wer es aufgießt, erhält seine gewünschte Identität. Das Gallup Institut wies bereits im Jahr 2010 einen starke Korrelation zwischen Armut und Religiosität nach. Der Rest ist bekannt und wirkte schon immer Wunder, selbst bei den christlichen Kreuzzügen des Mittelalters: Bekenntnis überschlägt sich, sorgsam gepflegt und richtig stimuliert, zu Hingabe. Wo allerdings bislang der regelmäßige Besuch von Brutstätten der vergifteten Gedanken als steter Tropfen den Stein höhlen musste, scheint der abgrundtiefe Selbsthass der jüngst aktiv gewordenen Attentäter wie Katalysator und Durchlauferhitzer zugleich gewirkt zu haben für die Metamorphose vom Bekenntnis über die wahnhafte Hingabe zur Selbstaufgabe.

Zynische Dreifaltigkeit

Eine solche Turbobrütung bewahrt die Mörder bedauerlicherweise sogar vor der Chance auf Erkenntnis, dass es sich bei dieser Maschinerie des Todes gar nicht um einen heiligen Krieg handelt, sondern einzig um die Befriedigung der Gelüste von weit entfernten und feige agierenden Strippenziehern. Deren Motive ergründen zu wollen, kann niemandem einfallen, der das nicht als Profi zu seinen Aufgaben zählt. Allein, sie entlarven sich selbst als die ersten und obersten Zyniker. Denn verbänden sie eine ernsthafte Absicht mit ihrem Tun, etwa die Verbreitung einer Religion, müssten sie dies im Einklang mit ihr tun. Stattdessen bemächtigen sie sich, wie ein Krebsgeschwür oder ein Virus, aller Vorfälle, derer sie habhaft werden können, gleich, ob sie daran Anteil haben oder nicht, und drücken ihren Stempel auf. Nicht der Glaube ist Streitgegenstand und -zweck, sondern allein die narzistische Gier einiger weniger nach Blut. Zynisch aber auch die Attentäter, die sich von ihrer Handlung eine heldenhafte Verwirklichung ihrer selbst erhoffen, selbstverständlich im Namen und Sinne des Höchsten, wo sie doch nur einen Akt der allergrößten Selbstsucht begehen, indem sie nicht nur den Tod Unschuldiger inkauf nehmen, sondern ihn als Preis für ihr eigenes Selbstwertgefühl geradezu einfordern. Nachrichtenredaktionen gehen regelmäßig fehl in der Frage: religiöser Extremismus oder psychische Erkrankung? Beides gehört untrennbar zusammen, letzteres als Ursache, ersteres als feiges Alibi.

Wenn Experten heute davor warnen, die westliche Zivilisation dürfe das Spiel des Terrors nicht mitspielen, dann kommt diese Mahnung zu spät. Die Routinen sind bereits etabliert, die Denkmodelle dahinter auch. Allein die automatische Frage nach jedem Ereignis, ob es sich dabei um einen Terroranschlag handelt, legitimiert schon den Terror. Jedes Business braucht ein gepflegtes Feindbild, jeder Nationalstaat und dessen Regierung auch. Spätestens als die internationale Gemeinschaft nach den Anschlägen von New York einen globalen Krieg gegen den Terror ausrief, hat sie damit dessen Existenz und Leistungsfähigkeit anerkannt. Was große Volkswirtschaften im ökonomischen Bereich beispielhaft vormachen, nämlich sich durch innovative Veränderungen weiterzuentwickeln und damit den Erfolg zu steigern, haben dieselben Gesellschaften beim Terror nicht vorausgesehen. Der lernt gerade in abartig zynischer Weise vom Kapitalismus und stört sie massiv dabei, sich in all ihrer etablierten Schwerfälligkeit dieser kleinteiligen, dezentralen Distributionsstruktur anzupassen. Gewalt nicht nur als Franchise, sondern auch noch on demand.

Doch der ohnehin schon atemberaubende Zynismus in diesem Drehbuch der fortdauernden Tragödien findet erst damit zu seiner Perfektion, dass die Anschlagsziele selbst jegliche Ressourcen für das Handwerk des Schreckens bereitstellen: moderne Internetversorgung, gesellschaftliche Isolation und Menschen mit bestenfalls verwundbarer Persönlichkeit. Keiner der drei Rohstoffe unterliegt hierzulande einer Kontrolle oder auch nur einer Fürsorge. Geistige Gesundheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt finden in der längst nicht mehr sozialen Marktwirtschaft keinen Platz. Es scheint, als hätten die westlichen Zivilisationen ihren Nachwuchs kollektiv aufgegeben. Bereits vor Jahren geisterten Warnungen durch die Feuilletons, allein rechtsradikale Kräfte stellten in weiten Teilen des Landes noch eine nennenswerte Jugendarbeit auf die Beine. Selbstverständlich wird ein afghanischer Flüchtling gegenüber seiner Betreuung Schönwetter heucheln, schon allein weil sich ihm keine Perspektive bietet, egal wie er sich verhält. Für viel zu viele Menschen ist durch die alternativlose Politik des enthemmten Marktes auch das Scheitern alternativlos geworden.

Trockenlegen

Wehrhafte Demokratie darf sich deshalb nicht darin erschöpfen, immer neue Sicherheitsvorkehrungen zu erfinden oder noch mehr Freiwillige zum Militärdienst zu locken — eine Maßnahme, die eher noch zusätzlich Ressentiments zwischen Wehrfähigen und Außenseitern schürt, also keinesfalls Frieden stiftet; ein solches Wettrüsten können sperrige Regierungsapparate übrigens auch gar nicht gewinnen. Wehrhafte Demokratie darf sich auch nicht darin erschöpfen, Religionszugehörigkeit als einzige erklärende Variable zu benennen und den ganzen Rest der Arbeit vom Staat zu erwarten. Es gilt, die Menschen zur Gegenwehr zu befähigen, nämlich gegen gewalttätiges, ausschließendes und menschenfeindliches Gedankengut. Die Stichworte dafür sind allseits bekannt: Schulbildung, Jugendarbeit, Stadtteilarbeit, Sozialarbeit, Integration, und zwar nicht nur von Staats wegen und auf dem Papier, sondern durch Modelle von offener, einbeziehender Nachbarschaft. Hoffentlich schlüpfen dann umso weniger Identität Suchende durch die Maschen des Erkanntwerdens. Sie gingen dann den Terrorvermarktern als künftige Franchise-Nehmer durch die Lappen. Entzieht dem Terror die Geschäftsgrundlage! Wenn diese Aussicht nicht eine Milieu übergreifende Bewegung und die Bereitstellung von Milliarden Wert ist …

Die Grundzüge und Argumentationen zu diesem Beitrag lagen bereits am Freitag vor, dem Tag nach dem Attentat von Nizza. Niemand konnte ahnen, dass durch die Ereignisse in Würzburg diese Theorie sich so jäh und so brutal deutlich bestätigen würde.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/franchise-des-todes/

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