Glaubenskrise

20. Januar 2014 | von Johannes Reimann

Am Beispiel des ADAC vollzieht sich aktuell einmal mehr ein eigentlich bekanntes Muster aus Sehnsucht, Projektion und Enttäuschung. Doch nicht nur falsche Propheten sollten zur Rechenschaft gezogen werden. Auch ertappte Leichtgläubige dürfen nicht ihrer Verantwortung fliehen.

Flagge zeigen: Versteckt hat sich der Club nie, wenn es um eigene Interessen ging. (Foto: Johannes Reimann)Vor gar nicht allzu langer Zeit wurde die katholische Kirche von einer beispiellosen Welle aus Skandalen erschüttert, die das Vertrauen vieler Anhänger zerrüttete oder gar zerstörte und in einer bis dahin ungekannten Welle von Austritten gipfelte. Heute ist es der größte Automobilclub Europas, der einen schmerzhaften Exodus befürchten muss. Noch bleibt abzuwarten, wie viele Enttäuschte ihrem einstigen Pannenhelfer und Versicherer den Rücken zukehren werden; öffentlich-rechtliche Nachrichtensendungen wollen im Gezwitscher so genannter ›sozialer‹ Kanäle aber schon düstere Wolken ausgemacht haben.

Hinter dem ADAC steht eine nicht zu ignorierende personelle Macht, die seine Funktionäre etwa bei Debatten und in öffentlichen Äußerungen auch zu gern in Stellung bringen. Getragen wird der Verein zudem von großer ökonomischer Power: Bis zu zwei Milliarden Euro soll er über Mitgliedsbeiträge und seine mehr als zwanzig Tochterunternehmen jährlich einspielen. Aus beiden Quellen der Macht, Menschen und Moneten, schöpft – verblüffende Parallele – übrigens auch die greise Mutter Kirche gern und viel. Beide Titanen teilen darüber hinaus eine weitere problematische Eigenheit: Die Kontrolle über das Ganze liegt in den Händen einer sehr kleinen Elite.

Händler im Tempel

Längst nicht mehr nur Verein: Über den Gemeinzweck des gelben Imperiums streiten sogar Fachleute. (Foto: Johannes Reimann)Die wahre Währung heißt im Big Business allerdings Vertrauen. Es öffnet Ohren, Herzen, Türen und im Zweifel sogar Geldbeutel. Was indes die schwerfällige Glaubensgemeinschaft innerhalb von zwei Jahrtausenden kultivieren konnte, musste der Lobbyverband in nur einhundert Jahren begreifen – ganz offensichtlich erfolgreich: Dass der ADAC scheinbar nicht nur wegen seiner verlässlichen Service-Leistungen hoch im Kurs steht, hat beispielsweise eine Studie der serviceplan gruppe aus 2011 belegen können: Mehr als 2.500 Befragte sollten die Nachhaltigkeit von 67 deutschen Unternehmen bewerten und hievten den Club auf Rang zwei:

»Wir haben festgestellt, dass bei Verbrauchern auch grundlegende Unternehmenswerte wie Ehrlichkeit, Authentizität, Fairness oder Kundenwertschätzung in ihre Bewertung von Nachhaltigkeit mit einfließen«,

gab Serviceplan-Geschäftsführer Ronald Focken in der entsprechenden Pressemitteilung zu Protokoll.

Gegen den Inhaber solchen Ansehens erheben sich, zumal in der Stunde der selbstverschuldeten Not, dann entsprechende Vorwürfe quasi von selbst; etwa der, dass der ADAC diese hohe Achtung seiner helfenden Tätigkeit in unlauterer Absicht auch auf die Bereiche der Gewinnerzielung ausgedehnt habe. Wirtschaftsjurist Michael Adams stellt auf tagesschau.de fest:

»Das Problem ist, dass die Glaubwürdigkeit, die der ADAC durch die vermeintlich guten Taten der gelben Engel genießt, ihm auch bei seinen geschäftlichen Aktivitäten nützt. Die Kunden trennen das eine nicht wirklich vom anderen und so hat der ADAC, beispielweise beim Verkauf von Versicherungen, eine enorm gute Marktstellung.«

Wer diesem quasi-religiösen Nimbus aber Risse zufügt und solcherart das wichtigste Kapital des himmlischen Heeres beschädigt, der wird, das erleben wir dieser Tage, gleich einem Sündenbock als Einzeltäter gebrandmarkt und in die Wüste gejagt. Die empörte Abkehr des gläubigen Volkes dürfte nicht sehr lange ausbleiben.

»Wer’s glaubt, wird selig«

Ironie, nicht einmal leise: Wer eilt dem liegen gebliebenen Pannenhelfer zu Hilfe? (Foto: Johannes Reimann)Dennoch werden bisher wieder nur eindimensionale Lehren aus der Vertrauenskrise gezogen. Einmal mehr erleben wir reflexhafte Zuckungen, die auch schon nach den Skandal-Exzessen unter Priestern und Ordensleuten den vermeintlichen Teppich der Buße webten. Jeder so genannte Experte, der sich selbst allzu gern den gierigen Fernseh-Kameras zum Fraß vorwirft, empfiehlt dem Verein grundlegende Reformen: eine klare Struktur, mehr Transparenz, externe Aufsicht, wahlweise auch eine Konzentration auf das eigentliche Kerngeschäft. Diese öffentliche Empörung ist wohlfeil und bildet höchstens einen Schutzmantel, unter den sich ertappte Leichtgläubige allzu gerne flüchten möchten. Sie entbehrt genauso des Sinnes, wie etwa Banken zur Mäßigung zu mahnen. Um der Ehrlichkeit die Ehre zu geben, müsste sich stattdessen jedes Mitglied der Autogemeinde, aber auch jeder sympathisierende Beobachter, selbst fragen lassen: Wie unkritisch und vertrauensselig laufen wir solchen Autoritäten hinterher, schenken ihren frohen Botschaften willig Gehör und laden sie sogar regelmäßig zu uns ein, um uns von ihnen die Welt erklären zu lassen?

Klar, Kirche wie Verein verstehen es blendend, das in sie gesetzte Vertrauen zu übersteigern, bis hin zu einem beinahe mythischen Glauben, dessen erstes Opfer sich in der selbstbewussten Vernunft des Gläubigen findet. Zwischen unwahrscheinlichen Geschichten von Wundertaten und Erlösung nach dem Tod auf der einen und falschen Zahlen über die Beliebtheit von lebensgefährlichen Gebrauchsgegenständen auf der anderen Seite besteht dem Prinzip nach kaum ein Unterschied. Der gefallene Engel steht daher sogar symptomatisch für die rechte Balance zwischen Vertrauen und Skepsis, die unsere ach so aufgeklärte Gesellschaft verloren zu haben scheint – vielleicht aber auch niemals besaß. Man vervollständige die folgende Reihe mit eigenen Beispielen: Heilige Bibel, Märchenbuch der Gebrüder Grimm, ADAC Motorwelt …

Dass dem reichhaltigen Angebot an Täuschung eine in der Summe ebenso große Nachfrage gegenübersteht, entpflichtet den Einzelnen zu keiner Zeit, sein Gewissen zu gebrauchen. Große Akkumulatoren von Vertrauen, wie Vereine oder Religionen, versprechen Entscheidungs- und Lebenshilfe, tückischerweise mit großer Prominenz. Doch wer sich auch das eigenständige Nachdenken abnehmen lässt, begibt sich in eine Abhängigkeit, die ihn und sogar sein Umfeld teuer zu stehen kommen könnte. Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter beweist gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk wenigstens einen leichten Anflug der Selbstkritik:

»Die Politik muss sich gerade auch bei so großen Verbänden immer fragen, ob das, was dort gefordert wird, auch wirklich seriös und vernünftig ist. Politik sollte sich nicht zu sehr beeinflussen lassen von solchen auch sehr großen Verbänden.«

Besser späte als gar keine Erkenntnis. Außerdem sei man hinterher immer schlauer, sagt der Volksmund. Es wird sich zeigen, ob das zu einem echten Lerneffekt führt. Noch ist die letzte Messe hoffentlich nicht gelesen.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/glaubenskrise/

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