Grenzgänger und Wanderprediger

3. Oktober 2011 | von Johannes Reimann

Mit Ende des Semesters kommt auch die Laufbahn eines ungewöhnlichen Akademikers zum Abschluss. Die Universität Trier verliert ohne jeden Zweifel eine Koryphäe – nicht so aber die Fachwelt. Denn dieser Kreuzritter der Bahn- und Fahrradmobilität denkt noch lange nicht an Stillstand.

Da steht er nun und kann nicht anders, als Abschied zu nehmen. Wer Heiner Monheim kennt, weiß um seine Beharrlichkeit und darum, dass Aufgeben für ihn eigentlich ein Fremdwort ist. Ganze Generationen von Studenten haben ihn hier, an der Universität Trier, als einen kennengelernt, der mit unerschöpflicher Energie stets voran stürmt; dem Macht- und Befindlichkeitsspielchen zuwieder, das Streben nach Veränderung als Verbesserung aber das stete Ziel sind. Als sagenumwoben gilt der Professor, mit dessen hohem Tempo auf Exkursionen keiner wirklich mithalten konnte und den man fast immer in irgendeiner Bahn in Deutschland antraf, bis tief in die Nacht arbeitend. Doch nun zieht er zwangsläufig die letzte Bilanz und malt dabei in seiner großartigen Ehrlichkeit wahrlich kein ausschließlich goldenes Bild. Er spricht vom Scheitern, von Ärger und Wut, aber auch von Hoffnungsschimmern, von Freude am Diskurs und von Begeisterung über seine Absolventen. Als einzigartige Verkörperung der Symbiose aus Wissenschaft und Praxis hat er in der Lehre nicht selten Erfüllung gefunden, vor allem wenn es gelang, Horizonte zu öffnen. Der unbeeindruckte und freie Blick auf die Zukunft bildet sein Credo:

»Nur wer sich auch andere Zukünfte vorstellen kann als die, die wir ständig von Prognosen als unvermeidbar diktiert bekommen, lässt sich nicht zu deren Erfüllungsgehilfen degradieren und kann die Zukunft mitgestalten.«

Heiner Monheim, langjähriger Professor für Angewandte Geographie an der Universität Trier, zählt nun zu den Pensionären.

Im eigenen Land und doch Prophet

Wer Klartext redet, eckt zwangsläufig an. Denn die Gegenwart hat sich mittlerweile in zu viele Widersprüche verstrickt, als dass man mit der Wahrheit noch Gefallen ernten könnte. Also gilt es, eine Wahl zwischen beidem zu treffen. Monheim entscheidet sich jedes Mal neu für klare Botschaften. Dabei zieht er keineswegs als Bote einer bevorstehenden Katastrophe durch die Lande, sondern als Wegbereiter für die Freiheit, auch anderes zu denken als gemeinhin diktiert. Als ›radikaler Utopist‹, wie er sich selbst bezeichnet, gibt er damit desöfteren selbtsverständlich den Unbequemen, das Enfant Terrible des Establishments. Kritik, Beleidigungen, Anfeindungen sind nicht selten der Lohn für seinen Versuch, die Fesseln des menschenfeindlichen Funktionalismus und der blinden Prognosehörigkeit abzustreifen. Wenn etwa ein Bundesverkehrsminister sich genötigt sieht, ihn »in die Realität zurückzuholen«, oder eine Kollegin ihn als »Sozialromantiker« zu disqualifizieren versucht, dann ahnt der wirklich offene Zuhörer andererseits, dass solche Beißattacken in der überwiegenden Mehrzahl nur einer reflexhaften Angst vor Besitzverlust geschuldet sind. Denn na klar, Veränderung tut weh. Und der Überbringer schlechter Nachrichten wurde schon immer gesteinigt, wenn nicht im Wortsinn, so doch verbal oder mittels Ächtung. Monheim ficht das nicht an. Er stolpert nicht, knickt nicht ein. Und er lässt sich von keiner Seite verbiegen oder vereinnahmen. Ein langjähriger Weggefährte zollte dieser Eigenschaft am Wochenende denn auch großen Respekt:

»Heiner ist der vermutlich am meisten authentische Mensch, dem ich je begegnet bin. Denn was er sagt, lebt er auch selbst.«

Man könnte es scharfe Ironie nennen, dass ausgerechnet eine solche Persönlichkeit – der es nie um Eitelkeit und Show, sondern stets nur um den Inhalt geht – immer wieder und auch immer wieder gerne von Presse und Medien als Gesprächspartner eingeladen wird. Möglicherweise, weil Kontroverse garantiert ist; ob zum Versagen der Bahnpolitik und der Notwendigkeit einer PKW-Maut auf allen deutschen Straßen oder zu seinen Lieblingsthemen Hochmoselübergang und Stuttgart 21. In seiner Rolle als erfrischend ehrlicher Kontrapunkt zur Masse der vor höheren Interessen katzbuckelnden so genannten ›Experten‹ blüht Monheim auf. Doch auch damit handelt er sich oft – man soll es ruhig so nennen – die Eifersucht so manches Kollegen ein, getarnt als Kritik an mangelnder wissenschaftlicher Fundierung. Seinem Elan tut das keinen Abbruch. Er kämpft täglich für seine Überzeugung, dass nicht allein die Elfenbeinturmbewohner, sondern dass die gesamte Öffentlichkeit ein fundamentales Recht, aber auch die verdammte Pflicht hat zu erfahren und vor allem zu verstehen, was sich ändern muss, damit unser blauer Planet nicht mit einem fulminanten Krachen gegen die Wand fährt.

Galeonsfigur einer authentischen Geographie

Zugegeben, die Bezeichnungen ›Grenzgänger‹ und auch ›Wanderprediger‹ hat er sich selbst zugelegt. Doch sie treffen so genau wie sonst kaum etwas in dieser diffusen Zeit. Monheim ist kein Superstar, aber auch kein Möchtegern. Eitelkeit ist ihm fremd, das Arbeiten und Streiten für eine bessere und menschenwürdigere Zukunft dagegen seine Natur. Unermüdlich schwimmt er dafür gegen den Strom, legt sich mit Erpressern, Mafioso und Paten fieser Großprojekte an. Spielend überschreitet er Grenzen: zwischen Klassen, zwischen Themen, zwischen Denkschulen und zwischen oft bis zur Luftdichte abgeschotteten Zirkeln von Mächtigen, Interessenten und Betroffenen. Als Prototyp eines Geographen geht es ihm nie nur um ein Stück vom Kuchen, sondern stets um die ganze Bäckerei. Dass er die Uni nun verlässt, dürfte leicht zu verschmerzen sein. Denn mit seinem kleinen Beratungsbüro, in unzähligen Initiativen und Vereinigungen, in Presse und Fernsehen und als bahnfahrender Experte für eine humane Zukunft wird er der Öffentlichkeit noch länger erhalten bleiben. In einer Zeit, da Blendwerk die wahre Währung und Gier die beinahe einzige Triebfeder des Strebens der Welt ist, bräuchte es indes viel mehr solcher außergewöhnlichen Persönlichkeiten.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/grenzganger-und-wanderprediger/

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