Herrn Benz sehr verbunden

29. Januar 2011 | von Johannes Reimann

Das Automobil wird mit Pomp und Gloria als durchschlagender Erfolg der deutschen Industriegeschichte gefeiert. Klar, dass man auf einer Geburtstagsparty die schlechten Seiten des Jubilars gern verschweigt. Doch so richtig dankbar darf man dem Erfinder der Motorkutsche bei aller Lobhuddelei eigentlich nicht sein.

Heute vor 125 Jahren wurde das Automobil erfunden bzw. als Patent angemeldet. Kein anderer Gegenstand hatte bisher einen so großen Impact auf die Strukturen und Prozesse des menschlichen Zusammenlebens wie die Kraftkiste mit vier Rädern aus Mannheim. Ein guter Grund, gemeinsam mit mehr als 1.000 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft diesen Geburtstag würdig zu begehen. Oder eher nicht?

Angesichts der jährlich mehr als 4.000 Verkehrstoten und 10.000 Schwerverletzten allein in Deutschland ist dieses Datum vielleicht doch kein Grund zum Jubeln. Wie bitte? Wirtschaftsfaktor? Autoindustrie als Garant für den Wohlstand und für sichere Arbeitsplätze in Deutschland? Na klar, hat man doch an der Abwrackprämie gesehen, wie nachhaltig gut es ihr geht. Es ist ja auch das richtig große Geld damit zu verdienen, von 683 Euro (VW) bis 14.478 Euro (Porsche) je verkauftem PKW. Das stecken sich die Autobauer in die eigene Tasche. Und auch der künftige PKW-Besitzer macht einen richtig guten Deal, denn statt der durchschnittlich 15.000 Euro, die er tatsächlich zahlt, müsste er, richtig gerechnet, eigentlich 40.000 Euro für sein neues Vehikel berappen; schließlich verursacht jeder PKW rund 2.500 Euro externe Kosten pro Jahr – also Kosten, für die am Ende die Allgemeinheit aufkommen muss. Die entstehen durch Lärmbelastung, durch Schadstoffe, durch Flächenverbrauch, durch Verkehrsunfälle und schließlich auch durch Aufwendungen für die Gesundheitsversorgung. Aber Vorsicht: Wehret den Feinden der Selbstverwirklichung! Für die individuelle Mobilität als grenzenlosem Freiheitserlebnis darf kein Preis zu hoch sein! Außerdem: Was der stolze Driver nicht weiß, macht ihn nicht heiß; im Gegensatz zu Ledersitzen und Alufelgen …

Ein solcher ›Festakt‹ mutet eher an wie der Totentanz der Harlekine, die ihren eigenen Galgenhumor feiern. Aber schwelgt ruhig weiter in Euren Fortschrittsillusionen, ihr Mappusse und Merkels dieser Welt. Doch statt diese Notiz als ausschweifende Tadel-Tirade fortzusetzen, will ich lieber mit einer Handvoll Worte frei nach Heinz Erhardt schließen:

»Was knattert so spät durch Nacht und Stadt?
Ne Kutsche, die vier Räder hat.
Herr Benz, der lahm am linken Zeh,
erfand mal schnell den PKW.
Mit seinem Töfftöff reist er viel,
ist quasi autonom mobil.
Wir wär’n Herrn Benz noch mehr verbunden,
hätt‘ er was anderes erfunden.«

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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