Kaputtmachen, was kaputtmacht

9. Oktober 2015 | von Johannes Reimann

Es reicht! Nichts läuft mehr richtig bei der Deutschen Bahn. Da ist es nur recht und billig, dass auch der Rubel nicht rollt. Doch nicht irgendeine Fledermaus verhindert das Vorankommen, der Pleitegeier-Konzern selbst steht auf der Bremse — und legt ein ganzes zukunftsträchtiges System lahm.

Der Konzern Deutsche Bahn hat zuletzt Gewinneinbußen verkünden müssen. Aus menschlicher Sicht ist das ein Jammer, denn — wie im Kapitalismus nun einmal üblich — für die Fehler der Gutverdiener, also des Managements, werden wieder einmal die kleinen Leute büßen müssen. Diejenigen Mitarbeiter also, die ohnehin stets den Frust der gesamten Nation abbekommen. Aus verkehrspolitischer Sicht dagegen kann es nur heißen: Weiter so! Der Konzern Deutsche Bahn sollte endlich pleitegehen. Auf andere Weise werden wir diesen unerträglichen Zustand niemals loswerden.

Kein feiner Zug

Wer jetzt aber die Karte ›misanthropisches Arschloch‹ zieht, solcher Argumentation also vorwirft, unsozial und rücksichtslos zu sein gegenüber der Belegschaft und auch gegenüber den Fahrgästen, der muss sich selbst den Anwurf des Zynismus gefallen lassen. Die soziale Verantwortung liegt mitnichten bei den Nutzern der Bahn. Es ist der Konzern, der damit sein Geschäft macht. Also, machen sollte, wenn er es verstünde. Er hat also auch für das Wohl seiner Belegschaft zu sorgen. Dafür kann er — das wäre zumindest die Idee — eben auch die Leistung einfordern, die den Ertrag erhöht und damit letztendlich allen nützt. Die Realität: Kündigungen nicht ausgeschlossen.

Heruntergewirtschaftet — kein Feigenblatt schützt mehr vor der Erkenntnis: Hier rollt nur noch der Schrott. (Foto: Johannes Reimann)Abgesehen davon weist aber leider auch die Theorie vom unschuldigen kleinen Mann klaffende Lücken auf. Selbstverständlich kann das Personal nicht wirklich viel dafür, wenn defekte Fahrzeuge eingeplant werden, die — das kommt auch nach mittlerweile mehrjähriger Erfahrung damit ganz offensichtlich immer noch überraschend — schon die Zugbereitstellung verzögern, die Abfahrt um mehr als zwanzig Minuten verspäten und auf diese Weise sicherstellen, dass in der Reisekette kein einziger von drei ursprünglich komfortabel berechneten Anschlüssen mehr klappt. Selbstverständlich kann das Personal nicht wirklich viel dafür, dass der immer noch zahlungsbereite Fahrgast trotz regelmäßiger Preissteigerungen in jahrzehntealten und verranzten Garnituren umhergeschaukelt wird, dass Zugteile fehlen, dass ein Defekt-Schild jede dritte Tür und fast jede Toilette ziert, dass des sommers wegen wrecker Klimaanlagen mehrere Abteile gesperrt werden müssen und sich auf den wenigen verbliebenen Sitzplätzen hunderte Fahrgäste stapeln müssen. Selbstverständlich kann die Belegschaft nicht wirklich viel dafür, dass das Management dies Schauspiel mit kaum zu überbietender Unverfrorenheit krönt, indem es Verspätungsstatistiken schönrechnet, unnütze Hochgeschwindigkeitsstrecken und untaugliche Bahnhofsbunker protegiert, bei nicht einmal zur Hälfte getätigten dringenden Nachholinvestitionen von einer ›Qualitätsoffensive‹ spricht, das sinnvollste und erfolgreichste Kundenbindungsinstrument der deutschen Wirtschaftsgeschichte, die BahnCard, abschaffen will und die durch eigene Inkompetenz verursachten Bilanzverluste dem Verzicht auf eine weitere Teuerung — sprich: Ausbeutung der Fahrgäste — und den gerade neu abgeschlossenen Tarifverträgen — sprich: abgemilderte Ausbeutung der Mitarbeiter — in die Schuhe schiebt.

Doch auch das Personal, das kleine Fußvolk sozusagen, macht aktuell leider keine gute Figur. Da bemüht sich der Zugbegleiter keine Sekunde lang, seinen eigenen Frust zu verhehlen, wenn er über die Sprechanlage allen Fahrgästen bekannt gibt, dass die Fahrdienstleitung sich nicht bequeme, ihm zu verraten, weshalb der Zug keine Erlaubnis zur Weiterfahrt erhalte. Corporate Behaviour sieht anders aus. Neben solchen, eher noch amüsanten Momenten hat aber mittlerweile auch eine Strategie des Fahrgastmobbings Einzug gehalten. Mag das von oben angeordnet sein oder nicht: Den nächsten Halt anzukündigen, ohne auf die aktuelle Verspätung des Zuges hinzuweisen, ist nicht nur ärgerlich, sondern eine Frechheit. Auch die Ansage, die mit der Floskel »In Kürze erreichen wir …« anhebt, während der Zug am Bahnsteig bereits zu stehen kommt — obwohl die Sprecherin noch wenige Minuten zuvor öffentlich zugesagt hatte, alle noch erreichbaren Anschlüsse rechtzeitig bekanntzugeben —, entbehrt nicht einer Geringschätzung der Fahrgäste. Genauso muss die Auskunft für die Ersatzverbindung zum verpassten Anschluss skandalös genannt werden, die offenkundig in voller Absicht — zwischen der Auskunft und der Verbindung lag nur eine Stunde Zeit, der angegebene Zug schleppte die Verspätung zu diesem Zeitpunkt also schon längst mit — verschweigt, dass jene leider auch mehr als dreißig Minuten später abfährt und dadurch wiederum die gesamte Ersatzreisekette zerstört. Ebenfalls keine Bagatelle: die Buchung inklusive Sitzplatzreservierung für einen Zug, der auf die Sekunde genau dreißig Minuten später als Ausfall bekanntgegeben wird. Auf die empörte Nachfrage des Fahrgastes, weshalb die Dame am Erste-Klasse-Schalter ihm eine Sitzplatzreservierung für einen ausfallenden Zug verkauft, antwortet diese gelangweilt, sie erfahre vom Status der Züge frühestens eine halbe Stunde vorher.

Keine Träne

Achtung, Zugfahrten! Und das in einem Bahnhof. Man stelle sich das vor ... (Foto: Johannes Reimann)Die Deutsche Bahn gibt den VW-Konzern unter den Eisenbahnverkehrsunternehmen in Deutschland. Täuschung, Misswirtschaft, Inkompetenz und Uneinsichtigkeit gehen in den Führungsetagen Hand in Hand. Jegliche Glaubwürdigkeit liegt auf dem Grund einer tiefen Grube. Doch beim Privatunternehmen in Staatsbesitz tragen auch die Beschäftigten ihr Scherflein dazu bei, die Kundenzufriedenheit noch unter den absoluten Nullpunkt zu senken.

Glücklicherweise besteht die Eisenbahnlandschaft in Deutschland schon lange aus weit mehr als nur einem Marktakteur. Dass die Deutsche Bahn eine wichtige Nahverkehrsausschreibung in Nordrhein-Westfalen verloren hat, macht Mut. Dass sie Verluste verzeichnet, schürt Hoffnung. Für alle Beteiligten — auch für die Angehörigen des Konzerns selbst — wäre ein Rückzug aus dem Geschehen, eine geordnete Insolvenz, das Beste. Man mag von der Beamtenbahn gehalten haben, was man wollte: Mit einer Pfuscherei wie bei der DB ist keine Bahn zu machen. Erst recht nicht als Platzhirsch, der noch immer ganz bewusst sinnvolle Entwicklungen durch andere Akteure behindert und sogar sabotiert. Die Deutsche Bahn muss weg! Erst dann kann Bahndeutschland endlich aufblühen.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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