Keine Aussicht auf Klümpchen

23. Dezember 2014 | von Johannes Reimann

Wenn kurz vor Heiligabend mehrere tausend Menschen durch Dresdens Straßen ziehen und gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes demonstrieren, dann ist wahrlich nicht Friede auf Erden. Doch statt den Adressaten ihres Protests die Suppe zu versalzen, köcheln die Frustbürger selbst auf ungeahnter Flamme – und zwar im Topf fremder Interessen.

PEGIDA kann eigentlich nur ein Marketingtrick sein. Nicht anders ist zu erklären, dass zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiver Realität solche Lücken klaffen. Selbst übersichtlich talentierte Medienmacher fanden längst heraus, dass, wenn überhaupt eine Islamisierung des Abendlandes stattfände, sie ihr Zentrum mitnichten in der sächsischen Hauptstadt oder auch nur in diesem Bundesland nähme. Denn genauso wenig, wie zwei Prozent katholische Christen seinerzeit die Deutsche Demokratische Republik missionieren konnten – und dass, obwohl Europa doch fest auf christlichen Wurzeln fußt –, wird ein gleich hoher Anteil Menschen islamischen Glaubens das sächsisch kleinkarierte Bürgertum aus den Angeln heben können. Doch wer über Ersprochenes von Mario Barth oder Radio PSR lachen kann oder beim Gedudel von Helene Fischer ins Träumen gerät, wer sich von Media Markt täglich mehrmals erzählen lässt, er sei nicht blöd, wer für Harry Potter Bücher nachts vor den Buchläden in der Rekordschlange steht oder sich um sein Smartphone mehr Sorgen macht als um Angehörige, der pendelt sich intellektuell auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner ein. Der Geschmack der Massen mag in ruhigen Stunden ein wohliges Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Tatsächlich aber bildet er ein Einfallstor, das für Manipulation weit offen steht.

Herrschaftsrezept

Man nehme: eine weltpolitisch undurchsichtige und angespannte Lage; stetig steigenden Leistungs- und Opferdruck; eine Messerspitze, ach was, ein ganzes Fass Geldgier, getarnt als mondänes Lebensideal; ein medial zelebriertes Wechselbad der Gefühle zwischen Seifenopern, Naturkatastrophen, Fischerchören und Bürgerkriegen; und für die Grundierung ein pikantes Gefühl der eigenen existenziellen Unsicherheit. Mit ihren täglich widersprüchlichen Parolen gerieren polternde Politiker sich dann als Pürierstäbe, fleißig sekundiert von wirren Wissenschaftlern und eitlen Experten, die mal hierüber, mal darüber befinden und damit noch mehr Drehmoment in die Schüssel werfen. Unter dem grölendem Lärm der allgegenwärtigen Werbungsmaschinerie gerinnt das wilde Gemisch schließlich zu einem homogenen Einheitsbrei, der blass bleibt und nur einen Geschmack aufweist: diffuse Furcht.

In der schwülen Hitze echter Unterdrückung wäre daraus zu anderen Zeiten vielleicht sogar ein nahrhafter Fladen geworden. Wer will leugnen, dass einst, unter den paranoiden Blicken eines Unrechtsstaates, Jugendliche in der Silvesternacht einen Thüringer Hügel einzeln erklimmen mussten, um sich erst oben auf dem Gipfel zur Gruppe zusammenzufinden und sich mit dem Rütlischwur der gegenseitigen Treue zu versichern, komme, was da wolle.

»Wir wollen sein ein einig‘ Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.«

Wer will leugnen, dass Eltern immer nur einzeln zur Montagsdemonstration gehen konnten, den anderen Elternteil bei den Kindern zurücklassend. Damit die im nicht unwahrscheinlichen Fall des Falles nicht zu Vollwaisen würden. Wer will leugnen, dass Kirchengemeinden den Pfarrer zur Predigt auf den See hinausschipperten, um sicher gehen zu können, dass niemand mithört, der nicht ihresgleichen sei.

Doch was hier träge im Tiegel dünstet, nicht Fisch oder Fleisch, nicht Suppe oder Teig, bindet nicht. Es schafft keine Identität, keine Vision, nicht einmal echte Gemeinsamkeit. »Ich habe festgestellt, dass das ja meinesgleichen ist«, sprach ein PEGIDA-Teilnehmer jüngst ins Mikrofon, deshalb laufe er mit. Wer sich aber jahrzehntelang hat verquirlen und homogenisieren lassen, der fühlt sich als Quäntchen Matsch im Einheitsbrei natürlich wohl – und wird nur schwerlich jemanden finden, den er nicht für seinesgleichen hält.

Kulinarische Kriegsführung

Bis auf diejenigen Exoten, die ob ihrer Markanz nur schwer zu verdauen wären. Die Reichen sind zu reich, die Armen zu arm, die Fremden zu fremd. Sie alle würden das Gemisch aus der Balance bringen und umkippen lassen. Eine sorgsam eingestreute Prise dagegen kann als Angstverstärker Wunder wirken. Und den Brei in Wallung bringen. Diesen Umstand aber macht sich der schlimme Finger vor der Schüssel freilich zunutze und hält schon jetzt mehrere Ingredienzien für die nächsten Monate bereit. Heute ist es Fremdenhass. Womit wird sich morgen der gewünschte Blubb erzielen lassen?

Die Perfidität und gleichzeitig Genialität dieser nationalistischen Kochshow besteht vermutlich darin, dass der Einheitsbrei nur das Ablenkungsmanöver bildet. Was tun Menschenmengen, wenn sie, angestachelt von wenigen, im Gleichschritt in die falsche Richtung laufen? Sie schauen nicht in die richtige. Denn dass sich Zehntausende aus unlauteren und falschen Motiven auf die Straße locken lassen, bedeutet nicht, dass gar kein Anlass zu Protest bestünde. Nur eben ein anderer. Die Wissenden paktieren untereinander, Wildhüter des Gemeinwohls mit den Wilderern an ebendiesem, und rufen den fremdgesteuerten Lemmingen in vorweihnachtlicher Eintracht, aber aus der Ferne, ihre gespielte Empörung und vorgetäuschte Selbstkritik zu. Man habe es versäumt, Politik zu kommunizieren. Man habe Sorgen und Ängste nicht ernst genommen. Das sind gleich zwei Lügen auf einmal. Sozusagen der doppelte Scotch, mit dem sie die erfolgreiche Schlachtung der Solidarität begießen. Selbstverständlich will niemand kommunizieren, was etwa in Sachen Freihandelsabkommen mit den USA hinter verschlossenen Türen verhandelt wird, ohne dass auch nur Abgeordnete des Europäischen Parlaments freien Zugriff darauf hätten. Selbstverständlich predigt die herrschende Elite ihrem Volk Weltoffenheit und verschärft zeitgleich die Abschieberegelungen drastisch. Selbstverständlich ist das Spiel mit der Angst eine Kunst, derer sich jeder Politiker im Wahlkampf standesgemäß und routiniert befleißigt.

Merkel, Steinmeier, Özdemir, Gysi und das gesamte politische Establishment tragen indes selbst nur die Mützen der Hilfsköche; den großen Löffel schwingen andere, nämlich diejenigen, die auch die Einbauküche bezahlt haben, ohne dass das deutsche Volk sie bestellt hätte. Denen passt PEGIDA aber hervorragend in den Kram, so gut, dass beinahe zu vermuten wäre, es handele sich um einen absichtlich zubereiteten und vorsätzlich verdorbenen Gruß aus der Küche – über den sich jeder aufregen soll, um nicht zu merken, dass das Festgelage über die Reste einer humanen Gesellschaft ganz woanders schon längst in vollem Gange ist. Den Teilnehmern der Dresdner Demos aber ist zu raten, möglichst schnell ein eigenes Aroma zu entwickeln. Denn mitten im schalen Einheitsbrei besteht keine Aussicht. Auf gar nichts. Nicht einmal auf Klümpchen.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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