Nicht nur Fassade

17. Februar 2013 | von Johannes Reimann

Mit offenen Augen die Welt zu durchqueren ist gleichsam Kunst wie Pflicht dessen, der ansonsten über den Raum zu philosophieren sich berufen sieht. Vieles in der materiellen Realität unserer Städte und Ortschaften mag im Hintergrundrauschen der geschmacklichen Konformität verschwinden. Doch manch Objekt schafft ob seiner besonderen Gestalt einen außergewöhnlichen Eindruck. Heute fiel mir die Außengestaltung eines Hauses in der Neustraße in Trier auf.

Ein ›tatöwiertes‹ Haus in der Trierer Neustraße – die Fassade kündet von der bewegten Geschichte des Anwesens. (Foto: raumblog.de)Dieses Kleinods ansichtig wird nur, wer – bebsichtigt oder auch zufällig – gehobenen Blickes die Neustraße in Trier durchschreitet. Obwohl ich sicherlich bereits hunderte Male diese Strecke zurückgelegt habe, blieb meine Aufmerksamkeit heute zum ersten Mal an dieser Fassade hängen; möglicherweise dank des guten Wetters und der günstigen Sonnenverhältnisse. Da trägt ein Haus seine wechselvolle und vielfältige Geschichte quasi auf der Haut und damit nach außen – ein Tattoo für Immobilien, sozusagen. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, daher möchte ich niemandem vorschreiben, ob er die Gestaltung zu historisierend, zu verschnörkelt oder auch ganz und gar angemessen finden mag.

Form inspires function

Dennoch entfaltet das Konzept, wie ich finde, durchaus einen Geschmäcker übergreifenden Reiz. Immerhin übernimmt diese Form ganz offensichtlich eine Funktion, nämlich die einer Chronik. Wenn Häuser eine Persönlichkeit besäßen, wäre dies vielleicht die Biographie, die eben nicht nur als Foliant im Schaufenster stünde, sondern als dauerhaftes Plakat die gesamte Außenseite zierte. »Handwerkssinn und Fleiß und Pflicht ha’m einst dieses Haus erricht’«. Von seinem Dasein als Gasthaus, Metzgerei, Krämerladen, Perrückenmacherei, Uhrmacherei, Schlosserei, Imkerei und schließlich Malerei ist da zu lesen, jeweils mit Jahreszahlen; den historischen Fakten werden zum Schmuck die passenden Zunft-Insignien zur Seite gestellt. »Dreihundert Jahr im göttlichen Schutz, dient‘ ich dem Handwerk als Hort, Wehr und Trutz. Froh grüß‘ ich, verjüngt im neuen Gewand, die ält’ste der Städte und das Trierische Land.« Ein weiterer Nachweis der Frömmigkeit, die zumindest dem Eindruck nach in jenen Gemäuern wohnt, findet sich in der Abbildung des Heiligen Lukas, der – als Patron der Metzger und auch der Maler verehrt – das Zentrum des Werkes bildet. Ihm zu Füßen ist der Heilige Georg gerade im Begriff, den Drachen zu töten; dargestellt in einem vergoldeten Relief.

Grässliches Kontrastprogramm im Geschäft nebenan: »Das Kaufhaus ist tot! Es lebe das Kaufhaus!« (Foto: raumblog.de)Damit kündet die Fassade nicht nur von der christlichen Überzeugung, sondern sicherlich auch vom Reichtum seiner Eigentümer – und von der hier einst geübten Kunst: Anfang dieses Jahrhunderts geriet der traditionsreiche Trierer Malerbetrieb Georg Schmelzer in Schwierigkeiten und musste die Immobilie vermieten; wie auch die beiden Nachbarbauten, mit denen zusammen das Schmelzer-Haus ein denkmalwürdiges Ensemble bildet. Einzig die Nutzungen der Gewerbeflächen in den Untergeschossen wollen nicht so ganz zum guten Gesamteindruck beitragen: Während unter dem markanten Schriftzug des einstigen Malermeisters mit der ›Fräulein Prusselise‹ durchaus stilvolles Modehandwerk Einzug gehalten hat, erzeugt die grelle, sekündlich wechselnde Leuchtwerbung im Geschäft nebenan einen monochromen, unruhigen und grässlichen Kontrast. Ansonsten befindet sich das Objekt meines heutigen Interesses in guter Gesellschaft: Selbst das ehemalige, königlich preußische Grenzpostamt nebenan verströmt hier einen Hauch von Geschichte.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/nicht-nur-fassade/

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