Peking macht es vor

3. Januar 2011 | von Johannes Reimann

Europäische Wohlstandsprobleme, wie etwa negative Folgen des motorisierten Individualverkehrs, sind stete Begleiter der rasanten nachholenden Entwicklung in Schwellenländern und nehmen dort unter Umständen viel eher gravierende Ausmaße an. Problemlösungen werden dort oftmals früher entwickelt als bei uns – so etwa in der chinesischen Hauptstadt.

Ob sie in China wirklich Hunde essen, ist nicht belegt. Aber sie fahren Auto, und zwar immer mehr. (Foto: Jerzy/ pixelio.de)Schlechte Nachricht oder frohe Botschaft? Ende Dezember 2010 überraschte die Stadtverwaltung der chinesischen Kapitale Peking mit der Mitteilung, im neuen Jahr würden nur noch 2.000 neue Fahrzeuge je Monat zugelassen. Damit soll einem drohenden Verkehrskollaps vorgebeugt werden, immerhin sind mittlerweile etwa fünf Millionen Vehikel – davon allein 30.000 in der zweiten Dezemberwoche neu zugelassen – in der Hauptstadt unterwegs. Die Maßnahme ruft indes nicht nur Frohsinn und Erleichterung hervor – allen voran die Autoindustrie zeigt sich angesichts dessen besonders grumpig. Was natürlich nicht wirklich überrascht.

Diese Reaktion hat nicht nur mit dem generellen Gewinninteresse der Fahrzeughersteller zu tun. Hier geht es auch um Selbstverwirklichung: Denn nach Krisenjahren und Abwrackprämie wollten die Autobauer in diesem Jahr endlich wieder groß auftrumpfen. Das Manager Magazin schrieb dazu:

»Die Autoindustrie fiebert dem besten Jahr ihrer Geschichte entgegen. Die deutschen Hersteller berauschen sich vor allem an den Wachstumsaussichten in China. Doch die jüngsten Beschlüsse der chinesischen Politik zeigen, dass dieser Aufschwung zerbrechlich ist und abrupt enden kann.«

Dass den Autobossen das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn sie vom Absatzmarkt China sprechen, liegt in einer einfachen Tatsache begründet: Dort verfügen statistisch gesehen 1.000 Einwohner durchschnittlich über viel weniger PKW (6,6) als in Westeuropa (Deutschland: 573) oder den USA (535, Stand 2008). Dieser gravierende Unterschied im so genannten ›Motorisierungsgrad‹ weckt natürlich die Begehrlichkeit, auch den Rest des Landes noch mit einem fahrbaren Untersatz zu beglücken.

Das Glück ist nur blechern

Wie so oft im Zusammenhang mit dem Automobil klingen die Ambitionen von VW, BMW, Opel und Co. in der Öffentlichkeit dabei allerdings wie das Hohelied auf Wohlstand und Freiheit; dessen erste Strophe besingt das ungehemmte Wachstum als allein selig machende Heilsbotschaft. Da wird dann von einem »enormen Nachholbedarf im Bereich der individuellen Mobilität« gesprochen, besonders gewitzte Rhetoriker verstecken in ihrem Vergleich auch gern mal beiläufig eine normative Wertung: »Der Motorisierungsgrad in China entspricht dem deutschen im Jahr 1956.«

Ganz abgesehen davon, dass einer meiner früheren Dozenten stets bemerkte, die gesamte Erde verfüge über nicht genügend Stahl, um China ähnlich zu motorisieren wie Europa und Nordamerika – die erste Frage stellt sich doch von allein: Sind die Chinesen denn wirklich scharf darauf, den unvernünftigen, weil verschwenderischen und selbstzerstörerischen Lebensstil der westlichen Welt völlig ungefiltert zu übernehmen? Augenscheinlich ja; die jährliche Zahl neuer Führerscheinbesitzer hält derzeit locker mit der Zahl der Neuzulassungen mit. Zweite Frage: Ist das überproportionale Bedürfnis nach individueller Mobilität wirklich ein unumstößliches Merkmal hoch entwickelter Gesellschaften – und ließe sich dieses Bedürfnis nicht viel besser mit anderen Mitteln befriedigen?

Wohin soll den hier überhaupt noch etwas wachsen? (Foto: Th. Reinhardt/ pixelio.de)Hinter dem weltweiten Wachstum in der Automobilindustrie steckt wohl kaum der freie Markt, also der Ausgleichsmechanismus zwischen Angebot und Nachfrage. Stattdessen wird das Individuum in Fernost mittlerweile genauso häufig und intensiv auf ein ähnlich exzessives Mobilitätsverhalten konditioniert wie hierzulande. Das geschieht ganz offen mittels allgegenwärtiger Werbung für neue PKW-Modelle, die auch noch als nachhaltige Transportlösung der Zukunft angepriesen werden, aber genauso durch die unglaubliche Autofixierung aller Lebensbereiche – von der Verfolgungsjagd im Hollywoodfilm bis zur Stellplatzpflicht für Bauträger. Wahlfreiheit gibt es nicht, denn die wahren Kosten werden verschwiegen bzw. auf die Allgemeinheit abgewälzt – das Auto stellt ganz von selbst immer die schnellere oder günstigere oder flexiblere Alternative dar.

Die Gier als Perpetuum Mobile

Und der Irrsinn geht weiter, wie der Kabarettist Volker Pispers in seinem Programm »Bis neulich« pointiert bemerkt:

»Wir haben schon jetzt in Europa 20% Autos mehr, die hergestellt werden, als verkauft werden können. Und VW will jedes Jahr sieben Prozent Produktivitätszuwachs dazu bekommen. Jedes Jahr! Schon Ihre Enkel werden also jeden zweiten Monat ein neues Auto kaufen müssen.«

Man mag das Regierungssystem in China ablehnen und sich über die Verletzung der Menschenrechte echauffieren; man mag das protektionistische Verhalten der chinesischen Wirtschaft anprangern – die Entscheidung der Pekinger Stadtführung, die Neuzulassung von Fahrzeugen zu limitieren, ist vor dem geschilderten Hintergrund mehr als vernünftig und wäre gerade auch in europäischen Städten eigentlich längst überfällig. Allein, wegen der starken Verquickung der Autolobby mit der Bundespolitik wird eine Verkehrswende in Deutschland nicht im nationalen Maßstab zu schaffen sein. An dessen Stelle muss sich die kommunale Ebene ihrer Verantwortung und ihrer Möglichkeiten bewusst werden – Peking macht es vor.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/peking-macht-es-vor/

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