Perverser Begriff von Freiheit

30. November 2010 | von Johannes Reimann

Bewegungsfreiheit kann niemals absolut sein. Genau das wollen uns die Automobilhersteller aber weismachen. Ihr Absatz hängt davon ob, dass wir nicht die lebensgefährliche öffentliche Dreckschleuder von ihnen kaufen, sondern das Rundum-Sorglos-Paket der privaten Annehmlichkeiten. Dafür unterhalten sie seit Jahzehnten ihren eigenen Gehirnwäsche-Apparat.

Werbung für PKWs – ob als Anzeige in Printmedien oder als Spot in Kino und TV – zeichnet sich meist durch pfiffige Ideen, cineastische Motive und hoch professionelle Umsetzung aus. Das Auto ist Emotion, das Auto ist Designartikel und das Auto ist multifunktionaler Gebrauchsgegenstand, mit dem sich jede Herausforderung meistern lässt. Neuerdings wird das Auto zudem immer öfter zum Familienglück. Bei solcher Verherrlichung jubeln uns die Werbe-Macher gern auch mal Qualitäten unter, die in der alltäglichen Verwendung eines PKW wohl eher selten zum Zuge kommen; denn mal ehrlich: Wer fährt seinen Wagen schon regelmäßig in der Wüste spazieren, um etwa das »Zoom-Gefühl« genießen zu können?

Der neue Spot von Hyundai – »Wenn Raum zu Freiraum wird« – treibt diese Flunkerei allerdings auf die Spitze und brüstet sich damit, dass allein das Auto (natürlich speziell das vorgestellte Modell dieses Herstellers) die wahre Freiheit böte. Wieder die so typische Hochglanz-Optik, wieder die heile Welt, in der das Auto einen wichtigen Platz hat. Nur werden in den knapp 25 Sekunden des Spots gleich auch noch Seitenhiebe an mögliche Alternativen ausgeteilt. Wenn das beworbene Fahrzeug zu den aus dem Off gesprochenen Worten »Raum gibt es in den unterschiedlichsten Formen« etwa an einem U-Bahn-Eingang, einer Bushaltestelle, einem Fußgänger-Überweg und sogar einer Seilbahn vorbeifährt, ist die Botschaft wieder mal ganz deutlich: Leute, fahrt Auto. Denn:

»… die schönste [Form] bleibt immer noch Freiraum.«

Spätestens wenn der Wagen der Wahl zu diesen Worten dann noch auf einem völlig leeren Parkdeck hält, quer zu allen markierten Stellplätzen, sollte klar sein, welche Assoziation uns die Kreativen mit diesem Spot ins Hirn pflanzen wollen. Wahre Freiheit kommt nicht mit dem Bus, der U-Bahn oder der Seilbahn, sondern mit dem Auto …

Aufforderung zur Piraterie

Damit wird ein Problem nicht nur verharmlost, sondern quasi völlig verdreht und dem Zuschauer sogar in bodenloser Frechheit als Stärke verkauft, das die Gesellschaft momentan doch mindestens einiges an Nerven und eigentlich auch noch viel mehr kostet. Was hier in hanebüchenem Euphemismus als »Freiraum« angepriesen wird, ist nichts weiter als die Privatisierung öffentlichen Raums durch den PKW-Besitzer. Ein einzelner PKW verbraucht rund 7,5 Quadratmeter öffentlicher Fläche. Indem er diese aber in Anspruch nimmt, schließt er alle anderen von der Nutzung des gleichen Raums aus. In Anbetracht der Tatsache, dass täglich Millionen solcher privatisierten Flächen durch unsere Städte fließen; dass in den meisten Fahrzeugen nur eine einzige Person sitzt, nämlich der Fahrer und dass diese Vereinnahmung der Fläche fortbesteht, wenn der PKW gar nicht mehr genutzt wird – nämlich im so genannten ruhenden Verkehr (und nur ein geringer Bruchteil von PKW-Besitzern verfügt auch über eine eigene Garage) – wird obige Botschaft des Autoherstellers nicht nur zu einer dreisten Lüge, sondern auch noch zu einer klaren Aufforderung zur Piraterie am öffentlichen Gut Raum.

Die Freiheit des einen endet dort, wo die des anderen verletzt wird. Und hier stellt sich der Spot selbst ein Bein, denn seltsamerweise taucht dort nicht ein einziges anderes Auto auf. Da ist es natürlich leicht, von Freiraum zu philosophieren; die Realität sieht erschreckend anders aus. Denn wo ein Gut nur dadurch genutzt werden kann, dass gleichzeitig alle anderen von seiner Nutzung ausgeschlossen werden, kommt es zur Konkurrenz und zum Wettkampf um die Reste. Autofahrer schnappen sich indes längst nicht mehr nur gegenseitig die Parkplätze weg, sondern sie machen auch dem Fußgänger und dem Radfahrer seine Bewegungsfläche streitig – das Gesetz des Stärkeren. Nun ist unsere Gesellschaft mittlerweile so stark diesem pervertierten Begriff von Freiheit aufgesessen, dass sich Falschparker, werden sie doch mal zur Rechenschaft gezogen, eher als Opfer sehen denn als Täter.

Das Auto ist ein Virus

Professor Hermann Knoflacher aus Österreich hat in diesem Zusammenhang schon mehrfach Schlagzeile gemacht. Mit seiner Erfindung, dem ›Gehzeug‹, illustriert er seit den 1970er Jahren, wie verquer seiner Ansicht nach das auch heute noch aktuelle Primat der Automobilität eigentlich ist. In einem ZEIT-Interview bringt er den Wahnsinn erfrischend klar auf den Punkt:

»Das Auto ist wie ein Virus, das sich im Gehirn festsetzt und Verhaltenskodex, Wertesystem und Wahrnehmung total umkehrt. Ein normaler Mensch würde unseren derzeitigen Lebensraum als total verrückt bezeichnen!«

Für die überdimensionierten Nutzung des Öffentlichen Raums durch PKW zahlt niemand etwas; weder schlägt sich das im Kaufpreis des Autos nieder, noch entrichten Autohersteller dafür einen Obolus an die öffentliche Hand. Die Kfz-Steuer ist bestenfalls ein Tropfen auf dem heißen Stein; stattdessen brechen kommunale Haushalte heute unter den Folgekosten der vielen Autoverkehrsanlagen zusammen. Der Hyundai-Spot ist ein bravouröses Beispiel dafür, wie man Nutzen ausschließlich für sich allein verwendbar machen kann und die Kosten dafür auf die Allgemeinheit abwälzt. Nur: Solange solche Gehirnwäsche für das ›Wohnzimmer auf Rädern‹ weiter geduldet wird, ist eine Besserung nicht absehbar.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/perverser-begriff-von-freiheit/

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