Schnappschuss: Blechlawine

15. Oktober 2015 | von Johannes Reimann

Ein Moment, eine Situation, eine Begebenheit — manche Stories wollen sofort kundgetan werden, ohne auf einen ausführlichen Beitrag zu warten. Diesmal: Die Anordnung der VW-Rückrufaktion durch das Kraftfahrtbundesamt wird möglicherweise eine Entwicklung in Gang setzen, die nie wieder einzufangen ist.

Es geht los! VW hat sein Vertrauen bei den Behörden verspielt. Nun ordnet das Kraftfahrtbundesamt höchstamtlich einen Zwangsrückruf an. Nach Schätzungen werden davon 2,4 Millionen Fahrzeuge betroffen sein. 2,4 Millionen! Man stelle sich diese Masse an nutzlosem Blech gleichzeitig als Stau auf Deutschlands Autobahnen vor. Das gesamte Netz wäre verstopft, lediglich ein  einziger freier Kilometer Strecke bliebe übrig, wenn zum selben Zeitpunkt kein anderes Kraftfahrzeug die Piste befahren dürfte.

Solche Zahlenspiele lassen vermutlich nur in Ansätzen erahnen, welche logistische Herausforderung da auf den Konzern mit einstigem Schwiegersohn-Image zukommt. 2,4 Millionen Kisten wollen erst einmal bearbeitet sein. Laut statista verfügte Volkswagen im Jahr 2014 über 1.078 Servicepartner in ganz Deutschland. Auf jeden davon kämen im Schnitt 2.226 Wartungsgänge zu — zusätzlich zum üblichen Inspektions- und Reparaturgeschäft. Wer das ganze Jahr über durcharbeitet, ohne Urlaub und ohne Wochenende, schafft immerhin sechs am Tag. Legt man die gängige Dauer einer Inspektion von rund drei Stunden zugrunde und geht davon aus, dass die betroffenen Fahrzeuge nacheinander behandelt werden, gibt das jeden Tag eine 18-Stunden-Schicht.

Obendrauf läppern sich die Kosten, die nach der Anweisung des Amtes der Hersteller zu tragen hat. Eine Inspektion ist üblicherweise nicht unter 200 Euro zu haben, das ergäbe mindestens 480 Millionen Euro allein aus der Reparatur der Problemfahrzeuge. Hier sind die wesentlich aufwändigeren Arbeiten am Motor selbst, die bei einigen der zurückzurufenden Modelle wohl fällig werden, noch gar nicht einkalkuliert. Dieser Betrag wird dem Konzern möglicherweise noch nicht das Genick brechen. Doch er summiert sich zusätzlich auf den Batzen Geldes, den Volkswagen ohnehin an klagende Kunden, rückfordernde Verwaltungen und grummelnde Staatsanwaltschaften zahlen muss — Strafen, Subventionen, Entschädigungen. Wer behauptet, das sei leicht zu verdauen, der irrt.

Das Kraftfahrtbundesamt hat mit seinem Durchgriff einen erfreulichen Präzedenzfall geschaffen und damit möglicherweise eine ganze Lawine losgetreten. Die Öffentlichkeit darf gespannt sein, wann die nächste krumme Tour bei einem Autohersteller auffliegt. Je nach Schadensbild wird das Amt dann wieder genauso schnell mit dem Zwangsrückruf zur Hand sein müssen. Wenn da mal nicht ganz schnell aus dem Sturz der Autoindustrie ein Abgang wird …

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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