Schnappschuss: Ergaunerte Treue

16. Juli 2016 | von Johannes Reimann

Ein Moment, eine Situation, eine Begebenheit — manche Stories wollen sofort kundgetan werden, ohne auf einen ausführlichen Beitrag zu warten. Diesmal: Mit einem bislang beispiellosen Freilufttheater inszeniert der türkische Staatspräsident sich selbst als unwiderstehlicher Held.

Verschwörungstheorien um die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA mögen sich bis heute nicht vollständig als erstzunehmende Erklärungsansätze etabliert haben. Doch die aktuellen Vorgänge in der Türkei müssen beim vernunftbegabten Zeitgnossen zwangsläufig eine profunde Skepsis wecken. Nicht, dass solide Informationen vorlägen. Selbst die öffentlich-rechtlichen Kanäle bekommen nicht viel mehr auf die Reihe, als Menschen in der Türkei nach ihren persönlichen Erlebnissen zu befragen und in jedem Reporter-Statement von »Teilen des Militärs« zu sprechen, die da einen Putsch versuchten. Doch genau diese völlig unpräzise Vermutung lässt alle Alarmglocken schrillen.

Nach insgesamt dreißig Minuten, gefüllt mit Nachrichtensendungen, liegen drei Zahlen vor, alle weit davon entfernt, gesichert zu sein: Nach der erfolgreichen Abwehr des Militäraufstands gab es laut Regierungsangaben mehr als 1.500 Festnahmen. Aber: Die türkische Armee hat rund 600.000 Menschen unter Waffen. Die Jandarma, eine paramilitärische Paralleltruppe zur Polizei, beschäftigt noch einmal 180.000 Personen. Allein diese Größenverhältnisse machen stutzig. Welcher Militärführer, der noch bei Sinnen wäre, zettelte mit knapp zweitausend Gefolgsleuten einen solchen Aufstand an? Entsprächen die in der weltweiten Berichterstattung genannten Zahlen der Wahrheit, hätte es sich wohl eher um ein Himmelfahrtskommando gehandelt denn um eine ernst gemeinte Intervention. Doch es finden sich noch weitere Indizien, die an der offziellen Version mindestens arge Zweifel aufkommen lassen:

  • Offensichtlich fand der Tumult ausschließlich in den Städten Ankara und Istanbul statt.
  • Die Erklärung der Putschisten wurde von einer Nachrichtensprecherin verlesen, nicht von Angehörigen der putschenden Streitkräfte.
  • Außer dem Bombardement des leeren Parlamentsgebäudes scheint es keine schwerwiegenden Beschädigungen gegeben zu haben.
  • Nicht einmal zwanzig Stunden später kennt die türkische Presse eine vollständige Liste von beteiligten Befehlshabern und veröffentlicht sie.
  • Nicht einmal vierunzwanzig Stunden später findet sich in der deutschen Wikipedia ein vollständiger Textbeitrag, inklusive rund 60 Quellenverweisen.
  • Am Tag danach werden rund 3.000 Richter entlassen.
  • Angeblich waren auch Soldaten des NATO-Stützpunkts Incirlik am Putsch beteiligt. Welches Licht wirft das auf die Besuchsverbote bei deutschen Truppen für deutsche Parlamentarier in den vergangenen Wochen?

Was geht hier also vor sich? Wenn eine lächerlich kleine Truppe, deren Zahl nicht einmal für die Eroberung der Hauptstadt furchteinflößend wirkt, in Verkennung aller Realität gegen die Übermacht des Staates zu Felde zieht; nur verdeckt ihre Stellungnahme im Rundfunk verlesen lässt, ohne wirklich nennenswerte Kontrolle über das Land auszuüben; ein Haus bombardiert, dessen Hoheit zu erhalten sie gerade eben erklärt hat; wenn die Staatsmacht quasi ohne Verzögerung reagiert; wenn ein Präsident aus dem geschützen Off heraus über diejenigen sozialen Kanäle, die er doch so verabscheut, einen Aufruf zur Solidarität absetzt; wenn sich viele Zivilisten, sogleich wie von Zauberhand mit Türkei-Fahnen ausgestattet, mutig und patriotisch vor die Panzer der Aufständischen werfen; wenn, der Zufall ist ein Schlitzohr, genügend Fotografen und Kameras auch von ausländischen Medien bereitstehen, um die Botschaft von dieser heroischen Gegenwehr massenwirksam zu verbreiten … ja, dann klingt das nach allem anderen als nach einem Putschversuch. Alle bislang in der Türkei durchgeführten Militäraufstände waren erfolgreich; die Führer ließen jeweils klar erkennen, was sie vorhätten, und handelten darüber hinaus überlegt und souverän. Meist reichte bereits die Erklärung, dass die Streitkräfte nicht mit den aktuellen Entwicklungen im Land einverstanden seien, um die politische Landschaft auf null zu setzen. Was sich allerdings in der Nacht zum Samstag ereignete, im derzeit so verwirrten Land am Bosporus, verdient nur eine Bezeichnung: Freilufttheater. Sogar in den Türken selbst keimt vereinzelt der Verdacht: »Wenn wir nur Spielfiguren gewesen sind, würde mich das sehr traurig machen.«

Die Abscheulichkeit und Perfidität des Plans offenbart sich dem, der die Konsequenzen bedenkt: Es dürfte völlig irrelevant sein, ob gewissenhafte Chronisten dereinst überzeugende Beweise dafür  finden, oder auch nicht. Allein die Wirkung, die der fingierte coup d ètat erzeugt, wird der westlichen Welt noch bis ins Mark fahren. Jetzt hat der greise Egomane erst Recht alle Mittel, die Unliebsamen zu beseitigen. Unwidersprochen. Denn soeben haben sowohl sein eigenes Volk als auch alle relevanten und potenten Demokratien ihm, dem Missverstandenen, dem Angefeindeten, dem einzigen aber bedrängten Bewahrer des Guten, ihre Solidarität und Untersützung zugesagt. Wie das so ist, mit PR-Kampagnen: Ihr Wahrheitsgehalt zählt nicht, sondern nur ihre Behauptung. Von nun an wird ihm niemand mehr widerstehen können, egal ob innerhalb oder außerhalb des Landes. Es gilt, sehr traurig zu werden.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/schnappschuss-ergaunerte-treue/

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