Sinnvolle Sinnkrise

9. August 2016 | von Johannes Reimann

Hochfrequenz, Gefälligkeit und Selbstreferenz. Wenn deutscher Journalismus noch eine emanzipierte Rolle spielen und zu einer gesunden Demokratie beitragen will, muss er diese Schwächen schleunigst überwinden.

»Die Kameras klicken im Sekundentakt, dutzende Journalisten umringen die Kanzlerin. Der Auflauf ist gewaltig — wie so oft im politischen Berlin. Die Medien sind dabei, wann immer ein Politiker öffentlich auftritt.«

Mit diesen Sätzen begann tagesschau.de vergangene Woche eine Introspektion, um Antworten auf eine selbstgestellte Frage zu finden. ›Politikfrust: Welche Rollen spielen die Medien?‹ Das klingt zunächst nach Sommerloch, nach Saurer-Gurken-Zeit. Vielleicht kann sich die von Langeweile geschwängerte Nabelschau aber noch in eine gewinnbringende Atempause wandeln. Meditation, die eigene Mitte finden. Doch um daraus keine Talkshow zu machen, also einen lauwarmen und nur dem Effekt des Moments huldigenden Plattitüdenzirkus, der üblicherweise einzig mit der schlichten Befriedigung endet, mal drüber geredet zu haben, täte es Not, die richtigen Fragen zu stellen. Auch solche, deren Beantwortung weh tun könnte.

Ernüchterung statt Verdruss

Zunächst einmal: Existiert diese ominöse Politikverdrossenheit überhaupt, die als eines von vielen Angstgespensten immer mal wieder als Sündenbock durchs ansonsten reichlich baufällige Argumentationsdorf getrieben wird? Oder wenden sich die Menschen nicht viel eher davon ab, dass blutleere Nicht-Botschaften immer wieder aufgepumpt und gestreckt werden müssen, weil ansonsten nicht genug Substanz für vierundzwanzig Stunden Sendezeit vorhanden wäre — und das in der mittlerweile obszönen Manier einer monströsen, alles verschlingenden Maschine, die niemand mehr abzuschalten wagt? Erdrutschartige Siege von Protestparteien bei den Landtagswahlen im März 2016, verbunden mit einer beachtlichen Steigerung der Wahlbeteiligung, beweisen eindrücklich: Die mündigen Bürger kennen ihre Möglichkeit, den eigenen politischen Willen zu artikulieren, sehr gut und nutzen sie auch — solange damit echter Einfluss verbunden ist. Viele Nichtwähler kehrten an die Wahlurnen zurück, weil sie glaubten, die Option des Protestes verleihe ihrer eigenen Stimme endlich wieder eine gewisse Wirkmacht. Denn bislang hatte die Vorahnung gegolten, dass jeder Funke Hoffnung, als Wähler mit der Stimmabgabe einen Unterschied bewirken zu können, im Keim ersticken würde. Wozu also einen Sonntag verschwenden für eine Akt, der über die bloße Inszenierung von Demokratie nicht hinauskommt, an dessen Ende aber die eine, alternativlose Erkenntnis steht: Alles bleibt, wie es ist? Viele Menschen hierzulande hatten für sich diese Schlussfolgerung gezogen. Sie kamen damit im besten aller Sinne ihrer demokratischen Verantwortung nach und entschieden sich aktiv und bewusst: nicht wählen zu gehen. Von Politikverdrossenheit kann also keine Rede sein. Ich wage sogar die These, dass die Bevölkerung in Deutschland noch niemals so hoch politisiert gewesen ist wie dieser Tage. Das drückt sich nur völlig anders aus als erwartet, etwa in regelmäßigen Demonstrationen oder dem massenhaften Stimmverzicht. Zuletzt hielten sich viele der scheinbar Verdrossenen dann wieder an die Spielregeln und gingen brav und systemkonform wählen. Damit bescherten sie dem Establishment aber statt einer Streicheleinheit eben ein unbequemes, obwohl wenig überraschendes Ergebnis. Wer also hat eigentlich tatsächlichen Grund zu Verdruss?

Der Vorwurf der Politikverdrossenheit ist bei all denen stets schnell zur Hand, die sich nicht die Mühe machen wollen, ehrlich und gewissenhaft nach Ursachen zu forschen.1 Deshalb steht stark zu bezweifeln, dass er besser trifft, wenn der Fokus vom Gegenstand weg und auf die Person hin wandert, an die Stelle des Verdrusses über Politik also die Hilfskonstruktion der Verärgerung über das politische Personal tritt. Selbstverständlich gehen Politiker auf die Nerven, die sich gleich den multiresistenten Keimen im Krankenhaus gegen Antibiotika lang andauernd und wirksam gegen die Einsicht immunisieren, Mist gebaut zu haben. Selbstverständlich fühlen sich breite Teile der Bevölkerung verschaukelt, wenn Funktionäre ihnen ständig erzählen, Deutschland gehe es gut, jetzt komme es auf das Wachstum an — obwohl 15,4 Prozent der Bevölkerung eines der wohlhabendsten Staaten der Erde in Armut leben oder davon bedroht sind und mindestens zwanzig Prozent der Erwerbstätigen keinen soliden Job haben. Selbstverständlich widern die vielen Selbstdarsteller der politischen Kaste an, die mit allen Fasern ihres Seins den Eindruck vermitteln wollen, als einzige die Wahrheit gefunden zu haben und darüber alle anderen belehren zu dürfen — obwohl es nichts weiter braucht als den gesunden Menschenverstand, um ihr Blendwerk zu entlarven. Das alles und die vielen weiteren kleinen und großen Puzzleteile ergeben am Ende zwar das Bild eines Volkes, das außer der tiefen Melancholie über die politischen Zustände als beherrschender Emotion keine andere Gefühlsregung mehr zeigen dürfte — aber nur, wenn es in den Farben des totalitären Zwangs zum politischen Bekenntnis gemalt wäre. Es zählt aber zu einer der erfrischendsten Errungenschaften einer Demokratie, dass die Bürgerschaft sich zielführende Gedanken und Sorgen um die Zusammenhänge der Welt machen darf, ohne sich gleichzeitig für das politische Theater von Regierungen, Parteien und Medien interessieren zu müssen. Sich Fragen nach dem Woher und Wohin stellen darf, ohne zwangsläufig eine der vorproduzierten und scheinbar marktkonformen Lösungsoptionen als allein seligmachende Antwort akzeptieren zu müssen. Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit ist keine Pflicht, es bedeutet also nicht, zu jedem Zeitpunkt zu allen Themen eine Meinung haben zu müssen. Die Zivilgesellschaft verfügt in dieser Hinsicht vermutlich über einen deutlich schärferen Blick und hat längst eingesehen, dass die wirklich wichtigen Entscheidungen nicht in der Politik getroffen werden — und eilt dem politischen Establishment damit in Erkenntnis um Längen voraus. Denn das hält sich selbst nach wie vor für den Angelpunkt der Welt und für unersetzlich.

Ein Irrtum, der allzu gerne von den mittlerweile pathologisch zu nennenden Anlagerungen aus Medien und Presse aufgegriffen, bestärkt und sogar aufgefrischt wird. Es findet sich hierin eine perfekte Symbiose, von der beide Teile bilderbuchartig profitieren: Während die Volksvertretung mit den Kameraobjektiven der sendenden Zunft schäkert und ihr dadurch Bedeutung verleiht, produziert diese wiederum die Illusion von Glanz und Macht. Damit zwei von Natur aus eigentlich eigenständige und von ihrer Aufgabe her sogar unverträgliche Organismen — Medien erfüllen immerhin, zumindest war das der Gedanke der Erfinder, einen rechtlichen Auftrag der Kritik und Kontrolle — aber auf derart symbiotische Weise miteinander verschmelzen können, müssen sie sich anpassen, verändern, entstellen; bis hin zum Verlust ihrer ursprünglichen und kennzeichnenden Fähigkeiten. Dass mit dem Machterhalt als dominierendem Interesse alle rationalen Handlungsmaxime ungültig werden und Politik in einer marktkonformen Demokratie demzufolge nicht dem Gemeinwohl, sondern längst nur noch wenigen Einzelinteressen dient, hat seinen Neuigkeitswert schon vor langer Zeit verloren. Wenn jetzt aber der Journalismus in eine sommerliche Sinnkrise verfällt, dann dürfte zu viel Drama als das bei weitem allerkleinste Problem gelten. Mindestens vier andere Symptome müssen deutlich mehr Sorgen machen, und zwar grundlegend.

Höfisches Dienertum

Der tagesschau.de-Liveblog zur Pressekonferenz der Bundeskanzlerin nach den drei Gewalttaten in Bayern Ende Juli umfasste am Schluss 44 Eintragungen. Die Berichtenden hatten sich zwischenzeitlich darauf verlegt, jede Äußerung der Kanzlerin einzeln wiederzugeben. Das mag sich einerseits aus dem gewählten Format erklären: Wer von einer Pressekonferenz mit einem Blog berichten will, noch dazu live, der täte dem mit nur drei oder vier oder einer Handvoll Posts wohl kaum genüge. Die Liveübertragung per Stream und eine anschließende schriftliche Zusammenfassung hätten die vordergründig journalistische Idee wesentlich besser verwirklicht. Doch hinter dem Fehlgriff schien noch eine andere, eine versteckte Motivation zu stehen. Medien mit überregionaler Reichweite erwecken immer häufiger den Eindruck, als bloße Hofberichterstatter zu fungieren, die ungeprüft und unbewertet, in der Tendenz stattdessen sogar gefällig bis Beifall klatschend, alle Äußerungen der Herrschenden dankbar aufsammeln und, verstärkend statt bewertend, im hoffentlich jubelnden Volk verteilen. Statt medienmachender Günstlinge hätte das Land dieser Tage aber viel mehr selbstbewusste Journalisten dringend nötig, die sich trauen, nicht den Sermon der Macht gierig aufzusaugen, sondern lieber nach der Wahrheit der Tat zu suchen und unermüdlich immer wieder zu fragen, ob all das, was in der politischen Sphäre erzählt, behauptet, gesprochen, geschrieben verdreht, beschönigt, gelogen, auf die eigenen Interessen gebürstet wird, der Realität — auch der Wirklichkeit des politischen Handelns — überhaupt standhalten kann. Nun ist Berlin nicht die Welt und die Seifenblase aus künstlicher und sich von Politik und Medien gegenseitig verliehener Bedeutung mag in der Bundeshauptstadt vermutetermaßen um ein vielfaches größer ausfallen als anderswo. Umso stärker wird dort aber die Ächtung all der emanzipierten Journalisten sein, die sich eben nicht servil verbeugen, sondern ihren eigenen Stiefel durchziehen. Doch hey, was soll’s: Das gehört verdammt nochmal zum Job. Sich Freund zu machen mit dem Gegenstand der Berichterstattung dagegen nicht. Auch nicht — oder erst Recht nicht —, wenn der sogar damit droht, bei Schwierigkeiten nicht mehr zur Party zu erscheinen, wie etwa der Regierungssprecher zur Bundespressekonferenz.

Die verwirrte Schlussfolgerung aller Presseleute aus der Kanzlerin Politkonferenz lautete übrigens, sie habe nicht viel Neues gesagt. Brauchte es dazu 44 Einzelmeldungen? Peinlich. Ein fähiger Reporter hätte sich bereits vorab nicht von der Behauptung blenden lassen, dass Mutti extra ihren Urlaub unterbrechen musste, sondern schon vorausgeahnt, dass mitnichten die Weisheit der ersten Frau im Staat gleich dem Heiligen Geist wie Feuerzungen auf die Menschen herabregnen würde. Doch die Pressemeute nimmt sich selbst in diesem höfischen Gehabe gefangen. Vom medialen Gefolge, das bereitwillig und völlig selbstverständlich einen Rummel veranstaltet, sobald ein Politiker die Bühne betritt — wie tagesschau.de es ja selbst zugibt —, ist allerdings keine Objektivität mehr zu erwarten. Da erhält die Kritik am laienhaften Interview eines Youtube-Selbstdarstellers mit der Kanzlerin ein gar nicht kleines, ein ziemlich feiges, Geschmäckle — tat sich doch die Medienlandschaft selbst lange schon nicht mehr auch nur annähernd inquisitorisch hervor. Die Berichterstatter dieser Nation gehören allesamt zum Establishement und müssen sich deshalb, zum Teil auch gerechtfertigt, den Anwurf der ›Lügenpresse‹ gefallen lassen. Die bittere Ironie besteht darin, dass sie diese anbiedernde Haltung nicht per Anweisung aufoktroyiert bekommen, wie von Verschwörungstheoretikern behauptet — sondern dass sie sich selbst willfährig in diese Rolle fügen, um sich weiter im Glanz der Mächtigen sonnen zu können.

Unfähigkeit zur sachgerechten Kritik

Das hat aber seinen Preis, und der fällt nicht gerade gering aus. Bericht um Bericht lassen sämtliche Nachrichtenmacher immer mehr die Fähigkeit zur skeptischen Rückfrage, geschweige denn zur profunden Kritik missen. Wo der versammelte Journalismus versagt, muss das Kabarett mittlerweile regelmäßig mit kritischer Einordnung und berechtigtem Zweifel zu Hilfe eilen. Erst vor einem guten halben Jahr, in der Sendung ›Die Anstalt‹ vom 8. Dezember 2015, hat Claus von Wagner genau darüber reflektiert und seinen Kollegen von der schreibenden Zunft einen großen Spiegel vorgehalten, der nicht klarer und schärfer hätte sein können. Statt die Wirkung durch einige Paraphrasen zu verwässern, hier die Vollversion:

Das fundamentale Unvermögen bei grundsätzlichen Kontroversen verrichtet auch als handwerkliche Unzulänglichkeit im alltäglichen Kleinklein sein Übel, etwa wenn Nachrichtensprecher die Meldungen der Agentur für Arbeit ungeprüft wiedergeben, es seien so wenige Menschen arbeitslos wie schon seit zwanzig Jahren nicht mehr — und dabei nicht erläutern, dass die Statistiken ab dem Jahr 2005 mit denen davor aus methodischen Gründen überhaupt nicht mehr zu vergleichen sind und dass die Implikationen des Status‘ ›arbeitssuchend‹ heute grundlegend andere sind als vor zwanzig Jahren. Diese Information darf mit eigener Mühe gerne nachgelesen werden, sie schafft es aber merkwürdigerweise nicht bis in die Primetime. Oder auch, wenn die Stimme aus dem Äther völlig im Einklang mit der Regierungsmeinung zu Gehör gibt: »Mit diesem Gesetz werden künftig deutlich mehr Frauen in die Führungspositionen bei bedeutenden Wirtschaftsunternehmen gelangen.« Der Leser ahnt es schon: Ein echter Journalist hätte sich den Konjunktiv vorbehalten, deutlich gemacht, dass die Regierung glaubt, mit diesem Gesetz käme es zu positiven Veränderungen. Mühsam kritische Kommentare in Lokalzeitungen kommen regelmäßig sehr possierlich daher, etwa beim Trierischen Volksfreund, der nach dem geplatzten Deal um den Flughafen Hahn forderte, nun müsse die Landesregierung ihre Hausaufgaben machen — statt die grundsätzliche Frage zu stellen, ob ein chronisch defizitärer Provinzflughafen in einer der strukturschwächsten Gegenden der Bundesrepublik noch zu einer modernen Wirtschaftspolitik passt.

Da gilt die Ausrede, das Bewerten und Einordnen von Nachrichten werde immer schwieriger — so angeführt in besagtem Beitrag auf tagesschau.de —, schlicht und einfach nicht, denn auch das gehört zum Handwerk. Doch solche Nachlässigkeiten schaden nicht nur dem Ansehen des Journalismus selbst, sondern sie öffnen versehentlichen Falschmeldungen wie gezielter Desinformation Tor und Tür. Falsche Fotos zum Amoklauf in München, getwittert von Sat1, mögen nur ein Versehen gewesen sein. Gezielte Manipulationen dagegen gehören zum medialen Tagesgeschäft und dessen Immunsystem hat sich im Zuge der Symbiose unglücklicherweise scheinbar vollständig aufgelöst. Analog zur höfischen Gesellschaft dürfte auch hier als Fremdling unangenehm auffallen, wer sich der zielgerichteten Skepsis erdreistet. Aber Achtung: Nur zu nerven, um zu nerven, macht umgekehrt noch keine gute Kritik, auch wenn der Wirbel um den selbsternannten Underdog mit Grimmepreis einen anderen Subtext vermittelt soll. Collagen aus dem eindrucksvollen Keineahnunghaben eines Regierungssprechers taugen vielleicht für Formate wie TV Total. Echter Journalismus hätte auch hier wieder den Besuch bei der Bundespressekonferenz ganz einfach gestrichen und sich auf die Suche nach Informationen aus erster Hand begeben statt sich, wie seine etablierten, aber kastrierten Kollegen, auf die Brotkrumen zu verlassen, die wie zufällig vom Tisch der Mächtigen fallen.

Diktatur der Hochfrequenz

Zur gleichgeschalteten Harmlosigkeit kommt die bereitwillige Teilnahme an einem wahnsinnigen Idiotenrennen, das doch niemand gewinnen kann. Seitdem der Anspruch, jederzeit und überall die neuesten Nachrichten bringen zu müssen, keinen ernsthaften Widerspruch mehr erfahren hat, lastet der Druck schwer und schwerer auf den Produzenten. Dass sie ihm nicht gewachsen sind, zeigt sich erstens in der mittlerweile strukturell zu nennenden Gewohnheit, woanders abzuschreiben. Das steht nicht nur als ungeprüfter Vowurf im Raum, sondern konnte im Rahmen einer Studie für die Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen (LfM) bereits wissenschaftlich nachgewiesen werden:

»Die Befragung ergab eine hohe Konzentration journalistischer Aufmerksamkeit auf nur wenige, ausgewählte Internetangebote: Es fällt auf, dass sich unter den zehn wichtigsten Internet-Angeboten neben den zwei Suchmaschinen Google und Yahoo sowie der Online-Enzyklopädie Wikipedia nur journalistische Onlineangebote befinden und nicht etwa Primärquellen, wie Ministerien, Verwaltungen oder Unternehmen. Der hohe Wert bei der Nutzung von Onlineangeboten redaktioneller Medien zeugt davon, dass die Selbstreferentialität im Journalismus, der Bezug eigener Berichterstattung auf bereits Berichtetes, nicht nur eine abstrakte Gefahr ist, sondern an konkreten Zahlen ablesbar wird.« (S. 13f)

Zweitens entfällt im hohen Eiltakt der Nachrichtenpeitsche die eigentlich journalistische Arbeit: nämlich in die Tiefe zu gehen, Hintergründe zu beleuchten und dem Rezipienten nicht nur die Meldung, sondern auch den Kontext dar- und Zusammenhänge herzustellen. Stattdessen gilt das Prinzip: Nichts ist so alt wie die Neuigkeiten von gestern. Eine ganze Industrie fällt so regelmäßig ihrem eigenen Irrglauben von der ultrakurzen Halbwertszeit einer Meldung zum Opfer. Eine frühe Emanzipation von Modeerscheinungen wie Twitter hätte dem eigenen Berufsethos gut angestanden. 140 Zeichen in eine Reihe zu stellen und auf einen Veröffentlichungs-Button zu klicken ist nun einmal kein Journalismus, im Kinderzimmer zu sitzen und stundenlang in eine Kamera zu erzählen übrigens auch nicht. Doch statt einer nachholenden Ablösung von partikulären Hypes vereinnahmt die Branche im Gegenteil auch gerne fremde Sterne am Ruhmeshimmel für sich und fühlt sich solidarisch, sobald sie ein paar Krümel von deren Tisch abzubekommen wittert: Die Seite netzpolitik.org beispielsweise bezeichnet sich selbst korrekt als »ein Blog (sic!) über Politik rund ums Netz (Netzpolitik), Urheberrechtsfragen und Überwachung.« Im Zuge der Ermittlungen wegen Landesverrats gegen die Herausgeber schlüpfte aber gleich der ganze journalistische Berufsstand unter das Empörungsmäntelchen und sparte nicht an bedeutungsheischenden Vergleichen mit mythischen Vorbildern, wie der Spiegel-Affäre aus den 1960er Jahren.

Drittens geraten, weil vierundzwanzig Stunden nun einmal eine verdammt lange Zeit ergeben, immer häufiger banale Nebensächlichkeiten ins Rampenlicht und steigen vereinzelt sogar zum lächerlichen Aufmacher auf. So sprach laut der Zeitung Die Welt im Wahljahr 2013 angeblich ganz Deutschland über das Kettchen der Kanzlerin. Den Leser oder Zuschauer muss immer häufiger der Verdacht beschleichen, es gäbe eigentlich nichts nennenswertes zu berichten. Das ganze Jahr über saure Gurken. Der Moment an sich findet dagegen extatische Anbetung. Noch während in München Schüsse fielen, sendete die ARD stundenlang im Sondermodus, schaltete alle zehn Minuten hinüber zu ihrem Korrespondenten, der wiederum den Polizeisprecher interviewte. Nichts Neues. Wie frustrierend. In Ermangelung von Alternativen flog man daraufhin den Chefexperten für Islamischen Terrorismus ein, der ebenfalls stundenlang immer dieselben Fragen beantworten musste. Berichterstattung strecken, Sendezeit füllen. Zwanghaft. Eine Nachricht, gefangen in der Unendlichkeit. Der Ausgang des Marathons: Es handelte sich gar nicht um einen Terroranschlag.

Zeit und Seiten schinden — dieses Gebot gilt selbstverständlich auch im alltäglichen Betrieb. Doch ständige Umfragen zum beliebtesten Politiker, ständige Talkshows und ständige Sonntagsfragen füllen zwar Programmplätze und Spalten, verstoßen aber zunehmend gegen das Recht aufs Unpolitischsein. Würmelnd, aber mit totalitärem Anspruch, versucht das Politische, sich jedes Lebensbereiches zu bemächtigen, fleißig sekundiert von den Heerscharen williger menschlicher Megaphone. Was müssen das für ruhige Zeiten gewesen sein, als Politiker nicht jeden Brocken ihres Ersprochenen einzeln twitterten und damit wiederum ihre Haus- und Hofschreiber und -sender und -sprecher unter Zugzwang setzten, der Welt unverzüglich mitzuteilen, der König habe Stuhlgang gehabt. Einst fand sich ein Konzept gegen solche außer Kontrolle geratenen Wucherungen, das nannte sich Sendeschluss. Jochen Malmsheimer besingt ihn wortreich:

»Und um Mitternacht war Schluss. Ruhe. Stille. Samtige sanfte Schwärze.«

Niemand muss jahrelang forschen, um herauszufinden, dass der Mensch ausreichend Pausen braucht, um Inputs auch verarbeiten zu können. Ein gesundes Gespür für die Reaktionen des eigenen Körpers sollte relativ schnell offenbaren, dass dafür der regelmäßige Toilettengang sicherlich nicht ausreicht. Das Unterbewusstsein, das ja einen nicht unbeträchlichen Teil der Verarbeitung leistet, indem es Informationen an den richtigen Platz bugsiert und gewinnbringende Verknüpfungen herstellt, läuft zur Hochform auf, wenn das Bewusstsein schweigt — also im Schlaf. Ob es für jeden Menschen acht Stunden sein müssen, sei dahingestellt. Die Publizistin Ariana Huffington mag genau aus dieser Forderung derzeit einen Feldzug machen und die US-Wirtschaft mag schon ein Zeitalter der Sleep Economy ausrufen, den Grundtatbestand ändert das nicht: Nur, wer regelmäßig aus dem Hamsterrad ausbrechen darf — während ich für diesen Beitrag Sätze formuliere, bombardieren mich die Webangebote, auf die ich verweise, wie in einem Stellungskrieg unablässig mit der Nachricht, ihre Startseite sei in der Zwischenzeit mit soundsoviel neuen Nachrichten aktualisiert worden, ob ich sie lesen möchte —, wird auf Dauer seine Vernunft behalten. Das gilt auch für Politiker und ganz bestimmt ebenso für Journalisten.

Selbstinszenierung

Weil die verirrten Meinungsmacher in all ihrer journalistischen Unzulänglichkeit dennoch von Zeit zu Zeit der Ehrgeiz befällt, endlich mal wieder einen großen Treffer landen zu wollen, am besten noch einen, der nach Möglichkeit als Nachweis für Unabhängigkeit und Investigation taugt, entstehen solche Geschichten wie Panama: künstlich aufgeblasen, plump Anerkennung heischend, inkonsequent ausgeführt, in der Wirkung völlig überschätzt — und vor allem nicht einmal selbst verdient. Die Demontage dieses Elends findet schon an anderer Stelle ausführlich statt.

Neben solchen großen internationalen Theaterstücken wird das Publikum hierzulande aber auch bisweilen Zeuge von kleinen Kampagnen nach Drehbuch, in denen gerne auch Angst die Hauptrolle spielt. Am 12. April dieses Jahres ging der WDR mit einer eigenen Berechnung zum Thema Altersarmut an die Öffentlichkeit und schlug damit Alarm. Weder hatte der Sender damit ein neues Schlagwort noch eine überraschende Entwicklung aufgetan. In der Rolle der Mahner wechseln sich verschiedene Akteure regelmäßig ab, schon 2013 meldeten sich etwa Sozialverbände in dieser Causa zu Wort. Doch das Problem eignet sicht quasi jederzeit als Knaller, schließlich lässt sich auf einer Seite der Bundeszentrale für politische Bildung, ebenfalls aus dem Jahr 2013, sehr schön nachlesen:

»In Deutschland wird die öffentliche Diskussion zum Thema Altersarmut sehr emotional geführt.«

Das Kalkül der Redakteure ging doppelt auf. Zuerst, nach fünf Tagen, griff die Politik den Aufreger dankbar auf und versprach brav, möglichst schnell die Rente zu reformieren, wiederum mit fleißiger Schützenhilfe durch mediale Erörterungen. Ein weiterer Beleg für die geräuschlose und gut geölte Symbiose. Nur zehn Tage nach der ersten Veröffentlichung war schließlich auch das Volk auf Linie gebracht und fürchtete sich wie gewünscht: Laut dem ARD-Deutschlandtrend vom 22. April machte sich zu diesem Zeitpunkt mehr als jeder Zweite Sorgen um eine mögliche Armut im Alter. Gott sei Dank, die Maschine funktioniert noch! Im Rückblick fällt es nun allerdings schwer, dieses Beispiel eindeutig als Selbstinszenierung zu verbuchen. Möglicherweise nahmen an diesem abgekarteten Spiel wieder einmal mehrere Teil.

Lieber politische Kultur denn mediale Industrie

Harmonie und Eigennutz vertragen sich nicht mit echter, schon gar nicht mit wehrhafter Demokratie, die dieses Land gerade jetzt wieder dringend nötig hat. Wie Claus von Wagner es in obigem Clip treffend auf den Punkt bringt: Von der Qualität der kritischen (!) Berichterstattung hängt zu einem großen Teil die Qualität der Regierungsarbeit ab. Und nicht nur sie. Zweck jeglicher medialen Mühe müsste es sein, das Publikum zu einem selbst gebildeten Urteil zu befähigen. Die politische Diskussion zwischen Eheleuten beim Abendbrot, zwischen Chef und Angestellten am Arbeitsplatz, zwischen Freunden beim nächtlichen Bier zählt doch weitaus mehr als alle flüchtigen medialen Massenprodukte. Die lässt sich aber nicht mit einer ungefilterten Nachrichtenschwemme erreichen, auch nicht mit pfauengleichem Aufplustern in Pseudoskandalen oder mit zahnlosen Möchtegernkommentaren. Klar, die Realität sieht anders aus: Nachrichten sind ein Geschäft und das basiert anachronistischerweise noch immer auf der fehlerhaften Grundannahme, je größer die Angst des Lesers oder Zuschauers sei, zwischendrin etwas zu verpassen, desto größer gestalte sich das Ertragspotenzial. Resultat dieses Irrtums ist die Dauerverfolgung des Konsumenten durch die Nachrichtenredaktionen. Das gilt zumindest für all jene Kanäle und Periodika, die für einen vernunftgetragenen Strukturwandel noch immer zu faul sind.

Die öffentlich-rechtlichen Medien sollten demgegenüber allerdings einem deutlich höheren Qualitätsstandard unterliegen. Sie können sich der Theorie nach von allen finanziellen Zwängen befreien und den großen Wurf wagen. Sie können sich dem Dienst an den Idealen der Aufklärung verschreiben — denn nichts anderes sollte gemeint sein, wenn öffentlich immer wieder von der westlichen Lebensweise oder den europäischen Werten die Rede ist — und ihre Formate, Programme und Inhalte tatsächlich als Entwicklungshilfe im wahren Wortsinn konzipieren: die Unterstützung des Individuums, geistige Reife zu entfalten. Ansätze dafür lassen sich gewiss bereits jetzt finden, doch in der Hauptsache neigen auch die Seriösen noch immer allzu häufig dazu, die Hysterie der billigen Medienmasse zu teilen, voreilig Urteile zu fällen und Richtungen einzuschlagen — siehe die Terrorismus-Berichterstattung während des Amoklaufs in München — und viel zu selten eigenes Rückgrat zu entwickeln.

Doch genau darauf kommt es an. Denn wenn in dieser mittlerweile hochgradig gleichgeschalteten Landschaft der gegenseitigen Gefälligkeit überhaupt jemand von Natur aus die Freiheit zur Unbequemlichkeit besitzt, dann Ihr, liebe Autoren und Redakteure von tagesschau.de und des gesamten Apparates der Öffentlich-Rechtlichen!2 Demokratie heißt nicht, beliebte Exemplare im Zoo der Mächtigen regelmäßig zu liebkosen, gleich, auf welcher Seite des Zaunes man sich befindet. Fangt endlich an, die richtigen Fragen zu stellen. Spürt dem nach, was die herrschenden Zirkel in ihren lauwarmen Wortblasen alles nicht sagen. Klärt erst Euch selbst auf, gründlich, fundiert und lieber vollständig als schnell, und dann die Öffentlichkeit. Gebt Euch nicht mit Krümeln zufrieden, verlangt die ganze Bäckerei. Und vor allem: Trefft Unterscheidungen zwischen wichtig und unwichtig. Sendet nicht um der Sendezeit Willen, sondern macht Pause, wenn es einfach nichts zu sagen gibt — oder noch viel häufiger, denn erst dann verarbeitet der Einzelne allein oder im Gespräch mit anderen die Informationen und bildet eine eigene Meinung aus. Das ist Eure Rolle, allein Eure — nicht die von Satire, Kabarett oder Bloggosphäre — und damit könntet Ihr zum Vorbild für die Rolle des Journalismus insgesamt avancieren. Dann benötigt Ihr künftig auch keine behelfsmäßigen Konstrukte wie das Alibi-Ungeheuer Politikverdrossenheit mehr, um die peinliche Abkehr der Vielen von Euren Angeboten oder von denen Eurer politischen Mäzene erklären zu müssen.

Es ist Euch und uns allen zu wünschen, dass die Eingangsfrage nicht als bloße Arie, also als affektiver Gefühlsausbruch, endet und als nur eines von vielen Opfern der erdrückenden medialen Sommerloch-Langeweile still und heimlich zu Grabe getragen wird — sondern dass der Impuls der ehrlichen Antwortsuche als Rezitativ, also die Handlung tatsächlich beeinflussender Prozess, echte Konsequenzen zeitigt. Eure Forderung, mit einem Überfluss an Informationen umgehen zu können, trifft zuallererst Euch Journalisten selbst. Nicht Drama, Baby, sondern Ehrlichkeit und Wachsamkeit bitte.

1 Die durchaus existente Hypothese, eine massenhafte Abwendung des Volkes von Politik sei eine gezielt herbeigeführte Conditio für das leichte Durchregieren, soll an dieser Stelle absichtlich nicht weiterverfolgt werden.
2 Oder doch nicht? Wenn der ehemalige Regierungssprecher Ulrich Wilhelm bereits seit Jahren als Intendant des Bayerischen Rundfunks fungiert und im Gegenzug mit Steffen Seibert ein ehemaliger Achorman des Zweiten Deutschen Fernsehens sein Erbe angetreten hat, dürfte Interessenverquickung nicht mehr nur als bloßer Verdacht gelten.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/sinnvolle-sinnkrise/

Ausdruck und Speicherung nur für den persönlichen Gebrauch. Vervielfältigung und Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors. Alle Rechte vorbehalten.

1 Kommentar

#1

von raumblog.de » Verzweifelter Brief an tagesschau.de am 21. Februar 2017 um 22.53 Uhr:
[…] P.S.: Das ganze Elend ist übrigens hier nachzulesen: http://raumblog.de/sinnvolle-sinnkrise […]

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