Spuk der Zahlen

15. Juni 2013 | von Johannes Reimann

Das einstige Symbol für Seriosität, die exakte Zahl, verkommt immer stärker zur Maske für zweifelhafte Absichten. Nicht wer die Wahrheit kennt, ist im Recht, sondern wer seine eigenen Angaben am besten zu verkaufen weiß. Statistiken sollen als künstliche Trugbilder wahlweise Empörung oder Euphorie erzeugen — mit katastrophalen Folgen für unseren Lebensraum.

Galten sie einst als Nachweis von Fachkunde und boten sie lange Zeit Gewähr für Verlässlichkeit und Exaktheit, machen sich längst auch Gaukler und Blender ihre Dienste für fragwürdige Zwecke nutzbar. Dabei können Zahlen gar nichts anderes, als nackte Tatsachen auszusagen. Ihre Bedeutung und die ihrer Bestandteile, der Ziffern, bieten keinerlei Angriffsfläche für kalkulierte Manipulation. Ihr Gebrauch umso mehr. Der vernunftbegabte Mensch ist also gut beraten, jeder Zahlenangabe, der er begegnet – gleich in welchem Zusammenhang – zunächst gepflegt zu misstrauen. Wenn beispielsweise eine so genannte Online-Zeitung sich über 8.339 Unfälle empört, die im Jahr 2012 in Nordrhein-Westfalen von Fahrradfahrern verursacht wurden, mag der Wert zwar stimmen; zu echter Erkenntnis trägt er, allein betrachtet, aber überhaupt nicht bei.

Die Diskussion, ob einzelne Ausschnitte der Wahrheit auch bei isolierter Begutachtung noch die Realität adäquat abbilden, erübrigt sich bei den Themen Verkehr und Mobilität der Erfahrung nach leider. Das Problem ist hier ein anderes: Zahlen und Statistiken dienen von vornherein als Instrumente, die eigenen Interessen durchzusetzen. So rechnete das Institut für Automobilwirtschaft im vergangenen Jahr die Führerscheinbesitzquote künstlich hoch und leitete daraus einen Boom ab, den es gar nicht gibt. Die mächtigste Autolobby der Welt, der ADAC, legitimiert ihre enorme Macht durch die – da haben wir sie wieder – Zahl von nach eigenen Angaben 18,4 Millionen Mitgliedern. Der Verein tritt damit gerne als des Verkehrsteilnehmers erster Advokat auf und macht Politik, scheinbar im Interesse des Gemeinwohls – sagt aber nicht dazu, dass zwei Drittel aller Führerscheinbesitzer und sogar rund 77 Prozent aller Bundesbürger eben nicht zu seinen Klienten zählen.

Zahlen hinter den Zahlen

So erfüllt die per se eigentlich kein Übel beabsichtigende Statistik mittlerweile häufig den Zweck der Tarnung. Die oben zitierte Unfallzahl etwa ist ganz eindeutig vorgeschoben, dient allein dazu, Unmut zu erzeugen und die Behauptung zu untermauern, die der Titel des Beitrags bereits aufstellt: »Anarchie auf den Straßen: Autofahrer fühlen sich von Radfahrern bedroht«. Die bis auf die letzte Stelle exakt wiedergegebene Zahl soll signalisieren, dass der Autor gewissenhaft recherchiert hat und sich keine Unwahrheit leisten will; schließlich steht sein Ruf auf dem Spiel. Dennoch: Der Text könnte tendenziöser nicht sein und seine Wirkung folgt dem einfachen Kalkül, Radfahrer zur Gefahr zu stilisieren. Allein die Absicht dahinter entbehrt jeden Anstandes; das Zitat selbst strotzt dann zusätzlich vor Verantwortungslosigkeit und muss sich den Vorwurf der gezielten Manipulation gefallen lassen.

Denn welcher Aussage soll die bloße Ziffernfolge 8.339 einen Wert verleihen? Sicherlich nicht der Tatsache, dass es sich dabei um lediglich 10,4 Prozent aller 79.572 polizeilich erfassten Straßenverkehrsunfälle in Nordrhein-Westfalen handelt. Sie soll vermutlich auch nicht in Vergleich mit anderen Verkehrsträgern treten. So waren bundesweit  im Jahr 2011 für ca. 72 Prozent aller Unfälle in der Hauptsache Personenkraftwagen verantwortlich; spezifische Werte für Nordrhein-Westfalen sind anscheinend nicht auffindbar. Drittens soll die völlig schnörkellos präsentierte Zahl sicherlich auch nicht zu der Erkenntnis verhelfen, dass den erwähnten Unfall-Anteilen ein sowohl in NRW als auch in Deutschland etwa vergleichbarer Anteil des Fahrrads an allen Wegen gegenübersteht (jeweils 10 Prozent laut Mobilität in Deutschland, S. 25 u. 44), wohingegen Kraftfahrzeuge überproportional häufig Unfälle verursachen (Bundesrepublik: 45 Prozent Modal-Split-Anteil MIV gegenüber 78,5 Prozent Unfall-Verursachung durch Kfz ohne Kraftomnibusse, Güterkraftfahrzeuge, landwirtschaftliche Zugmaschinen). Schließlich will besagter Text vermutlich ebenfalls nicht den Schluss nahelegen, dass demnach nicht Radfahrer, sondern Kraftfahrzeuge die gefährlichsten Gefährte im Straßenverkehr sind. Denn ansonsten hätte der Autor der Redlichkeit halber all diese Querverbindungen selbst gezogen.

Kunterbunter Mummenschanz

Nicht das Wissen, sondern der Schein bedeutet Macht. In der Diskussion um Mobilität verbirgt jeder Teilnehmer wie auf einem Maskenball sein wahres Gesicht hinter maßgeschneiderten Zeichenfolgen. Institutionen berichten über Berechnungen, Verbände zweifeln diese an. Wissenschaftler veröffentlichen Studien und ernten dafür Kritik und Spott. Der Gesinnungstaumel wirbelt immer schneller; Behauptungen lösen die Gewissheit ab und die Grenzen zwischen Vermutung und Tatsache verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit. Für jede Position lässt sich selbstverständlich eine entsprechende Studie zitieren, deren empirische Befunde die Argumentation des Gegners genüsslich zerpflücken – bis der zur Methodenkritik ansetzt oder eben seinerseits eine Untersuchung aus der Tasche zieht. Unter dem tarnenden Schleier seriöser Daten lässt sich der Schritt hin zur vorsätzlichen Täuschung dann natürlich sehr leicht vollziehen, etwa wenn Automobilhersteller ihre Absatzwerte mit dubiosen Tricks frisieren und sich damit den Segen der Mächtigen erschleichen; übrigens nicht der einzige statistische Schwindel: Auch die Bedeutung der Automobilindustrie als Beschäftigungsmotor wird sehr gerne künstlich überhöht.

Dieser ergaunerte Nimbus der Unentbehrlichkeit ärgert umso mehr, setzt der kritische Geist die von allem Mythos entblätterte tatsächliche volkswirtschaftliche Rest-Bedeutung des motorisierten Verkehrs dem Licht des gleichzeitig erzeugten Schadens aus. Die oben erwähnte Studie beziffert nicht ausgeglichene Wirkungen auf ca. 2.100 Euro pro Jahr und Fahrzeug, frühere Untersuchungen lagen sogar noch darüber. Erneut sei an dieser Stelle das Umweltgutachten 2012 des Sachverständigenrats für Umweltfragen zitiert:

»Das Erscheinungsbild der Straßenräume in den Städten wird sehr stark durch den Kfz-Verkehr einschließlich der Parkräume bestimmt. Als Konsequenz sind Aufenthaltsräume an den Straßen verloren gegangen oder aufgrund hoher Verkehrsintensität, gekoppelt mit hohen Lärm- und Luftbelastungen, unattraktiv geworden.« (S. 174)

Der Preis ist deutlich zu hoch, vor allem angesichts der Tatsache, dass bisher vermeldete Erfolge eben nur durch systematische Verlogenheit zustande kamen. Solange jedoch Akteure wie ADAC und Automobilindustrie völlig ungehindert ihre Agenda verfolgen dürfen, werden auch weiterhin, je nach Zweck, wahlweise schillernde oder bedrohliche Ergebnisse wie Irrlichter durch die Welt wabern, fleißig sekundiert von hörigen Schmierblättern. Dazu gehören dann eben auch Aufreger-Zahlen, die von tatsächlichen Gefahren ablenken und vergleichsweise harmlose Beteiligte zum Sündenbock machen sollen.

»Füchschen, glaub ihm nicht!«

Der Konsument solcher Zahlen muss sich indes nicht völlig wehrlos diesem scheinbaren Rausch hingeben, denn er entscheidet glücklicherweise noch selbst darüber, wie kritisch er mit dargebotenen Aussagen umgeht. Selig, wer diverse Zahlenwerke jedes Mal neu mit gesundem Misstrauen selbst zu durchdringen sucht. Es gilt der weise Rat des Liedes »Füchschen« von Reinhard Mey:

»Wasch dich mit allen Wassern, kleiner Fuchs,
Du mußt allein die eigne Wahrheit finden.
Und wenn jemand aus dem Unterholz bricht
Und die allein seligmachende Weisheit verspricht,
Füchschen, glaub ihm nicht!«

Oder, um es mit Kant zu sagen: Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Es ist nicht zu spät, die Party zu verlassen, bevor die schrille Euphorie völlig den Verstand raubt.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf raumblog.de

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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