Stadt in Platzangst

9. August 2014 | von Johannes Reimann

Über einen Mangel an Flächen für das öffentliche Leben kann Trier sich nicht beklagen, zumal direkt im Zentrum. Doch die meisten dieser Foren sind gar keine, lassen sie doch die Qualität für einen angenehmen Aufenthalt missen. Ein Platzverweis.

Sommer, Sonne, draußen Sein: ein Tor, wer in seiner Freizeit in den eigenen vier Wänden versauert. Schon wenige Sonnenstrahlen locken vor die Tür. Dabei muss der Zerstreuung Suchende nicht einmal in die Ferne schweifen. Auf der heimischen Piazza einen Cappuccino schlürfen, den Weisen der Straßenmusiker lauschen, angeregte Gespräche, ein laues Lüftchen im Sonnenhut und ein gutes Buch auf schattiger Bank – solches Erlebnis bietet ein gutes Zentrum, zumal das einer Stadt, eines Stadtteils oder eines Dorfes. Selbst mancher Kiez kann damit aufwarten. Die Universitäts-, Kultur-, Welterbe- und Einkaufsstadt Trier hält mit Gelegenheiten zum Verweilen dagegen arg hinter dem Berg, ganz besonders im Herzstück des eigenen Nimbus‘, nämlich in der historischen Altstadt. Das nimmt großes Wunder, denn wo sonst als in einer begehbaren Schatztruhe, angereichert mit vielfältigen antiken Kostbarkeiten, sollte sich der Aufenthalt angenehm gestalten lassen?

Es wirkt aber, als pflege die Moselmetropole seit jeher ein bestenfalls zwiespältiges Verhältnis zu öffentlichen Plätzen und Geländen. Vielbesungen das Elend am Moselufer, wo zwei natürliche Verbündete, die Stadt und das Wasser, partout nicht gemeinsam für Erbauung sorgen wollen; unschön auch der bittere Beigeschmack des Kommerzes, der mit der Neugestaltung des Kaiserthermen-Entrées einherging. Ebenso wenig taugt die schwelende Diskussion um ein neues Einkaufszentrum als Ruhmesblatt, weiss doch der alerte Stadtbewohner um die trügerische Öffentlichkeit solcher Anlagen, wie schon Georg Glasze 2001 schreibt (S. 174f):

»Dabei werden nicht Orte geschaffen, die von möglichst vielen Gruppen der Gesellschaft angeeignet werden können, sondern Orte und Gebiete für strategisch ausgewählte Teile der Gesellschaft. […] In paradoxer Weise greift dabei die Gestaltung dieser Orte vielfach kollektive Bilder von historischen ›öffentlichen Räumen‹ auf.«

Auf die Plätze?

Eigentlich ausreichend Chancen: Schade, dass viele der innerstädtischen Plätze in Trier so gar keinen Charme verströmen. (Illustration: Johannes Reimann)Da gilt es doch umso mehr, sollte man meinen, wenigstens die übrigen Chancen in Gestalt der Plätze und Freiflächen innerhalb des Alleenrings zu nutzen und als Visitenkarten der Altstadt herauszuputzen. Doch nichts dergleichen: Der persönliche Besuch all dieser Orte gerät stattdessen schnell zu einem schmerzhaften Kreuzweg. Entweder stellen sie ihr Elend trotzig schreiend zur Schau, oder sie verstecken verschämt ihren Liebreiz hinter Autos und Beton. Selbst die Perlen unter ihnen glänzen nicht ob der Trübungen, die ihnen mutwillig zugefügt werden. Aber der Reihe nach.

Nicht einmal Bahnhof

Nicht mal mehr ein Witz, nur noch eine Schande (Foto: Johannes Reimann)Die schlimmste Grausamkeit gleich zu Beginn: Der Hauptbahnhof in Trier und vor allem sein Umfeld scheinen einer Realität entsprungen, in der nichts stimmt, nichts zueinander passt. Geht der Lage schon sämtliche Schönheit ab, kann sie nicht einmal mit Funktion punkten. Der Fußgänger gibt, wie an so vielen Stellen in Trier, das durch die Übermacht an Kraftfahrzeugen bedrohte Wesen; die einzigen beiden Bussteige für den Stadtverkehr – noch im vergangenen Jahr irgendwie mit neuen Bauteilen versehen, von ›saniert‹ kann keine Rede sein – erweisen sich regelmäßig als zu kurz für die Busse, die zum Treffpunkt erscheinen und als zu schmal für einen Austausch der Passagiere.

Schlimmer als das Nichts (Foto: Johannes Reimann)Die große Uhr blieb kürzlich wochenlang stehen, jetzt lassen sich der große und der kleine Zeiger nicht mehr unterscheiden, weil beide mangels Farbe im Ziffernblatt verschwinden; die Anzeige der demnächst abfahrenden Busse hat ganze dreißig Tage lang funktioniert, wenn überhaupt; Rotlicht, Fast Food, ein hässliches Alleen-Center und sämtliche umgebenden Parkplätze stemmen sich erfolgreich gegen jeden noch so kleinen guten Eindruck. Der Bahnhofsvorplatz in Trier ist nicht mehr nur ein Witz, er ist eine Schande. In keiner anderen Stadt wird der Reisende derart unwillkommen geheißen.

Zonk hinter Tor 1

Einfassung des Porta-Nigra-Platzes: Gefangen auf einem sinkenden Schiff? (Foto: Johannes Reimann)Ersatz für den misslungenen Empfang könnte rund sechshundert Meter weiter in Richtung Zentrum locken. Die Porta Nigra, das Wahrzeichen der Stadt schlechthin, präsentiert sich angemessen exponiert und lässt, von Norden her betrachtet, zunächst nichts Böses ahnen. Doch hinter dem mächtigen Sandsteinbauwerk lauert schon bald die schreckliche Erkenntnis, dass dies stolze Portal von der Innenstadt alleingelassen wird, herausgelöst aus jeglichem Zusammenhang und isoliert nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum. Denn der Porta-Nigra-Platz bildet eine einsame Insel, die nichteinmal Glückseligkeit verspricht.

Abgehängt: Die Porta Nigra hat nichts mit der Innenstadt zu tun. (Foto: Johannes Reimann)Schuld daran ist das Wogen und Tosen des Verkehrs ringsum, das der Stadtbusse wie auch das der Pkw, deren Fahrer grundsätzlich nicht einsehen wollen, weshalb das Durchfahrverbot für sie Geltung besitzen solle. Das quietschgelbe Touristenbähnlein verstärkt den Anschein billiger Beliebigkeit des gesamten Ensembles noch. Hier soll niemand länger bleiben; ›rein, rauf, runter, raus!‹ heißt stattdessen die Devise. Dass es für eine Wendung zum Guten eines größeren Eingriffs in die Verkehrsführung bedarf, hat die Stadtverwaltung immerhin schon begriffen und dies vor sechs Jahren zu einer der Grundannahmen für einen Freiraumwettbewerb mit preisgekrönten Siegern gemacht. Allein: Epistula non erubescit. Papier ist geduldig.

Vorhof zur Geschlossenen

Kein Platz, sondern nur Vorhof: Der kleine Bruder des Porta-Nigra-Platzes dient bis zur Selbstaufgabe. (Foto: Johannes Reimann)Der westliche ›Zwilling‹ des Pota-Nigra-Platzes, der direkt benachbarte Simeonstiftplatz, fällt zwar durch angenehme Gestaltung auf, soll dies aber eigentlich gar nicht. Vorgesehen scheint stattdessen, dass er schweigt und einzig dem Brunnenhof ein stummer Diener ist, dem er wahlweise zahlungskräftige Besucher oder geschlossene Gesellschaften zuführt. Konsequent daher, dass eine ganze Horde Taxen seine Bordsteine flankiert. Anderes Klientel dürfte sich, so abseits der Passagen des Mainstreams, sowieso kaum hierher verlaufen.

Goldenes Kalb statt tanzender Rinder

Der Rindertanzplatz ist eine der vielen verschenkten Flächen, die eigentlich ein angenehmes Plätzchen werden könnten (Foto: Johannes Reimann)Wer nun nicht die direkte Route zwischen Schwarzem Tor und Hauptmarkt wählt, sondern quasi über Los zieht – selbstverständlich ohne Anspruch auf die Prämie –, landet möglicherweise in einer dieser bedauerlichen Hinterhof-Situationen, die gleich zwei Plätze nebeneinander kennzeichnet. Der Rindertanzplatz, ein plauschiges Fleckchen mit saftigem Grün direkt neben dem eigentlich so kultivierten Haus Fetzenreich, liegt unter Blech und Gummi begraben und reißt den gegenüber liegenden Winkel namens ›Sieh um Dich‹ durch selbe Nutzung mit ins Elend hinab. Als Teil der früheren Domfreiheit hatte das Gässchen, das dort endet, einst heilsame Befreiung statt Versklavung durch die Maschine verheißen. So bilden beide Flächen allerdings ein unüberwindbares Bollwerk der Unvernunft, das selbst die angrenzende und eigentlich pittoreske Glockengasse beeindruckt und ihr das Eingeständnis abnötigt, hier nun nicht mehr für Annehmlichkeit sorgen zu wollen. Bedauerlich, denn das gesamte Ensemble könnte gemeinsam so viel mehr erreichen.

Zu welcher Stunde der Herr kommt

Gott und Mensch: Die Größenverhältnisse sind eindeutig. (Foto: Johannes Reimann)Imposant streckt sich die vielteilige Front des Trierer Doms in die Höhe, kein Winkel und kein Hindernis trüben die Ansicht. Wie zwei ungleiche Geschwister thronen die Türme über dem emsigen Getrippel der ameisengleichen Heerscharen aus Touristen und sonstigem Volk. Hier in Ehrfurcht zu stehen, zu staunen, zu atmen, bedeutet auch immer, leise Echos von Zeter und Mordio zu erhaschen, die einst die erbitterte Auseinandersetzung um diese Örtlichkeit bestimmten. Der Domfreihof war, wie das in Trier seine Tradition hat – siehe etwa Rindertanzplatz, Kornmarkt, Viehmarkt oder Augustinerhof –, eine beinahe biblisch lange Zeit dem profanen Götzen Pkw geweiht. Es darf als eine der wesentlichen Errungenschaften der jüngeren Stadtgeschichte gelten, die Fläche aus der blechernen Gefangenschaft befreit zu haben, auch wenn das eben nicht immer brüderliche Eintracht vor dem Herrn stiftete.

Chronik des Größenwahns: Sie nannten es göttliche Pracht. (Foto: Johannes Reimann)Doch das nun herrschende Flair lohnt den so hart erkämpften Wandel. Pilger gehen ein und aus oder verweilen unter Bäumen, wo Müßiggänger sich beim Boule vergnügen. Der Freihof macht heute seinem Namen alle Ehre und kann in der Tat zu den besseren Plätzen zählen. Von den antik mächtigen Abmessungen der Domanlage künden eine Metallplatte mit Grundrissen und akkurat an den authentischen Stellen eingelassene Pflasterplatten. Diese geometrische Spielerei lindert indes den einzigen Wermutstropfen nicht vollständig: Die schier wuchtige, weil beinahe völlig ungegliederte Größe des Areals bewirkt andächtige Einkehr, nicht aber ausgelassene Heiterkeit. ›Mensch bedenke, wie klein Du bist.‹ Das mag zum Spruchband am Glockenturm passen und vielleicht erzeugt auch die Himmelstüre am Ende aller Tage eine ähnlich starke eschatologische Spannung. Beispielsweise ein kleiner Brunnen irgendwo in der Mitte – und sei es ein großes Outdoor-Taufbecken – würde dem aber vermutlich kaum einen Abbruch tun.

Exklusive Aussicht

Auch von Hinten hui: Bischöfe genießen einen seltenen Blick auf den Trierer Dom. (Foto: Johannes Reimann)Höchstens aus Versehen tut sich dem Neugierigen, der unbekannte Räume sucht, ein benachbartes Kleinod auf. Auf der nordöstlichen Rückseite der Trierer Kathedrale bietet sich ein noch vielfältigerer Anblick auf das Gotteshaus, dessen beinahe mediterran rötlicher Grundton sich in der Pflasterung fortsetzt. Als Farbtupfer in der Mitte breitet eine Platane ihr grünes Blattwerk aus. Der Platz ist gesäumt von ein paar Sitzgelegenheiten, ansonsten herrscht hier im Gegensatz zum geschäftigen Gewimmel am Westportal beinahe menschenleerer Friede. Die Mauerwerk-Ästhetik schlägt sich übrigens sogar im Namen der kleinen, aber feinen Anlage nieder: Bischof-Stein-Platz. Wie auch schon auf dem Freihof könnte allerdings auch hier ein plätscherndes Etwas noch gut für zusätzliches Wohlbefinden sorgen.

Das Drehkreuz

Wie aus dem Bilderbuch: der Trierer Hauptmarkt (Foto: Johannes Reimann)Zugegeben, ein Marktplatz soll schon per Definition für Austausch sorgen. Dem Hauptmarkt in Trier wird nachgesagt, einer der schönsten Deutschlands zu sein. Gerne ziert er die Titelseiten von Publikationen, die sich mit Stadtzentren beschäftigen – so etwa das ›Weißbuch Innenstadt‹ des Bundesministeriums für Stadtentwicklung aus dem Jahr 2011. Das Drängen, Schieben, Feilschen, Tröten und Knipsen der – meist zu Herden gruppierten – Anwesenden trägt allerdings nicht zur Ruhe bei und kann so manchen Aufenthalt verleiden. Der prominenteste Markplatz der Stadt verteilt und verschiebt eher, als dass er zum Verweilen einlädt.

Solch ein Gewimmel möcht' ich sehen: Auf dem Hauptmarkt ist immer viel los, Rast und Ruh' nur schwer zu finden. (Foto: Johannes Reimann)Aber wenigstens ist was los und je nach Jahreszeit können frisches Obst, Blumen, Zuckerwatte, gebrannte Mandeln, Würstchen, Dampfnudeln und vielerlei mehr Waren dem Platz nicht nur zu mehr Umsatz an Menschen, sondern den Händlern auch zu mehr Umsatz an Geld verhelfen. Und wer die Muße sucht, hat immerhin die Wahl zwischen Steipe, Weinlokal, Döner oder Fast Food.

Getrübte Freude

Es könnte so gemütlich sein, doch was zählt schon Qualität gegen freie Zufahrt für Pkw? (Foto: Johannes Reimann)Wie erholsam kann es sein, im Schatten eines mächtigen Baumes ein kühles Bier zu genießen, dazu wahlweise einen leckeren Burger oder Chili con Carne. Die Tische auf dem Stockplatz bleiben eigentlich nie leer, und das, obwohl sich der Pauschaltourist mit Stadtführer in der Hand nur durch einen unwahrscheinlichen Zufall vom Hauptmarkt aus hierhier verirren könnte. Einheimische wissen die Lokalität dagegen umso mehr zu schätzen. Selbst Public Viewing in überschaubarer Menschenmenge macht hier Spaß.

Doch es gibt, und das ist kein Scherz, tatsächlich Personen, die sich mit ihren SUV oder Lieferwagen oder protzigen Limousinen im Schritttempo durch die Rastenden zwängen, sehr zu deren Ärger, um nur einen einzigen Zweck zu verfolgen: den Geldautomaten zu bemühen, den die Volksbank auch außerhalb ihrer Öffnungszeiten in der anliegenden Filiale betreibt. Nach wer weiß wie vielen Tausend Euro steigt also die einzelne Person erneut in ihr übertrieben großes Gefährt und zwängt sich, retour, einmal mehr durch die vielen Menschen, die es doch einfach nur gemütlich haben wollen. Solches Verhalten entbehrt jeglicher Vernunft. Weshalb man soetwas macht? Weil es geht. Ohne solche Idioten wäre der Stockplatz allerdings sogar beinahe idyllisch zu nennen.

Hinterhof auf dem Hinterhof

Ruhe im Bleiben suchen? Hier sind zusammen mit der Aufenthaltsqualität alle Unklarheiten beseitigt worden. (Foto: Johannes Reimann)Die Treviris-Passage lädt durch nichts dazu ein, sie zu betreten. Immerhin beherbergt jener Gebäudekomplex wenigstens noch Wohnraum sowie einen Discounter und bleibt solchermaßen nicht vollständig leer stehen. Interesse dürfte der müßige Flaneur dagegen an der Fläche zwischen der Treviris-Passage und Karstadt bzw. Stockplatz finden. Dürfte gefunden haben. Bis August vergangenen Jahres konnte durch einheitliche Pflasterung und den einen oder anderen Baum tatsächlich die Illusion eines Platzes entstehen. Das dortige Eiscafé betreibt ja immerhin sogar Außengastro.

Denn der einzige Zweck heißt ab sofort Verkehr. (Foto: Johannes Reimann)Doch die Stadt Trier hat mittlerweile alles unternommen, diesen Irrtum auszuräumen. Hohe Bordsteine, eine üppige Asphaltdecke, der obligatorische Kahlschlag und merkwürdig angeordnete neue Unterstände für den Busfahrgast lassen nun keinen Zweifel mehr, dass dieses Fleckchen einzig und allein eine Verkehrsfunktion erfüllt. Eine klare Absage an alle Visionäre, die den kühnen Gedanken pflegten, das Ensemble durch eine bauliche Aufwertung in das Geschehen der Innenstadt einzubeziehen. Denn das würde schließlich Besucher von der Achse zwischen Porta Nigra und Hauptmarkt weglocken …

Nicht von dieser Welt

Gegenmodell zum Verweilen: Hier ist Unwohlsein! (Foto: Johannes Reimann)

Das Elend setzt sich in nordwestlicher Richtung fort mit einem Zipfel an Restfläche – im Würgegriff zwischen dem Hinterausgang der Treviris-Passage, der Rennstrecke Moselstraße und der Park-Such-Piste Walramsneustraße –, den nur Hartgesottene jemals erreichen werden. Nicht nur gibt es keinerlei Grund, den Pferdemarkt aufzusuchen; wer schließlich wider besseres Wissen dort anlangt, den trifft sofort der Fluchtreflex. Der Errichter der skurrilen Skulptur wollte wohl nichts weiter als seinen Galgenhumor beweisen.

Hauptverkehr

Nur eine Fata Morgana: An Entspannung und Erfrischung ist auf dieser beinahe Hauptverkehrskreuzung zu nennenden Ansammlung von Unruhe gar nicht zu denken. (Foto: Johannes Reimann)Vermutlich hatte der Namensgeber dieses so gar nicht stillen Winkels, als Publizist und Verleger eine der historischen Persönlichkeiten Triers, Zeit seines Lebens nicht im Mindesten mit derartiger Bedeutungslosigkeit zu kämpfen, wie sie an den Rändern und selbst der Mitte des Nikolaus-Koch-Platzes nagt und frisst. Die reichlich unglückliche Verkehrsführung daran vorbei und direkt drüber – vor allem als wesentliche Schneise für die Stadtbusse in südlicher Richtung – reklamiert hier schon viel länger absolute Dominanz als etwa an der Treviris-Passage. Und doch flammt immer wieder ein Fünkchen Hoffnung auf, vor allem wenn die nachmittägliche Sonne ihre erbauliche Kraft durch das dicht grüne Blätterwerk hindurchsteckt, hier einst einen Quell der Entspannung vorzufinden. Die Realität huldigt indes nicht dem Menchen, sondern einzig der Maschine. Wie das öffentliche Verkehrsunternehmen übrigens in der Mehrzahl immer tun.

Kaiserliche Dimensionen

Alles für den freien Blick? Die Skaterszene dankt es. (Foto: Johannes Reimann)Es mag sich als Irrtum erweisen, einen Zusammenhang herzustellen zwischen der großen Freifläche vor der Konstantinbasilika und dem Abguss des kaiserlichen Fußes, der im Kulturhauptstadtjahr 2007 mehrere Ecken der alten Römerstadt zierte. Die Präsenz des kolossalen Körperteils kündigte tatsächlich in keinster Weise die Rückkehr des überlebensgroßen Herrschers an, der ob seiner Monumentalität allein zum Stehen viel Platz bräuchte, oder auch um mit seiner Truppe Exerzierübungen zu veranstalten. Damit lässt sich die Frage nach dem Sinn einer so großen Freifläche dann eben auch nicht beantworten.

Der Gedanke drängt sich auf, dass hier der freie Blick auf das antike Gottesthaus zur obersten Maxime erhoben wurde. Zu diesem Schluss kommt auch der Skater Alex Schmitz. In seiner preisgekrönten Dokumentation ›Agenda 2012‹ geht er aber weit darüber hinaus und belegt eindrucksvoll, dass sich hier, in der öden und vom italienischen Restauraunt völlig unbeeindruckten Leere des abweisenden Pflasters die Trierer Skaterszene formiert und emanzipiert hat. Während der Kampf um ihre übernächste Heimat ganz aktuell hohe Wellen schlägt, wirken die Impulse aus der Trierer Szene mittlweile international. Die Provinzmetropole hat es dank dieser Subkultur also zu Weltrang gebracht – und dem Konstantinplatz fällt im historischen Duktus nachträglich der Ruhm als Keimzelle der Bewegung zu. Möge der Glanz der Vergangenheit noch nicht vollständig abgefackelt sein, bis sich ein neuer Sinn findet. Knipsende Touristen sind damit allerdings nicht gemeint.

Versteckter Quell

Wer ahnt schon, hier einen Quell trinkbaren Wassers vorzufinden? (Foto: Johannes Reimann)Dass der Willy-Brandt-Platz und besonders der ihn schmückende Wasseruhrbrunnen »eine möglichst wirkungsvolle Beziehung zu den benachbarten Stadträumen, insbesondere dem Konstantinplatz« haben sollen, wird nur erfahren, wer in entsprechenden Datenbankeinträgen nachliest. Erleben lässt sich dieser Zusammenhang wahrlich nicht, vielmehr duckt sich das ansonsten beschauliche Areal unter dem Eindruck der übermächtigen Basilika weg. Sichtachsen fallen nur dem auf, der danach sucht, breit öffnet sich der Platz – selbstverständlich – allein der vielbefahrenen Straße. Abgesehen vom Brunnenrand fehlen übrigens auch Sitzmöglichkeiten. Genau wie in der aktuellen Bundespolitik steht der Name Willy Brandt damit also einmal mehr für verschenktes Potenzial. Wer die Perle nicht ehrt, ist die Schmuckschatulle nicht wert.

Die einzige echte Oase

Hier ist endlich Wohlsein! (Foto: Johannes Reimann)Der Kornmarkt, als großer innerstädtischer Autoparkplatz einst nur ein Ärgernis, verdient für seine heutige Gestaltung ganz eindeutig das Lob des Trierers: »En sauwer Sach!« Dazu tragen allerdings nicht nur die vorteilhafte Lage innerhalb der Fußgängerzone, die gelungene Aufteilung der Fläche in Brunnenensemble und Außengastronomie, die hervorragende Gestaltung des Brunnens und seines Umfeldes mit dem Wasserspiel als echtem Highlight sowie der von Bürgern erkämpfte Erhalt der Libanon-Zeder bei. Dazu tragen vor allem die Menschen bei, die ihn vielfältig nutzen und das eingangs gezeichnete, beinahe romantische Bild vom öffentlichen Raum wahr werden lassen: Kinder, die durch das plätschernde Wasser planschen oder auf dem Rand des Brunnens turnen; alte und junge Menschen, die am Fuß der Zeder im Schatten verweilen oder eben auf einer der Bänke am Georgsbrunnen, unter den neu gepflanzten Platanen; jede Menge Volk, das eilig oder auch müßig spazierend in alle Richtungen über den Platz wogt, an Geschäftstagen auch die anliegenden Buch- und Modehandlungen frequentierend; Gäste, die sich mit einem Getränk ihrer Wahl unter Sonnenschirmen gegenseitig zuprosten und es sich einfach gutgehen lassen.

Beinahe prophetische Inschrift – der Kornmarkt bietet Raum für Lebensqualität. (Foto: Johannes Reimann)Hier fehlt nichts, und trotzdem geht sogar noch mehr. Der Kornmarkt kann bei Bedarf auch Bühnen, Aktionen und Freizeitanlagen beherbergen, etwa im Sommer, als eine der Hauptlocations beim Stadtfest, oder in kälteren Monaten mit einer Eislaufbahn als ›Winterland‹. Wenn nötig, ist selbst für politische Kundgebungen Platz. Der Ort überzeugt, gerade als echtes Forum öffentlichen Lebens, mit hoher Qualität, und so kann er die Missstimmung nach all den vielen vorher beschriebenen Missgriffen einigermaßen besänftigen. Als erheiternd hintergründig erweist sich die – offiziell wohl kaum sanktionierte – aktuelle Inschrift auf dem Sockel des metallenen Stadtmodells: »Trotz alledem ♥«.

Friede im Himmel, aber doch nicht auf dem Kornmarkt: Weiterhin zugelassener Autoverkehr weiß das zu verhindern. (Foto: Johannes Reimann)Unfriede ins Paradies bringen aber einmal mehr die tonnenschweren Giganten der Unvernunft. Zugang zu privaten Stellplätzen hin oder her, hier überfahren die partikulären Interessen einzelner Insassen meist großer Kraftfahrzeuge einmal mehr das gemeinschaftliche Wohlbefinden. Wer durch ein erfrischendes Glas Bier hindurch sogar die Reifenmarke des vorbeifahrenden Vehikels mühelos lesen kann, muss sich zwangsläufig unwohl fühlen. Das gibt eindeutig Punktabzug in der B-Note. Doch weil dieser Misston den eigentlich makellosen Eindruck schmerzhaft kratzen würde, sei nicht der Kornmarkt selbst davon getroffen, sondern diejenigen, die ein vollständiges Fahrverbot seinerzeit nicht durchsetzen konnten – oder wollten. Was jetzt nicht ist, kann aber durchaus noch werden.

Unendliche Weite

Öffentliche Leere ... (Foto: Johannes Reimann)Störende Nähe dürfte auf Triers kahlster innerstädtischer Fläche kaum zu befürchten sein, eher das Gegenteil. Der Viehmarktplatz stellt ein mehr als sechstausend Quadratmeter großes, mit trockenem Pflaster lückenlos versiegeltes Missverständnis dar: Die Errichtung einer Müllhalde für die zeitweise Aufnahme der übermäßig verschwenderischen blechernen Transportgefäße ebenso übermäßig bequemer Menschen – in der modernen Sprache als ›Parkhaus‹ bezeichnet – rechtfertigt eben nicht die empfindliche Schädigung historisch wertvoller und archäologisch bedeutsamer Zeugen antiker Baukultur. Diesen Trierer Sündenfall macht auch eine konservierende Glasvitrine nicht wett. Sie steht im Gegenteil sogar wiederum für die Piraterie am Öffentlichen: Der Zugang ist an Öffnungszeiten gebunden und kostet Eintritt, die Anlage kann sogar für eigene Veranstaltungen gemietet werden. Zum Ausgleich dieser Unerhörtheit hilft auch keine Rhetorik von »römischen Hauptachsen« oder einem »Fahrstuhl in die Geschichte«.

... versus kompakter VIP-Bereich (Foto: Johannes Reimann)Was hätte damals gegen einen Park gesprochen, dessen abwechselnd grüne und wassergebundene Felder, von den Mauerresten der Thermenanlage durchzogen und gegliedert, zu Spiel, Aufenthalt und Müßiggang einladen – quasi die Miniatur eines Central Parks? Fläche war und ist mehr als genug vorhanden. Davon zeugt beispielsweise das gastronomische Angebot, das trotz einer hohen Sitzplatzzahl gerade ein Achtel des Areals beansprucht. So tot wie unten drunter ist der Platz in seiner heutigen Form deshalb auch oben drauf, die Grabesruhe nur zeitweise unterbrochen von Marktgeschehen, Rummel oder Public Viewing.

Reclaim public space: Bezeichnenderweise beginnt die Critical Mass auf dem Viehmarkt. (Foto: Johannes Reimann)Die einzige Idee, die wenigstens in die richtige Richtung weist, hat zunächst nichts mit dem Platz als solchem zu tun. Die ›Critical Mass‹, eine Fahrradbewegung zur sympolischen Rückeroberung des öffentlichen Raums, startet in Trier traditionell auf dem Viehmarktplatz. Ihr Konzept aber trifft seine Notlage ziemlich genau, und so bleibt zu hoffen, dass ein mutiger und visionärer Vorschlag zur Neugestaltung dereinst die Sklaverei der Leere zu durchbrechen und noch übriges historisches Gut sinnvoll zu integrieren wissen möge.

Wo der Schrott die Tugend regiert

Ganz ohne Gartenschau: Blütenpracht am Augustinerhof (Foto: Johannes Reimann)Den Platz zwischen Theater Trier, Humboldt-Gymnasium und Rathaus passiert, wer etwa nach einem geselligen Abend im Astarix den Heimweg in Richtung Südallee antritt. Bereits Mitte April wird er dabei einer Blütenpracht ansichtig, die sich etwa vor der Bonner Heerstraße kaum zu verstecken braucht. Auch die mächtigen Kastanien, die ihr saftig grünes Laubwerk weit von sich strecken und zu sonniger Zeit herrlichen Schatten spenden, heben das Wohlbefinden und machen von einem plätschernden Brunnen und bequemen Sitzgelegenheiten auf Gras bewachsenem Untergrund träumen.

Doch nicht dem Menschen und seiner Begabung (nicht im Bild: Humboldt-Gymnasium und Theater Trier) sei zu huldigen, sondern der unsäglichen Maschine. So will es dieses Arrangement. (Foto: Johannes Reimann)Doch die ersehnte Oase entpuppt sich brutal als Fata Morgana. Einmal mehr ist es nicht der Mensch, der hier Raum und Platz nehmen, sich niederlassen und verweilen darf. Stattdessen birgt der gnadenlose Asphalt wiederum eine Ruhestätte für hunderte Blechboliden. Es bedarf schon einer besonderen Unverfrorenheit, das räumliche Zentrum zwischen einem Haus der Bildung, einem Haus der Kultur und einem Haus der Demokratie so massiv mit Schrott zuzustellen. Das Argument, es ginge nicht anders, zählt nicht. Solange während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 der Viehmarkt als Fanmeile diente, haben die Marktstände auf dem Augustinerhof Platz gefunden – das ist doch schon mal ein Anfang!

Latente Agoraphobie

Fünf der sechzehn so besungenen Plätze (Bahnhof, Rindertanz-/ Sieh‘ um Dich, Treviris, Nikolaus-Koch-, Augutinerhof) sind also in ihrem momentanen Zustand vollends an den Kraftverkehr verloren. Auf ihnen kann es der Mensch kaum aushalten, geschweige denn dort Erholung finden. Drei weitere (Pferdemarkt, Stockplatz, Kornmarkt), darunter gleich zwei Perlen, sehen sich mindestens störenden Beeinträchtigungen gegenüber, ebenfalls – na klar – durch Straßenverkehr; obwohl auf den schönsten beiden nicht einmal Straßen vorhanden sind und sich die verstohlenen Störungen genau deshalb als besonders lästig erweisen. Drei Plätze (Simeonstift-, Bischof-Stein-, Willy-Brandt-) wirken eigentlich ganz annehmbar gestaltet, scheinen sich vor Besuchern allerdings verstecken zu wollen. Vier Freiflächen (Porta-Nigra-, Hauptmarkt, Domfreihof, Konstantin-) liegen auf dem typischen Ameisenpfad tausender Touristen, nur einer davon lässt den für Trierer Verhältnisse sonst viel zu frommen Wunsch ›Angenehmen Aufenthalt!‹ in greifbare Nähe zu rücken. Übrig bleibt: eine Art schwarzes Loch, das jeden annähernd wohligen Raumeindruck zu verschlucken weiß und nur das Gefühl trockener Wüstung zurücklässt (Viehmarkt). Eine bedauerliche Bilanz.

Meiden statt verweilen – die Ahnung keimt, dass die Stadt Trier einen großen Teil ihrer öffentlichen Plätze absichtlich nicht als solche anerkennt, ihnen mindestens ein Recht selbst auf kleine Pracht verweigert, in manchen Fällen gar auf eine Existenz als Ort allgemeinen Lebens. Ursache mag eine latente Angst vor zu häufigen und großen Menschenansammlungen sein, selbst wenn diese zufällig und ungerichtet bleiben mögen; vor Groß und Klein und Alt und Jung, die einfach Platz nehmen und verweilen wollen. Ein Zeichen für Trierische Verschlossenheit? Alternativ könnte es sich auch um einen Irrtum handeln: zu glauben, Weltoffenheit ließe sich herstellen, indem regelmäßig flüchtige Fremde auf festgelegten Routen, entlang weniger Orte, knipsend und staunend durch die Stadt tapern. Das beschert allerdings keine Öffentlichkeit, sondern nur Geschäft, und die örtliche Gemeinschaft bleibt dank so eintöniger Konzentration im wahren Wortsinn außen vor. Wer als Trierer Einwohner in der Innenstadt angenehmen Aufenthalt finden will, der muss derzeit ausdauernd suchen. Oder er bleibt am Ende womöglich doch lieber zuhause …

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/stadt-in-platzangst/

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