Stau im Strafraum

24. Juni 2016 | von Johannes Reimann

Ob auf Asphalt oder auf Rasen, manche Gesetzmäßigkeit gilt universell. Was der Fußball von Küchengeräten und vom Straßenverkehr lernen kann.

Die Gruppenphase ist abgeschlossen, und während einige Teams nach ihrem Ausscheiden die Sachen packen und ihre Wunden lecken, bereiten sich die verbliebenen Mannschaften auf die K.O.-Runde vor. Alles oder nichts, wird es ab morgen wieder heißen. Schon vor dem letzten Gruppenspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft kündigte Bundestrainer Joachim Löw an, spätestens ab dem Achtelfinale finde das Taktieren ein Ende und jedes Team, das einen Sieg erringen wolle, müsse zwangsläufig offensiver spielen. Löws Einschätzung versuchte sich damit auch schon ein wenig als Entschuldigung. Denn seit vielen Jahren, Experten rechnen sogar in Jahrzehnten, fielen wohl nicht mehr so wenige Tore bei einem internationalen Turnier wie bei dieser Euro 2016.

Auch bei der deutschen Mannschaft zählt die eher klägliche Torausbeute — und hiermit sei dann der Reigen der Metaphern eröffnet — zu den größten Baustellen. Um zu ergründen, woran das gelegen haben könnte, muss der aufmerksame Zuschauer kein Fußball-Fachmann und auch keine -Fachfrau sein und auch Jogis Jungs haben, das berichteten alle Fernsehsender einhellig, schon im Training vor dem letzten Gruppenspiel versucht, dagegen ein Mittel zu finden. Dynamik, Spielfluss und die von allen Kommentatoren so strapazierte ›Leichtigkeit‹ brachen sich in der überwiegenden Mehrzahl der bisherigen Partien an einem Phänomen, das der Deutsche nur allzu gut aus seinen Städten und von seinen Autobahnen kennt: Stau — im Strafraum ein verlässlicher Chancenkiller.

Vor dem gegnerischen Tor kann es zu Stop and Go kommen

Nicht wenigen Teams war schon vor ihrem ersten Anpfiff nachgesagt worden, eine solche Verstopfung zur Maxime der Verteidigung erheben und sich durch bloßes Mauern wenigstens in ein Remis retten zu wollen. Die vereinzelten Spiele, die schließlich doch flüssiger liefen, ernteten dann im Umkehrschluss Anerkennung: Es sei erkennbar, dass beide Gegner die Absicht hätten, mitzuspielen. Wem allerdings einer der vielen Verweigerer als Herausforderung zufiel, der musste trotz permanenten Anrennens schon bald seine ganze Ratlosigkeit eingestehen. Weder half die taktische Anweisung, das Spiel in die Breite zu ziehen. Denn genau wie eine mehrspurige Autobahn vor einem Hindernis verengt sich auch die verfügbare Spielfläche zwangsläufig vor dem Tor, denn dieses misst eben nur einen Bruchteil des Feldes in der Breite. Noch bildeten rote Metallstangen als Simulation im Training die Wirklichkeit der zu knackenden Abwehrmauer auch nur entfernt richtig ab. Vor dem gegnerischen Kasten blieb schlicht und ergreifend nicht genug Platz.

Stell Dir vor, es ist Vollsperrung, und kein Auto kommt: Wie im Straßenverkehr auch, erklärt das Hindernis selbst — hier also die gegnerische Spielerverdichtung vor dem Tor — die Situation allerdings nicht vollständig. Stattdessen trägt die zufließende Größe ebenfalls zur Verstopfung bei. Wenn im Falle der deutschen Mannschaft also nicht nur der Stürmer und das offensive plus das defensive Mittelfeld wiederholt und gleichzeitig in die Räume des Gegners vordringen, sondern zusätzlich auch noch drei von vier Abwehrspielern, die ja durch die Mitte oder über die Flügel Tempo ins Spiel bringen sollen, dann ist die Bude nun einmal voll. Kein Durchkommen. Nahezu jeder Schuss prallt vom Gegner oder gar vom eigenen Teamkollegen ab. Das ist pure Physik. Wohlfeil deshalb, wer die Spieler angesichts solcher Resultate der mangelnden Verwertung schilt. Statt des Trainings mit farbigem Sportgerät hätte sich das Einüben von Akrobatik auf engstem Raum hier als der bessere Rat erwiesen. Dribbeln auf einem Gehweg, knapp einen Meter breit, zwischen Hauswänden und parkenden Autos beispielsweise — davon sollte jede europäische Großstadt reiche Vorkommen bieten können.

Mission Rohrfrei

Der offene Schlagabtausch dürfte auch in den nun anstehenden Finals nicht unbedingt zum Trend avancieren. Denn viele Trainer sehen sich in ihrer passiven Strategie ja durchaus bestätigt. Zudem fehlen einigen verbliebenen Teams schlichtweg die nötigen offensiven Fähigkeiten, um sich an der Dramaturgie aus Aktion und Reaktion wirksam zu beteiligen. Mauern als alternativlose Politik also. Woher kennen wir das bloß? Für die Apostel eines technisch und stilistisch sicheren Angriffsfußballs stellt sich die Frage allerdings anders: Wie lässt sich ein absehbares Bollwerk überwinden, wie der Pfropfen entfernen, ohne sich selbst vollständig aufzureiben?

Querdenken, querspielen — Thomas Müller hat es vorgemacht. Wenn die große Masse der Angreifer sich in der Vorwärtsbewegung befindet und damit in Längsrichtung agiert, stellt der Gegner sich wie ein Fels in die Brandung und lässt alle kinetische Energie verpuffen. Deshalb ergibt es Sinn, den Bewegungsvektor zu verändern, durchaus bis zur Senkrechten, also quer. Das reduziert Widerstände und damit die Stauung, wirkt unvorhergesehen und erlaubt es, schließlich doch die mikroskopisch kleinen Räume, quasi die Haarisse in den eng gestaffelten Reihen aus eigenen und gegnerischen Spielern, gleich einem Detektor aufzuspüren und zu nutzen. Die überwältigende Mehrzahl der erfolglosen Flanken von den Flügeln in die Mitte zeigt dabei, dass ein solcher Spielzug nur als Maßarbeit auf kurzem Wege daherkommen kann. Skalpell statt Vorschlaghammer.

Spitze schärfen — Jedes Küchenmesser fährt leicht durch Butter, aber schon bei Kartoffeln scheiden sich die scharfen von den stumpfen Klingen. Das Geheimnis der Schärfe besteht in der kleineren Oberfläche und dem bei gleicher Krafteinwirkung dadurch größeren Druck, der auf die Kartoffel oder das Radieschen oder die Zwiebel einwirkt und deren Oberfläche damit leichter spalten kann. Es wäre also durchaus eine Überlegung wert, die Sturmspitze selbst im Strafraum ein paar Schritte mehr tun zu lassen, statt eine Situation mit zwei oder mehr Spielern herbeizuführen. Die bleiben als Verbund nämlich mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit hängen — genauso wie der berühmte letzte Pass, an dem es im Spiel der DFB-Auswahl bislang ja fast immer mangelt.

Gassen bilden — Wenn außer dem Torwart und dem letzten Innenverteidiger schon alle anderen Spieler in des Gegners Sechzehner auftauchen müssen, könnten sich diejenigen ohne Ball, statt auf ihn zu warten, wenigstens im Dienste des Ballführenden nützlich machen. Der Gegner mag Passwege zustellen können, gut. Aber wer sagt, dass die Mitspieler nicht selbige auch offenzuhalten in der Lage sind? In der Kardiologie ist es ein Stent, der verengte Gefäße stabilisiert und weitet, im Straßenverkehr ist dies die Gasse für Rettungsfahrzeuge. Solch ein Manöver ließe sich doch mit Sicherheit auch trainieren, am besten in mehreren Variationen.

Verkehrsaufkommen reduzieren — Fließgeschwindigkeit, Aufkommen und verfügbare Fläche hängen im Straßenverkehr eng miteinander zusammen. Nicht anders verhält es sich auf dem Platz. Ein erster Schritt zur Entdichtung könnte also darin bestehen, dass jeder Spieler seine eigene Position treuer auslegt als bisher. Auch kräfteökonomisch lässt sich ja nur schwer erklären, weshalb das offensive Mittelfeld geschlossen intensive Abwehrarbeit verrichten muss, während die eigentlich Zuständigen sich wiederholt woanders herumtreiben. Wenn Löw und Co. also künftig die Viererkette zuhause stehen lassen, ergeben sich für die Angriffspezialisten vorne womöglich mehr Räume und Freiheiten für gute Ideen, auf jeden Fall aber für Bewegung. Das passt dann auch zur scharfen Spitze (siehe oben). Gegen eine Mauer rennt man nun einmal nicht mit einer eigenen Mauer an, sondern mit einem Rammbock.

Fußball ist eben doch wie Schach

Die spanische Fußballnationalmannschaft eroberte sowohl 2008 als auch 2012 jeweils mit sehr effizienten, weil minimalen Tordifferenzen die Krone des Europameisters. Auch von der Weltmeisterschaft in Brasilien vor zwei Jahren bleibt der Diskurs über den Gegensatz aus schönem versus erfolgreichem Spiel noch im Gedächtnis. Kein anderes Team als das deutsche selbst errang seinen vierten Stern am Schluss mit einem biederen eins zu null. Insofern steht, dem lechzenden Publikum sehr zum Nachteil, zu befürchten, dass ein Torhagel bei der Euro 2016 auch weiterhin ausbleibt und die Serie der mühsam anzuschauenden, weil übers ganze Taktieren mittlerweile völlig verkopften Spiele sich unverändert fortsetzt. Am Ende trifft der berühmte Vergleich zwischen Fußball und Schach wohl doch noch. Aber jetzt, liebe Mannschaft, kennt ihr wenigstens ein paar Züge mehr.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/stau-im-strafraum/

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