Strahlende Landschaften

18. Juni 2013 | von Johannes Reimann

Kernkraftwerke sind eine schleichende, aber mächtige Bedrohung. Denn ihr Gefahrenpotenzial lässt sich zunächst nicht kognitiv erfassen. Erst am grässlichen Anschauungsbeispiel Fukushima und mithilfe abstrakter Berechnungen dämmert uns, dass wirklich sichere Gebiete in Deutschland eher die Minderheit bilden.

Wie schützt sich der Bürger bei einem Super-GAU am besten vor radioaktiven Gefahren? Wie können wir den Ausstieg aus der Energiegewinnung mittels Nuklearkraftwerken beschleunigen? Welche Bedeutung hat der aktuelle Entwurf zum neuen Endlagergesetz? Ich bekenne mich hiermit der fahrlässigen Gleichgültigkeit schuldig. Denn obwohl es im Kraftwerk Cattenom, nicht unweit meiner eigenen Haustür, in letzter Zeit immer wieder einmal rappelt, habe ich diesem Feld außer einem bissigen Kommentar zur Atomdebatte nach Fukushima kaum einen Gedanken gewidmet.

Aus dem solchermaßen recht unbeeindruckten Idyll riss mich am Sonntag ein wirklich gut gemachtes Plakat des Vereins .ausgestrahlt heraus. Der hatte in der vergangenen Woche mithilfe von Mitarbeitern und Anhängern an dreizehn verschiedenen Orten in der Bundesrepublik teils klassische, teils kreative Aktionen unter dem Motto »Der einzige Schutz vor einem Super-GAU ist abschalten!« durchgeführt. Auch Trier bot die Kulisse für eine solche Aktion. Vom Infostand ließ sich allerdings weit und breit nichts mehr blicken, als ich sonntags durch die Innenstadt flanierte – nur besagtes Plakat hing noch an einer Hauswand; darunter eine Grafik, die darstellte, in welchem Radius um das AKW Brokdorf nach pessimistischen Schätzungen aufgrund eines Super-GAU evakuiert werden müsste.

Die richtigen Schlüsse ziehen!

Vermutlich zunächst von der aufkeimenden Panik gesteuert, hatten deutsche Medien im Umfeld der Nuklearkatastrophe von Fukushima auch genau diese Frage diskutiert: welche Gebiete von direkten oder späteren Auswirkungen eines Unfalls in deutschen Kraftwerken betoffen wären, und präsentierten zu besten Sendezeiten interaktive Features zum selbst Mitzittern. Weniger zur Sprache kam, dass seit Inbetriebnahme der ersten Kernanlagen hierzulande amtliche Regelungen existieren. Laut den ›Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen‹ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit – zuletzt aktualisiert 2008 – gliedert sich die Einteilung der Umgebung einer kerntechnischen Anlage in ›Zentralzone‹ (zwei Kilometer Radius), ›Mittelzone‹ (zehn Kilometer Radius), ›Außenzone‹ (25 Kilometer Radius) und ›Fernzone‹ (100 Kilometer). Alarmmaßnahme 2, die auch eine Evakuierung umfasst, soll im Katastrohpenfall nur in Zentral- und Mittelzone durchgeführt werden.

»In der Außenzone [also im Unkreis von 25 Kilometern, Anm.] sollen Mess- und Probenahmeorte festgelegt und Alarmierungen vorbereitet werden. In der Außenzone ist die Verteilung von Iodtabletten für alle Personen unter 45 Jahre, in der Fernzone [100 Kilometer Radius] für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre sowie Schwangere vorzubereiten. Weiterhin ist in diesen Zonen sicher zu stellen, dass die Warnung vor dem Verzehr frisch geernteter Lebensmittel unverzüglich verbreitet werden kann.«

Diese Einteilung in Zonen basiert auf den in Deutschland gültigen so genannten Eingreifrichtwerten, bei deren Erreichen bzw. Überschreiten  bestimmte Maßnahmen zu treffen sind; bei 100 mSv über einen Zeitraum von sieben Tagen ist gemäß den ›Radiologischen Grundlagen für Entscheidungen über Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung bei unfallbedingten Freisetzungen von Radionukliden‹ beispielsweise eine Evakuierung einzuleiten, wirkt die gleiche effektive Dosis über ein gesamtes Jahr, muss umgesiedelt werden.

Im Zuge der Erfahrungen von Fukushima beginnen allerdings viele Akteure, darunter sogar Behörden, an den hiesigen Vorsorgeplänen zu zweifeln. Kritiker wie etwa die Organisation IPPNW stellen rundheraus nahezu alle Aspekte der aktuell geltenden Katastrophenschutzbestimmungen infrage: Kapazität und Mobilisierungszeit von Einsatz- und Hilfskräften, Annahmen über Zeitpunkt und Dauer des Austritts von radioaktivem Material infolge eines Kernunfalls, ebenso über die wahrscheinliche Häufigkeit eines solchen Ereignisses – auch die Größe der möglicherweise belasteten Gebiete ist Gegenstand der kritischen Auseinandersetzung. Und siehe da: Selbst ein Gutachten des Bundesamtes für Strahlenschutz aus dem Jahr 2012 gelangt zu der Auffassung:

»Nach dem Unfall in Fukushima wurde von der japanischen Regierung ein Richtwert von 20 mSv für die innerhalb eines Jahres infolge äußerer Exposition durch abgelagerte Radionuklide verursachte effektive Dosis festgelegt, um Gebiete für eine ›späte Evakuierung‹ (in Japan als ›deliberate evacuation areas‹ bezeichnet) zu identifizieren. Es ist möglich, dass der deutsche Richtwert von 100 mSv angesichts dieser Entwicklungen zumindest für manche Unfallszenarien ebenfalls abgesenkt werden könnte.« (S. 34)

Diese mögliche Reduzierung hat allerdings starke Auswirkungen auf den Radius der dann neu abzugrenzenden Schutzzonen. Das Gutachten selbst nennt für das exemplarisch diskutierte Kernkraftwerk Unterweser bei einem neuen Richtwert von 20 mSv über eine Wirkdauer von einem Jahr einen Radius von 68 bis 130 Killometern für die Maßnahme ›permanente Umsiedlung‹; für das AKW Philippsburg könnte die nötige Entfernung bis zu 170 Kilometer betragen. Wie auch immer die Festlegung schließlich aussehen würde: Wir haben es im Grunde nicht mehr nur mit einzelnen gefährdeten Flächen, sondern mit ganzen Landstrichen zu tun.

Twilight Zone

Atlas des Super-GAU: In diesem Gegenden bedeutet eine strahlende Zukunft nichts Gutes für die Menschen (Illustration: raumblog.de; Kartengrundlage © GeoBasis-DE / BKG 2013)Wie groß wären sie aber nun? Diese Aufgabe lässt sich zum Beispiel mittels einer GIS-Anwendung lösen. Ich habe dafür um die Punkt-Positionen der neun (Gundremmingen hat zwei Anlagen, deshalb nur acht Punkte auf der Karte) noch in Betrieb befindlichen deutschen Kernkraftwerke jeweils drei Kreise mit verschiedenen Radien gelegt (siehe Grafik), deren Fläche mit dem Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland verschnitten und daraus Flächeninhaltswerte berechnet. Der Sachverhalt stellt sich folgendermaßen dar:

Rote Kreise: Eine Schutzzone von 25 Kilometern Radius um den havarierter Meiler – bisher noch als Außenzone vorgesehen – besitzt eine Fläche von ca. 1.964 Quadratkilometern. Alle neun Kraftwerke zusammen genommen, beläuft sich die potenziell gefährdete Fläche auf 17.669 Quadratkilometer – ca. 5% des gesamten Bundesgebiets.

Orangene Kreise: Bei einer Risikozone mit 100 Kilometern Radius um das Kraftwerk besitzt das gesamte dadurch potenziell gefährdete Gebiet – abzüglich der Überlappungen – eine Fläche von und 178.016 Quadratkilometern. Das ist etwa die Hälfte des gesamten Bundesgebietes.

Gelbe Kreise: Für den Fall, dass die Behörden die Räumung des Gebietes innerhalb eines 170km-Radius um das havarierte Kraftwerk für notwendig erachten, vergrößert sich das potenziell gefährdete Gebiet ohne Überlappungen auf eine Fläche von 273.895 Quadratkilometern. Für rund 77% des Bundesgebietes gilt also eine erhöhtes Risiko, von einem Atom-Unfall betroffen zu sein.

Die Grafik sagt nichts darüber aus, wo, wann und wie häufig ein Unfall solchen Ausmaßes in einem deutschen Kernkraftwerk auftreten könnte, auch nicht, wie wahrscheinlich das ist. Möglicherweise verfügen selbst amtliche Stellen nicht über genügend und richtige Daten, das adäquat einschätzen zu können. Allein, die in der Grafik gekennzeichneten Gebiete sind durch ihre (relative) Nähe zu den noch produzierenden deutschen Anlagen – der mögliche Einfluss der Kraftwerke in unseren Nachbarländer ist hier noch gar nicht dargestellt – potenziell stärker gefährdet, im Falle des Austritts von radioaktivem Material davon belastet zu werden. Ich spreche mich in aller Deutlichkeit gegen Panikmache aus. Aber ich rufe genauso deutlich zu sachlich konzentrierter Debatte auf. Und in diesem Zusammenhang erlaube ich mir, die Frage zu stellen: Von welchen und wie vielen Menschen dürfen wir verlangen, welches Risiko einzugehen, um die Erzeugung des eigentlich gar nicht billigen Atomstroms zu gewährleisten?

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/strahlende-landschaften/

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