Totalschaden

26. September 2015 | von Johannes Reimann

Wen der Betrugsskandal bei VW tatsächlich überrascht, der hat sich das Nachdenken schon längst abgewöhnt. Seit Jahrzehnten benötigt es eine ganze Täuschungsindustrie, um das Katastrophensystem Automobil künstlich schönzufärben.

Das Prinzip Automobilität ist am Ende, seine Zeit abgelaufen. Dass es im Lichte des Weltenlaufs eigentlich niemals mehr gewesen ist als ein schrecklicher, aber zerstörerischer Irrtum, geboren aus Gier und Faulheit, werden mutige Historiker frühestens in ein paar Dekaden eindrucksvoll nachweisen. Im Hier und Jetzt aber bricht das überlebensgroße Götzenbild gerade erst in sich zusammen — und das verblüffte Publikum weigert sich erst recht, zu glauben, was es sieht. Solches Verhalten ist Kennzeichen von Sekten, oder generell von totalitären Religionen. Allein der vorgeschriebene Glaube bringt Heil, abweichende Gedanken sind als Teufelszeug abzuwehren. Die Automobilbranche erlebt aktuell ihr kleines Fukushima. Und genau wie damals lassen die Verantwortlichen auch jetzt jegliche Fähigkeit missen, die Tatsachen zu realisieren, die Wirklichkeit anzuerkennen. Als habe die Epoche der Aufklärung niemals stattgefunden, als habe Immanuel Kant sich nie getraut, sein »Sapere aude!« in die Welt hinauszurufen, spulen sich einmal mehr quasi-religiöse Rituale ab. Priester der Verkehrs- und Wirtschaftspolitik zelebrieren die Liturgie der Realitätsverweigerung, Lektoren des — gerade auch sonst so bemüht kritischen öffentlich-rechtlichen — Nachrichtengeschäftes gerieren sich eilig als willfährige Vorbeter.

Die Automobilbranche sei die Säule der deutschen Wirtschaft. Wer ernsthaft daran glaubt, hat schon im Kindergarten seine Kühe lila gemalt. Oder er wird falsch beraten. Beides muss, zumal wenn die betreffenden Personen ein hohes Amt bekleiden oder eine führende Funktion ausüben, als fahrlässig gelten. Wenn nicht gar vorsätzlich. Es ist nachgewiesen, dass die wirtschaftliche Relevanz dieses Industriezweigs regelmäßig deutlich überhöht wird, und zwar künstlich. Dabei helfen dubiose Berechnungsverfahren, um die Arbeitsmarkteffekte zu ermitteln — wer nachrechnet, findet schnell heraus, dass nicht jeder siebte, sondern allerhöchstens jeder fünfzigste Werktätige für die Autoindustrie schafft —; dabei helfen massenhafte Eigenzulassungen der Autohändler, um die Absatzsstatistiken zu frisieren; dabei hilft eine Lobby, die sich nur mit jämmerlichen Betrügereien ein bisschen Glanz ergaunern kann; und dabei hilft, nun kommt auch dies an die Öffentlichkeit, Software zur betrügerischen Aufhübschung von Abgaswerten. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob die US-Behörden selbst darauf kamen oder ob es sich, wie die Verkettung von Umständen durchaus nahelegen könnte, um die verspätete Rache des Ferdinand Piëch handelt: Was derzeit in sich zusammenfällt, ist nur ein Mythos, ein Kartenhaus. Eine Religion, die der Welt noch immer weismachen möchte, ihr Erlöser könne übers Wasser gehen und Krankheiten heilen. Und darüber so grundvernünftige Handlungen wie etwa einen Arztbesuch unterlässt. Denn welche international führende Wirtschaft ruht bitteschön nur auf einer einzigen Säule? Entweder entpuppt sich also diese Phrase als realitätsfernes Verlegenheitsargument, weil sonst nichts besseres mehr zum Schutz dieses Undings einfällt. Oder die deutsche Elite hat sechzig Jahre Wirtschaftspolitik verschlafen. Oder schlimmer noch: beides.

Wenn also der Hohepriester der automobilen Kirche, Herr Wissmann — er war mal Bundesverkehrsminister, könnte es also besser wissen —, seine fünf Minuten Rampenlicht auf der IAA — einem Relikt, vergleichbar mit dem christlichen Fronleichnamszug — in allerzynischster Weis nutzt, um ganz offiziell staatliche Geldsegnungen für Leistungen zu erflehen, für die die Branche sich selbst zu schade ist; wenn Niedersachsens Ministerpräsident Weil im Angesicht der VW-Krise schon wieder das dumme und unsägliche ›Jeder-Siebte-Arbeitsplatz‹-Argument bemüht; wenn Bundesverkehrsminister Dobrindt allein durch Fotoshootings und Äußerungen über sein Privatleben zu erkennen gibt, dass er sein Haus am liebsten in ›Autoministerium‹ umbenennen möchte; wenn Kanzlerin Merkel bei Elektromobilität nur ›Autos‹ versteht und die mehr als eine Million Pedelecs und die Tausenden Straßenbahnen einfach übersieht: dann festigt sich die Gewissheit, dass dieses gesamte Milieu unter der Kontrolle einer fremden Macht stehen muss. Schon der damaligen Abwrackprämie troff die Unzurechnungsfähigkeit ihrer Macher aus allen Poren. Besser hätte es eine Prämie zum Abwracken dieses politisch-industriellen Komplexes gegeben. Hinter der fortwährenden Protektion des Automobils steckt nichts als kriminelle Energie.

Dreckiges Geschäft

Denn es hat mitnichten zu Fortschritt oder Wohlstand beigetragen. Eine solch verklärende Zuschreibung können gesunden Geistes auch nur diejenigen vornehmen, denen sie als absichtlich getätigte Lüge zu noch mehr Reichtum verhelfen soll. Im Gegenteil: Kaum ein anderes Gerät, das der Mensch jemals ersonnen, hergestellt und verkauft hat, erweist sich als so zerstörerisch und tödlich. Jährlich tötet der Kraftverkehr mehr als eine Million Menschen weltweit, Tendenz steigend. Dem Verbrennungsmotor ist es gelungen, innerhalb weniger Jahrzehnte Ressourcen in einem Ausmaß zu verzehren, dass sie sich auch bis zum Aussterben des letzten Homo Sapiens noch nicht erholt haben werden. Unter den unumkehrbaren Veränderungen des Weltklimas, hervorgerufen zu einem nicht geringen Teil durch Autoabgase, werden alle nachfolgenden Generationen leiden. Städte und Dörfer haben sich zu so lebensfeindlichen Umgebungen gewandelt, wie es die menschliche Entwicklungsgeschichte kein zweites Mal zu berichten weiß. Der Herzinfarkt mauserte sich zur Todesursache Nummer eins. Ein Auslöser: Stress, bedingt durch Verkehrslärm. Straßen bestehen nur noch aus Fahrbahnen. Verweilen unmöglich. Automobilität macht alle zu Verlierern.

Aber auch jeden Einzelnen. Die Massenmotorisierung hat die tägliche Unterwegszeit zu Fuß auf ein Minimum reduziert und wie eine Nebenwucherung ein dichtes Netz aus Fitnessstudios aus dem Boden sprießen lassen — erreichbar selbstverständlich nur mit dem Auto. Natürliche Bewegung ist out, künstlicher Muskelaufbau in. Perverse Welt: Wo sich einst der soziale Kontakt auf der Straße entspann, gegenseitiges Lächeln und Hallo das generelle Miteinander gestaltete, sitzen die Menschen heute abgeschottet, aber doch angestrengt in ihren hermetischen Fahrgastzellen, können keinerlei Kontakt zu anderen Verkehrsteilnehmern aufbauen und scheren sich infolgedessen nicht um deren Gesundheit. Einst verkauften die Autohersteller ihre Vehikel auch in ihrer Werbung bildlich als rollendes Wohnzimmer, wo Ruhe und Selbstbestimmung regierten, der Aufruhr von draußen keinen Platz hätte. Tatsächlich, darauf weisen Psychologen mittlerweile immer häufiger hin, liegt der Stresspegel bei Autofahrern deutlich höher als bei allen anderen Verkehrsteilnehmern. Freiheit, Freizügigkeit und Freiraum sind ebenso beliebte Versprechen; erstaunlicherweise taucht in den Clips oder Bildmotiven nie auch nur ein einziges weiteres Fahrzeug auf. Neue ›Urbanität‹ wird gern mittels freigestelltem Modell der Wahl verheißen; ohne dass auch nur ein einziges städtisches Element ebenfalls Platz auf dem Plakat findet. Die Realität besteht aus dem Gegenteil: verstopfte Straßen und Plätze, Chaos, Ärger, Gefahr. Beinahe möchte man alle diejenigen auslachen, die auf solche Autowerbung reinfallen. Wäre man, als Nichtbesitzer und Nichtnutzer, nicht ebenso zum Gefangenen des autofreundlichen Systems geworden. Veranstaltungsorte, Geschäfte mit Spezialbedarf in Gewerbegebieten, Hotels und Pensionen, Badeseen und Wanderwege — alles mit riesigen Parkplätzen ausgestattet, aber nicht mit Bushaltestelle. Das Automobil hat eine exkludierende, nicht inkludierende, eine ungerechte statt einer gerechten Gesellschaft geformt. Bürgerinnen und Bürgern, die ihr Ego in bizarren Blechkäfigen spazieren fahren, wird kaum auffallen, wie die Politik das Solidarprinzip immer stärker aufweicht und schließlich ganz abschafft. Pegida, möchte man meinen, das ist eine Bewegung aus Autofahrern: Menschen, die sich abstrakt bedroht wähnen von irgendetwas oder irgendwem, während ihnen doch eigentlich ihre eigene Isolation Angst macht. Wo die persönliche Nähe den Menschen früher zwang, Konflikte von Angesicht zu Angesicht auszutragen, bietet das Auto ein hervorragendes Fluchtinstrument, so meint es beispielsweise der Verkehrswissenschaftler Hermann Knoflacher. In einer Erweiterung dieser These könnte man sich gar zu der Auffassung versteigen, dass Untreue und andere Heimlichkeiten es erst durch die Massenmotorisierung bis in die Mitte des Mainstream schafften. Das Automobil als fahrbarer Untersatz für Feigheit.

Tragischerweise lässt sich die umfassende soziale, wirtschaftliche, räumliche, landschaftliche und kulturelle Zerstörung, die dieses Gerät anrichtet, durch nichts, durch rein gar nichts legitimieren. Auf der Schadenseite steht alles, auf der Nutzenseite nichts. Eine Stunde am Tag wird ein Automobil im Durchschnitt genutzt, im Mittel sitzen 1,4 Person pro Weg darinnen. Es verschafft keine Zeitgewinne, denn das Reisezeitbudget, so weist es die Mobilitätsforschung nach, bleibt seit Jahrzehnten konstant, bei rund einer Stunde täglich. Stattdessen konzentriert die Todesmaschine alle Zeit auf sich und lässt anderen Bewegungsformen, wie beispielsweise dem Spazierengehen, nichts mehr übrig. Sie konzentriert auch alle Fläche auf sich und lässt anderen Tätigkeiten beinahe keinen Raum mehr — in Berlin haben findige Aktivisten nachgemessen und herausgefunden, dass der Kraftverkehr neunzehn mal mehr Bewegungsfreiheit genießt als alle anderen Mobilitätsformen zusammen. Die Grauen Männer aus dem Kinderbuch ›Momo‹ wären ein Jahr lang in ausgelassenen Jubel verfallen, hätten sie ein solch teuflisches Ungetüm selbst erfunden. Für alle anderen Dinge, die einen Schaden dieser Ausmaße anzurichten in der Lage sind, etwa Kriegsgerät und Pestizide, braucht es Genehmigungen zum Einsatz; wer im Berufsleben eine vergleichbare Ineffizienz an den Tag legt, wird mindestens wegen Faulheit entlassen, üblicherweise aber wegen Sabotage verhaftet und angeklagt.

Im Griff der Mafia

Wie aber ist zu erklären, dass dieser Wahnsinn andauert? Sicherlich nicht durch die enormen privaten oder sogar Wohlfahrtsgewinne. Denn letztere hat es nie gegeben und erstere können gar nicht so hoch sein, denn sonst müsste die Branche nicht alle paar Jahre nach staatlicher Hilfe schreien. Oder sie sind es doch. Dann wären solche Ersuchen umso zynischer, die Vertreter solchen Ansinnens nichts weniger als soziale Verbrecher — trachtend stets nach der persönlichen Bereicherung, zum Schaden anderer. Wie kann ein derart dreckiges Geschäftsmodell, das ganz augenfällig allein auf Betrug, Täuschung, Ausbeutung, Raubbau und Piraterie beruht, eine so große Rolle in der doch angeblich sozialen Marktwirtschaft spielen? Vermutlich gibt es hierfür, wie bei allen komplexen Problemlagen, keine einfache Antwort. Vielleicht aber doch. Umweltbewegte Gutmenschen wollten vor nicht langer Zeit jedem Autofahrer ein Suchtproblem unterstellen und erfanden folgerichtig eine Kampagne, die sich auf eine — zugegeben stark verkürzte — Theorie zur Suchtprävention stützte. Dabei ließen sie sträflich außer Acht, dass viele Autonutzer gar nicht wahlfrei, sondern auf den Pkw angewiesen sind, weil sie über keine alternativen Mobilitätsmöglichkeiten verfügen. Verkehrswissenschaftler wiederum argumentierten an anderer Stelle, die jahrzehntelange Automobilisierung habe Raumstrukturen geschaffen, die das öffentliche Leben zwangsläufig in die Abhängigkeit vom Automobil treibe. Hermann Knoflacher meint, das Auto sei ein Virus. In allen drei Szenarien geht der Autonutzer aber seiner Kontrolle verlustig und kann demnach nicht mehr wirklich für seine Entscheidungen haften. Das ist zu einfach.

Die Wahrheit liegt womöglich irgendwo dazwischen und gesteht allen Beteiligten sehr wohl eine gewisse Mitbestimmung zu: Bequemlichkeit. Wenn die Hälfte aller Wege, die unter fünf Kilometer lang sind, mit dem Auto zurückgelegt werden, kann schwerlich in allen oder in den meisten Fällen auf Wahlunfreiheit plädiert werden. Es gibt ja noch die Füße, das Fahrrad, oder (vielleicht) den Bus. Wer im Gespräch in vertrautem Kreis reflexhaft behauptet, ohne Auto könne er sein Leben auch gar nicht aufrechterhalten, war bislang einfach zu faul, sich neue Mobilitätsroutinen einfallen zu lassen. Wer sich in einer Umgebung niederlässt, wo nur das Auto eine echte Option bietet, war ebenfalls zu bequem, nämlich sich zuvor Gedanken über genau dieses Problem zu machen. Stadtplaner und Verkehrspolitiker sind auch ganz offen und ohne Scham zu bequem, um sich ernsthaft den Kopf über eine Verkehrswende zu zerbrechen; als Ausrede dient ihnen dabei die vorgebliche Abhängigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft vom Automobil, die wiederum — der Leser hat es erraten — eigentlich selbst nur getarnte Bequemlichkeit ist. Wer als produktive Industrie seit mindestens zwei Jahrzehnten den eigenen Strukturwandel willentlich verweigert, weil in der größten Not bisher noch immer staatliche Hilfe gewunken hat, der macht sich mindestens der massiven Bequemlichkeit schuldig. Wer als Landesvater oder auch nur Wirtschaftspolitiker auf der anderen Seite keine neuen, verträglichen Geschäftsmodelle fördert und die Androhung von massivem Arbeitsplatzverlust nicht durch den aktiven Auf- und Ausbau anderer Wirtschaftszweige abfedert, muss sich gegen denselben Vorwurf verteidigen. So gesehen trifft die erwähnte Kampagne zwar nicht mit ihrem theoretischen Fundament, sehr wohl aber mit ihrem Slogan: »Kopf an, Motor aus!« — aber nicht so sehr den Verbraucher, sondern vielmehr die Entscheider und Profiteure.

Der bereits zitierte Hermann Knoflacher erläutert, dass das Automobil dem Menschen nur ein Sechstel der Energie abverlangt, die er für die Fortbewegung aus eigener Kraft benötigen würde. Eine Blech gewordene Komfortzone. Gleichzeitig, so Knoflacher weiter, büßen der Nutzer einzeln und die Gesellschaft insgesamt ihre geistige Mobilität ein. Statt Probleme zu lösen, werden sie nur noch räumlich verlagert. Das würde die Bequemlichkeitsthese stützen. Alkohol und Zigaretten können aufgrund ihrer nachgewiesenen Wirkung als Suchtmittel zu den Selbstläufern unter den schädigenden Gütern zählen. Dem Automobil hingegen kann freiwillig und ohne psychische Hürden abschwören, wer den Entschluss dazu gefasst hat. Vermutlich auch deshalb muss die Automobilmafia für jährliche Unsummen — mehr als einhundert Millionen Euro allein bei jedem einzelnen der fünf spendabelsten Hersteller —  die Illusion aufrechterhalten, diese Bequemlichkeit könne niemals ein Ende nehmen. Indes, dieser Kokon kommt sehr fragil daher und es ist zu hoffen, dass der jüngste Betrugsskandal bei VW einen so klaffenden Riss erzeugt, dass am Ende das gesamte Lügengebäude in sich zusammenfällt und die Machenschaften als das entlarvt werden, was sie sind: gleichzeitiges Markt- und Staatsversagen, letztendlich zum Schaden der Allgemeinheit. Der größte Trick des Teufels ist es, die Welt glauben zu machen, das Automobil nütze ihr. Die aktuellen Vorgänge bei VW bieten eine letzte Chance, den Fluch abzuschütteln und das Automobil endlich als Vernichtungsmaschine zu ächten. Andernfalls erleiden unser Lebensumfeld und wir selbst einen irreparablen Totalschaden.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/totalschaden/

Ausdruck und Speicherung nur für den persönlichen Gebrauch. Vervielfältigung und Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors. Alle Rechte vorbehalten.

0 Kommentare

#0

Bisher noch keine Kommentare

Eintrag hinterlassen

Bitte aktiviere JavaScript!