Verzweifelter Brief an tagesschau.de

21. September 2016 | von Johannes Reimann

Wider den Journalismus: Das Erste Deutsche Fernsehen streicht das politische Tagesgeschäft als Seifenoper an und vergisst dabei sein Handwerk. Darauf habe ich heute nun auch persönlich hingewiesen.

Liebe Redaktion,

wie oft muss man es Euch eigentlich noch sagen? Ihr habt nicht die Aufgabe, als Sprachrohr für populistische Scharlatane zu dienen — nein, die Rede ist nicht von der AfD, sondern von der CSU —, auch nicht, Euch als Hofberichterstatter den Regierenden gefällig zu machen. Wie kann es sein, dass monatelang die geistige Diarrhoe eines bayerischen Kasperls von Euch als Top-Nachricht mit Relevanz für das gesamte Bundesgebiet verkauft wird? Zur Erinnerung: Der erste O-Ton, den Ihr nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg im März 2016 ausgestrahlt habt, kam nicht von einem der Kandidaten, sondern vom bayerischen Ministerpräsidenten. Warum? Jetzt heißt es in einer Eurer Meldungen wieder: »Gespannt wird nun darauf gewartet, welche Signale die bayerische Partei in nächster Zeit aussendet.« Wer bitte soll darauf warten? Ihr berichtet unangemessen, voreingenommen und unausgewogen. Weshalb wird die Tatsache, dass WhatsApp auch ohne Zustimmung Daten aus dem persönlichen Telefonbuch weitergibt, nicht als Top-Nachricht gesendet — es dürfte nicht schwer sein, nachzuweisen, dass es mehr WhatsApp-Nutzer als CSU-Wähler gibt —, sondern verschwindet in einem Randformat (netzreporter), das sich kaum jemand anschaut?

Schon gleichgeschaltet ... (Screenshot von tagesschau.de, verfremdet von raumblog.de)Ihr verstoßt permanent gegen alle journalistischen Prinzipien. Das ist schade. Da Ihr selbst nicht für Eure Finanzierung sorgen müsst, hättet Ihr alle Freiheiten, anders zu sein, unabhängig statt servil, echt kritisch statt künstlich bedeutungsschwer, konsequent aufklärend statt bemüht unterhaltend. Solltet Ihr nicht unverzüglich eine Kurswende einläuten, werde ich mich, auch öffentlich, wohl für die Abschaffung des Rundfunkbeitrags einsetzen müssen.

Mit freundlichen Grüßen,
Johannes Reimann

P.S.: Das ganze Elend ist übrigens hier nachzulesen: http://raumblog.de/sinnvolle-sinnkrise

P.P.S.: Wurmt es Euch eigentlich nicht, dass Bloggossphäre und Kabarett einen deutlich besseren Job machen als Ihr?

Dieser Text wurde gleichlautend auch an an die Mailadresse der tagesschau.de-Redaktion versandt.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/verzweifelter-brief-an-tagesschau-de/

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