Wahn am Bau

12. Oktober 2013 | von Johannes Reimann

Monumentale Bauvorhaben erregen nahezu immer mindestens Ärgernis, wenn nicht gar lauten Protest. Diese Gesetzmäßigkeit folgt dem physikalischen Prinzip der Gegenkraft bzw. -reaktion. Wo aber verläuft eigentlich die Grenze zwischen Großartigkeit und Größenwahn?

Am Ende dreimal teurer als geplant – verlieren jetzt auch kirchliche Würdenträger jedes Maß? (Foto: Johannes Reimann)Das Stichwort Außergewöhnlichkeit ruft nicht eben ein Hohelied auf die Ausschweifungen des derzeitigen Limburger Bischofs hervor. Dabei haben er und sein Verhalten die Lawine der Gedanken erst ins Rollen gebracht. In einem Café meiner Wahl konnte ich heute eine Unterhaltung belauschen, über den künstlichen Kultfaktor von Dalai Lama und Helmut Schmidt, über die ungerechte Verteilung von Maßgeblichkeit zwischen Sein und Schein – und eben über verschwenderische Bauprojekte. Einer der Diskutanten entfaltete die These, um Großartiges zu schaffen, müsse man verrückt sein. Das erwecke bei Zeitgenossen dann zunächst zwangsläufig einen abstoßenden Eindruck, könne aber von späteren Generationen gewürdigt werden. Als Referenz beruft er sich auf einen Kommentar zum Beitrag »Kirchenrechtler nennt Limburger Bischof uneinsichtig und krank« vom 9. Oktober 2013 auf Zeit Online, in dem der Verfasser feststellt:

»Es ist natürlich nicht auszuschließen, daß in späteren Dekaden und Säkula Kulturbeflissene diese dann historischen Bauwerke beflissen durchmessen und bestaunen. So wie sie auch Ägyptens Pyramiden durchmessen, so wie sie Berlins Germania bestaunt hätten: kulturhistorisch interessiert, aber rückwirkend nichts rechtfertigend.«

Das Gegenargument ließ am Tisch nicht auf sich warten: Die Pyramiden seien mit dem Leben tausender Sklaven bezahlt, die heutige Gesellschaftsstruktur lasse solche massenweise und unmenschliche Knechtschaft nicht mehr zu.

Außer Kontrolle

Die Pyramiden von Gizeh gehören, das ist bekannt, zu den sieben Weltwundern der Antike. Insofern verhinderte das Leid der vielen Opfer beim Bau nicht, dass die Grabmäler heute Bewunderung ernten. Mag die Orgie in Limburg aber noch immer täglich für neue Überraschungen sorgen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass in über eintausend Jahren noch irgend jemand darüber zu berichten weiß. Tatsächlich glaube ich, dass hier – wie übrigens auch bei schon länger bekannten skandalösen Großprojekten wie der Elbphilharmonie, dem Berliner Stadtschloss, Stuttgart 21 usw. – kein Größenwahn vorliegt, sondern höchstens der Drang gescheiterter Existenzen, ihre Unzulänglichkeiten zu kompensieren. Denn für den Wahnsinn, der Großartiges schafft, sind all diese Vorhaben dann doch zu unbedeutend.

Dazu richten sie zwar enormen finanziellen und in der längerfristigen Wirkung auch wirtschaftlichen Schaden an, aber keinen an Leib und Leben. Das wiederum lässt sich von den Fußball-Baustellen in Katar nicht zweifelsfrei behaupten, auch wenn auf die Vorwürfe längst die Dementi folgten. Typisch für deutsche Stammtische, dass zwar der Prunk heimischer Bischöfe eine ausführliche, das Leiden von Bauarbeitern und Hilfskräften in einem weit entfernten arabischen Land aber nahezu keine Auseinandersetzung erfährt.

Wo aber verläuft er jetzt, der schmale Grat zwischen Außergewöhnlichkeit als gutem Beispiel und dem Exzess, der sich durch keinen Gewinn mehr rechtfertigen lässt? Dient Tebartz-van Elst am Ende nicht doch auch als Symbolfigur für uns alle, die wir täglich aus allen Richtungen aggressiv und ausdauernd dazu aufgefordert werden, auch die letzten Reste unseres Anstands in den Wind zu schlagen, jeden Feinsinn, jedes Maß zu verlieren? In einem Land, in dem die Politik Armutsberichte schönt und Sozialprogramme kürzt; in dem der Finanzadel die Interessen des Geldes längst über die des Menschen stellt; in dem moralische Instanzen genauso wie Vertrauenspersonen, etwa Kundenberater von Versicherungen, sich selbst der Prasserei schuldig machen; in dem uns die Medien regelmäßig mit neuen Milliarden-Nachrichten von der Börse, von den Reichsten und Schönsten und von der Bankenrettung im Umsummen-Marathon vergewaltigen, wird die Luft für eine neue Bescheidenheit als echte Antwort auf all das unglaublich dünn.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/wahn-am-bau/

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