Was kümmert das Kamel der Zebrastreifen?

12. Februar 2016 | von Johannes Reimann

Zu Risiken und Nebenwirkungen frag bloß nicht den Autofahrer, der Dich gerade umnietet. Denn der hat gleich noch einen sinnfreien Tipp auf den Lippen. Macht ihm aber nichts, als Fußgänger bist Du im Straßenverkehr ohnehin nur Deko.

Im vergangenen Oktober wäre ich eines schönen Freitagabends beinahe überfahren worden. Diese Situation wiederholte sich heute, an derselben Stelle, nur nicht in so dramatischer Ausprägung. Diesmal bog ein recht großer Van, aus meinem Rücken kommend, mit gemächlichem Tempo nach rechts ab. Der Fahrer tobte und wütete nicht, blieb nicht stehen, um mir nachzusetzen. Doch immerhin schien ihn meine Nicht-Eile beim Überqueren der Straße zur Weitergabe von Wissen zu müßigen. Und so schraubte er sein Fenster hinunter und machte mir halb verdutzt, halb brüskiert die Mitteilung, dort drüben liege doch ein Zebrastreifen, den ich zum Überqueren der Straße nutzen könne.

Liebe Autofahrer: Wer die Straße ordnungsgemäß überqueren möchte, um von Position 1 nach Position 2 zu gelangen, braucht den Zebrastreifen ganz einfach nicht. Capisce?Ganz offensichtlich zählt sich der Pilot dieser Episode nicht zu den Lesern meines Blogs. Denn in meinem Beinahe-Unfallbericht hatte ich nach meiner letzten derartigen Begegnung noch am selben Abend die Sachlage erläutert. Wenn ich mich entlang der Hauptstraße zu Fuß bewege, auf den dafür vorgesehenen Flächen, und ich möchte eine zwischen mir und der Fortsetzung des Gehwegs liegende Seitenstraße überqueren, dann interessiert mich überhaupt nicht, an welcher Stelle die Hauptstraße mittels Fußgängerüberweg überall ideal zu überqueren wäre. Ich will ja die Seitenstraße überqueren, und nicht die Hauptstraße. Hm. Noch einfacher? Okay. Ich zeichne es auf, extra für Euch. Sooo … fertig. Nebenstehende Grafik dürfte jetzt eigentlich jede letzte Unklarheit beseitigen. Ich (blauer Kreis) möchte mich von der Position 1 (matt-orangener Kreis mit weißer Zahl 1 in der Mitte) zur Position 2 (matt-orangener Kreis mit weißer Zahl 2 in der Mitte) bewegen. Nutzte ich aber den von Euch mir wärmstens empfohlenen Zebrastreifen über die Hauptstraße, gelangte ich doch an die Position 3 (matt-orangener Kreis mit weißer Zahl 3 in der Mitte). Was aber will ich dort?

Unerklärlich. Oder doch nicht?

Ist es Ignoranz, Begriffsstutzigkeit oder eher Unvermögen, das die Hauptprotagonisten zweier, aller Wahrscheinlichkeitstheorie zufolge völlig voneinander unabhängiger, Ereignisse dieselbe Empfehlung aussprechen lässt? Spinnen wir den Faden einfach mal weite: Unter welchen Umständen kann ein ansonsten recht alerter Zeitgenosse — der immerhin des Führens eines Kraftfahrzeugs mächtig ist — ernsthaft annehmen, der Zebrastreifen biete für einen Fußgänger mit meiner Orientierungsrichtung irgendeine Eignung oder errege sogar Interesse? Doch nur in zwei möglichen Szenarien: Entweder erweist sich der PS-Held bar jeglichen räumlichen Vorstellungsvermögens. Dieser Eindruck beschleicht mich mittlerweile bei vielen Verkehrsverursachern — der Begriff ›Teilnehmer‹ steht einem von einer Tonne rasendem Stahl ummauerten und damit freiwillig abgeschotteten Menschen aus meiner Sicht nicht zu. Wo der Motor die Bewegung, das Navi die Orientierung und diverse Assistenzsysteme das Reagieren übernehmen, schaltet sich das menschliche Hirn doch vermutlich automatisch in den Standby. Dann reicht die Kapazität noch für die Bedienung des Smartphones, das ja extra für solche mentalen Tiefflieger konstruiert wurde; für eine hässliche Unterhaltung mit sich selbst, denn eine zweite Person ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nicht anwesend, so weist es die Mobilitätsforschung nach; oder für das Zapping durch die Radiosender. Keinesfalls kann sich aber vor dem geistigen Auge eine Karte entfalten, die dem Bleifuß auch nur die geringste Ahnung über den Raum und die Elemente darin vermittelte, schon gar nicht ihre Positionen zueinander. Das ist die eine der beiden möglichen Erklärungen.

Oder: Der amtlich bezeugte Lenkradhalter wähnt sich, ob der ihm dienstbaren Höllenkräfte und der ihm daraus entspringenden Macht, als Wesen einer höheren Ebene der Existenz. Während der Verkehr um ihn herum einfach nur geschieht, seelenlos und einzig von einer Kaskade natürlicher Zufälle beeinflusst, ist der Autogonist sich seiner selbst bewusst. Das verleiht ihm ein quasi evolutionäres Vorfahrtsrecht. Wo er seinen Willen per Servo zur Wirklichkeit werden lässt, ist alles Geschehen ringsum von niederem Rang. Wie ein Spieler, der auf einer Modellplatte einem Naturereignis gleich Gebäude, Fahrzeuge und Figuren umherschiebt, weil es ihm so passt. Da soll dann auch ein Fußgänger nicht vorgeben, ihm wohne ein eigener Geist inne, der ihn heiße, diesen statt jenem Weg zu nehmen. Wohin der Fußgänger gelangen will, ist egal, denn eigentlich kann er nirgendwo hin wollen. Er ist nur Deko auf der großen Spielfläche des Meisters. Und der fände größten Gefallen daran, wenn Du jetzt einfach mal den Zebrastreifen benutzt.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/was-kuemmert-das-kamel-der-zebrastreifen/

Ausdruck und Speicherung nur für den persönlichen Gebrauch. Vervielfältigung und Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors. Alle Rechte vorbehalten.

2 Kommentare

#1

von Mercy am 1. März 2016 um 09.33 Uhr:
Sicherlich eine (in diesem Fall schon die 2.) ärgerliche Situation. Allerdings stellt sich mir die Frage ob und inwieweit solche Ereignisse zu vermeiden sind. Es ist sicherlich nicht schlecht seiner Wut darüber freien Lauf zu lassen, die gängige unkonzentrierte Fahrweise vieler Straßenverkehrsteilnehmer, hier Verkehrsverursacher genannt, wird sich dadurch jedoch nicht ändern.

#2

von Johannes Reimann am 1. März 2016 um 16.55 Uhr:
Ich denke, Zufußgehende sollten sich in solchen Situationen ruhig viel häufiger laut räuspern. Immerhin wird in der Öffentlichkeit gern der Eindruck erzeugt, der Radverkehr sei des Fußgängers größter Feind. Stimmt aber nicht.

Eintrag hinterlassen

Bitte aktiviere JavaScript!