Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf …

9. Juli 2011 | von Johannes Reimann

Es eiert, stock und ächzt auf Europas größter Baustelle. Die Verantwortlichen halten sich derweil in Bereichen schadlos, die streng genommen gar nichts mit gutem Bahnverkehr zu tun haben. Es bleibt zu hoffen, dass den unbelehrbaren Maulwürfen am Ende nicht nur die Zeit, sondern auch das Geld durch die Hände rinnt.

Frei nach den Wise Guys: »Der Stressbericht zum Tiefbahnhof, das ist stark zu vermuten, verzögert sich voraussichtlich um fünf bis zehn Minuten …« (Foto: Michael Bührke/ pixelio.de)Das Bahn-Großprojekt ›Stuttgart 21‹ avanciert – selbst in seiner rhetorisch mühsam aufgewerteten Variante ›Stuttgart 21 plus‹ – immer mehr zu einem Jahrhundert-Possenspiel. Die Schwabenmetropole gönnt sich keineswegs das »neue Herz Europas«, wie es vonseiten der Projektträger noch immer euphemistisch heißt. Stattdessen mutiert das gigantische Infrastrukturvorhaben zur mickrigen Rummelbude, in der sich die einen als Kasperle, die anderen als Wahrsager, wieder andere als Trickbetrüger versuchen. Daran tragen aber keineswegs die vermeintlichen ›Innovationsfeinde‹ oder ›Fortschritsshasser‹ schuld, die der Bahn keine Hochgeschwindigkeit gönnen wollen.

Eigentlich glaubte ich, mit meiner Analyse des Schlichterspruchs sämtliches Pulver zu diesem Thema verschossen zu haben. Mit dieser Annahme scheine ich allerdings aufs Abstellgleis geraten zu sein. Denn nicht einmal eine Winterpause hat die Bahn eingelegt, stattdessen tut sie alles, um im Gespräch zu bleiben – selbst wenn sie dafür ihren eigenen Fahrgästen von Bahnreisen abraten muss. Da geriert sich der normale Betriebszustand als Dauerstresstest für den geplagten Nutzer.

Bahner, bleib bei Deinen Weichen!

Dass die Pappkameraden im oberen Management des Mobilitäts-Konzerns weniger als Lenker denn als Kassierer eine gute Figur machen und ihnen die Schiene eigentlich so richtig gestohlen bleiben kann, bekommt glasklar bewiesen, wer einfach mal eins und eins zusammenzählt: Da phantasiert Bahnchef Grube in völliger Verkennung des Nah- und Fernverkehrsmarktes von Hochgeschwindigkeitsverbindungen nach London; da tummelt man sich reichlich verlustbehaftet in ausländischen Logistikgeschäften, während man im Inland das große Geld auf der Straße statt auf der Schiene wittert und dafür mal eben mit dem dicken Hintern Wettbewerber plattsitzt. Dass gleichzeitig einerseits immer mehr Regionen vom Fernverkehr abgehängt werden, andererseits das Gleisnetz – trotz staatlicher Milliardenzuschüsse – über Jahrzehnte systematisch heruntergewirtschaftet wurde, schlägt dabei dem Fass die Krone ins Gesicht. Der Grüne Verkehrsexperte Anton Hofreiter hat dafür eine simple Erklärung:

»Sie können bei einem System wie der Schiene am schnellsten Gewinne generieren – sogar über relativ lange Zeit –, indem Sie zu wenig für den Unterhalt ausgeben. Dann kommen zwar mehr Verspätungen vor, die Toiletten funktionieren nicht, der Zug bleibt einfach irgend wo mal stehen .. usw. Aber die Gewinne gehen ganz massiv nach oben.«

Aber wohin fließen die Moneten, wenn nicht in neue Schienen, neue Züge, mehr Service-Personal, bessere Informationssysteme usw.? Hofreiter klingt wie ein Spielzeughändler, wenn er all die Dinge aufzählt, die Steuerzahler und Bahnkunden zum Vergnügen der Manager finanzieren: den Buskonzern Ariva, Straßenspeditionen, Luftfracht-Logistik in den USA, Beteiligungen an chinesischen Häfen, Minen in Australien …

»Wir alle können extrem ärgerlich sein, denn es ist ziemlich viel Geld, das  die Bahn bekommt: Seit der Privatisierung über 250 Milliarden Euro – um dann aus dem Zug evakuiert zu werden. Das ist schon eine Leistung.«

Vor diesem Hintergrund nehmen sich dann natürlich die zugesagten 330 Millionen Euro für eine so genannte Qualitätsoffensive über fünf Jahre ganz und gar lächerlich aus.

Geisterfahrt auf Bahnsteig Viertel vor Zwölf

Dieser babylonischen Verschwendung auf Staatskosten ist nicht mit einfacher Kritik beizukommen. Denn noch ist die Bahn der Herr im eigenen Hause. Deshalb nahm sie auch den Stresstes für Stuttgart 21 selbst vor – und hat ihn natürlich, keine Frage, tatsächlich bestanden, auch wenn gelegentlich Widersprüchliches behauptet wird. Aber welches andere Ergebnis hätte diese in sich geschlossene Welt aus Unverstand, Selbstbetrug und kollektiver Realitätsverweigerung auch erwarten lassen, in der grundsätzlich alle Vorhaben schöngerechnet und anderslautende Einschätzungen als Gefälligkeiten disqualifiziert werden? Insofern bilden die ›neuen Erkenntnisse‹ zum in Wahrheit viel höheren Finanzbedarf, die aberwitzigen Spekulationen um Hausdurchsuchungen bei S21-Gegnern sowie die Nachricht vom Tage, das Schweizer Büro sma werde länger als geplant für die Begutachtung der Ergebnisse benötigen, doch nur weitere Szenen unter vielen in einem national bedeutsamen, aber leider nicht minder lächerlichen Epos, das sich ›Bahnpolitik‹ nennt. Die hohe Kunst dabei ist, dass jene eigentlich gar nicht stattfindet. Darüber spotten die einen, während die anderen solcherlei Nichtpolitik rundheraus zur Nagelprobe der Demokratie erklären. Am Ende geht es aber nie um Sachfragen, um nötige Ziele und Maßnahmen, um ehrliche Anstrengungen zur Stärkung des Umweltverbunds – sondern der schnöde Mammon regiert die Debatten. Als Prophet könnte sich hier Gangolf Stocker erweisen, das Urgestein des S21-Widerstands, der schon vor zehn Jahren ausdrucksstark bemerkte:

»Wenn Stuttgart 21 gestoppt wird und ins ›Museum für zeitgenössischen Schwachsinn‹ abwandert, dann nicht wegen des bahnpolitischen Unsinns, den das Projekt darstellt, nicht wegen der Eingriffe in Umwelt, Mineralwasser und Privateigentum, sondern nur wegen der Kosten.«

Dass die Bahn für den Weg dorthin was länger braucht – vermutlich wegen Störungen im Betriebsablauf –, dürfte eigentlich niemanden mehr verwundern.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/wegen-verzogerungen-im-betriebsablauf/

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