Weit, weit weg

4. September 2013 | von Johannes Reimann

Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt etwas bedeutet, deshalb mache ich es kurz: Mutti war heute in der Stadt.

Weit weg ... und verlassen – weil niemand so ohne Weiteres den Eingang passieren darf (Foto: Johannes Reimann)Nein, keine Fotos von Mutti. So nehme ich es mir fest vor, als ich den großen Bundeshubschrauber über meiner Stadt kreisen sehe. Feierabend, ab nachhause. Als ich wieder aufwache, finde ich mich aber doch an der Porta Nigra wieder. Glücklicherweise zeigt die Uhr schon halb sechs, der Spuk müsste also jeden Augenblick enden. Doch sie redet weiter. Zuvor habe sie auf ihrer Shopping-Tour durch die Trierer Innenstadt einer gestürzten alten Dame aufgeholfen, erzählt mir eine Bekannte später. Vom Rednerpult aus habe sie dem versammelten Auditorium zudem erklärt, was ein Unternehmer sei.

Kein Zugang, nirgends

Auch jetzt verpasse ich nicht viel. Gerade proklamiert Mutti einen Missstand, für dessen Abschaffung sie sich in der nächsten Legislaturperiode unbedingt einsetzen möchte. Ich frage mich nur mit halbem Hirn, weshalb nicht schon diesmal. Wohl ein wenig zu lange und häufig mit Bankdirektoren geschwatzt? Die andere Hirnhälfte sucht nach einem guten Schusswinkel für die Kamera. Wenigstens glänzen Rechte mit Abwesenheit, wenn Mutti spricht. Sie wirkt heute ein wenig verlassen, wie sie so da steht, an ihrem Rednerpult, niemand in der Nähe – und vor allem weit weg vom Publikum. Vermutlich hat sie es so gewollt, den Eingang zur besseren Gesellschaft der Vornesteher darf schließlich nicht jeder passieren. Eine durchtriebene Sekunde lang erinnere ich mich an die Hochburg Heiligendamm oder auch an den Fachbegriff ›Flüchtlingsbekämpfung‹. »Wenn in Griechenland die Leute gegen mich demonstrieren, dann kann ich anschließend ganz beruhigt nachhause fahren.« Damit meint sie selbstverständlich: weil die Demonstranten dort Redefreiheit genießen und keine Repressalien befürchten müssen – wie etwa in Stuttgart. Aber es klingt wie: weil die eh nichts gegen mich ausrichten können. Ab- und Ausgrenzung war schon immer eine Tugend der CDU. Merkwürdig nur, dass das Adjektiv ›christlich‹ nicht ein einziges Mal Erwähnung findet.

Gemeinsamkeit und Erfolg nur innerhalb des Zauns – das bisher eher subtile Spiel mit drinnen und draußen droht zur dauerhaften Installation zu werden. (Foto: Johannes Reimann)Eigentlich möchte sie mir sagen: Mutti hat alles im Griff, geh wieder spielen! Genau darin besteht auch die Distanz: Das Wahlvolk als unverständige Kinder, die sich an der Glasscheibe der Zimmertür die Nase plattdrücken, während die Mutter in der Küche agiert (oder mit dem Nachbarn techtelt?), außerhalb des Blickfeldes, und ihre Anweisungen quasi aus dem Off über den Flur ruft. »Noch vor zehn Jahren waren wir der kranke Mann Europas«, welch sexistische Metapher aus dem Mund einer Bundeskanzlerin, »heute sind wir wieder der Anker für Stabilität und Wohlstand.« Oder auch: »Wir müssen besser sein als andere.« Im Prinzip hätte sie nur zu rufen brauchen: »Alles ist gut. Hauptsache, Du strengst Dich an. Tu’s für Mutti.«

Ein Jahr überfällig

Doch Merkel wäre nicht Mutter der Nation geworden ohne das sichere Gespür für angemessene Erziehung. Deshalb warnt sie vor einer anderen als der schwarz-gelben Koalition wie vor Schnupfen. »Pass auf, dass Du Dich nicht erkältest« heißt bei ihr: »Sie denken zwar, dass ich quasi schon wiedergewählt bin« – wie gut, dass kleine Kinder solche Arroganz stets als Schutzverhalten missdeuten und sich darin geborgen fühlen – »Aber ich muss ja im Wahlkampf auch mal ehrlich zu Ihnen sein: Es kann passieren, dass sie Montagmorgen aufwachen und feststellen: Huch, in Berlin regiert Rot-Rot-Grün.« Abgesehen davon, dass ich den Schnupfen schlimmer fände, verstehe ich auch nicht, weshalb sie glaubt, mir weismachen zu können, sie selbst habe das europäische Haus gebaut, in dem wir derzeit wohnen, mit Grundrechten und sozialem Markt und so. Dabei hat sie uns nicht einmal den lausigen Mietvertrag korrekt vorlesen wollen.

»Es waren vier gute Jahre«, das bleibt ihr abgenutztes Fazit und weckt Assoziationen an die alttestamentliche Geschichte von Josef, dem Traumdeuter: Nach sieben guten kommen sieben schlechte Jahre. Die Veranstalter hatten scheinbar die gleiche Idee, denn die Band spielt – ohne Witz – zum Abschied »Über sieben Brücken«. Ein Hauch von Selbstironie bei den Christdemokraten? Als die Kanzlerin weg ist, säuselt die Sängerin einen Louis-Armstrong-Klassiker ins Mikro: »What a wonderful world.« Keine Ironie: sondern Resignation.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/weit-weit-weg/

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3 Kommentare

#1

von Marion am 4. September 2013 um 22.21 Uhr:
autsch :o Schönes Fazit zu dieser Veranstaltung, gut, dass ich mir das schon so dachte und deswegen erst gar nicht hin bin.

#2

von Johannes Reimann am 5. September 2013 um 11.05 Uhr:
Danke für den Kommentar. Ich hab es auch nur wegen der Fotos getan ;-)

#3

von 2oom.de » Auf dem Fahrrad ins Kanzleramt am 7. Februar 2017 um 23.31 Uhr:
[…] Wer sich in isolierten Zellen auf vier Rädern bis vor das Rednerpult chauffieren lässt, Tuchfühlung ausgeschlossen, und nach einem lediglich rhetorischen Feuerwerk allen ernstes glaubt, das Publikum von sich und […]

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