Zauberhafte Zahlen und wo sie zu finden sind

19. Februar 2017 | von Johannes Reimann

Der Schlüssel zu einem nachhaltigen Leben liegt darin, aus weniger mehr zu machen. Der Radverkehr könnte ein gutes Beispiel geben.

Höher. Schneller. Weiter. Die Aufwärtsspirale des Wahnsinns scheint kein Ende zu nehmen. Nachrichtensprecher verfallen in Trübsinn, wenn sie nur verhaltene Prognosen für das künftige Wirtschaftswachstum verlesen dürfen. Und wenn die Götter des Business in zerstörerischer Wut gar die blutige Bestie der BIP-Schrumpfung auf den Kontinent ausschütten, geht einerseits das Abendland unter, wie üblich, und andererseits explodieren die Patientenzahlen in den Praxen der versammelten Psychologenschaft. Denn keine Wahrheit wähnt sich seit jeher eherner als diese: Alles, und zwar alles, so wollen es die Naturgesetze, wächst. Bäume. Automobile. Managergehälter. Das Publikum von Mario Barth. Und selbstverständlich auch jeder Einzelne. Der Mensch physiologisch zwar nur bis zum Ende seines 21. Lebensjahres. Aber seine Ohren, seine Nase und sein Ego hören niemals damit auf. Da nimmt sich die stete Konditionierung vom Wachstum als Imperativ der modernen Gesellschaft nur allzu verträglich aus — also zwar nicht logisch, aber zumindest glaubhaft. Das Gegenteil würde ja in die Katastrophe führen …

Dem Mantra, Nicht-Wachstum sei widernatürlich, schließt sich folgerichtig auch die Bundesregierung an. Die Pariser Klimaziele und damit die dauerhafte Begrenzung der Klimaerwärmung auf unter zwei Grad Celsius — was nicht weniger als den Unterschied zwischen schwerwiegender und katastrophaler Veränderung von Lebensbedingungen markiert, sogar in gemäßigten Breiten wie in Deutschland —, sollen aber nicht etwa Maß und Bescheidenheit erreichen, sondern die Vermehrung von allem. Der Klimaschutzplan 2050 stellt zwar selbst fest, dass Schadstoffentlastungen durch effizientere Antriebstechnologien in den vergangenen Jahren allein von der massiven Steigerung der Fahrleistung mehr als aufgefressen wurden (Seite 47). In einfach: Die Deutschen fahren sauberere Autos als noch vor zehn Jahren, aber sie fahren damit jetzt so viel mehr als früher, dass sie damit trotzdem mehr Schadstoffe in die Luft blasen. Witzigerweise taucht auf den restlichen Seiten des Kapitels ›Klimaschutz und Mobilität‹ dann aber nicht ein einiges Mal die Idee auf, weniger zu fahren, um das Klima zu schützen. Stattdessen setzen die Autoren einen weiteren Anstieg der Verkehrsleistung als gottgegeben voraus. Auf Seite 52 heißt es dann sogar noch: »Die Potenziale des Radverkehrs sollten — sowohl auf kurzen auch auf längeren Strecken — ausgeschöpft werden, um dessen Anteil an der Verkehrsleistung gegenüber der Verkehrsverflechtungsprognose (2,6 Prozent im Jahr 2030) weiter zu erhöhen.« Die Bundesregierung fordert uns also dazu auf, bitteschön so viel mehr Fahrrad zu fahren, dass die Leistungsanteile der schädlichen Verkehre nicht mehr so hässlich aussehen. Rein mathematisch heißt das: Sollte sich die Verkehrsleistung mit Kraftfahrzeugen verdoppeln, muss sich die Verkehrsleistung mittels Fahrrad mehr als verdoppeln, um anteilig Boden gut machen zu können. Dadurch entstehen aber nicht weniger Schadstoffe.

Weniger ist Mehr

Ich fordere dagegen vehement: eine künftige Senkung der Verkehrsleistung im Radverkehr. Nicht, weil Radfahrende durch Ausdünstungen des Körpers zur Klimaerwärmung beitrügen. Sondern weil mehr Verkehrsleistung schlicht Unsinn ist. Schauen wir uns dafür einfach einmal die Größe Verkehrsleistung an: Sie ist das Produkt aus transportierter Menge und Distanz des Transportvorgangs. Der zweite Wortbestandteil, das Eigenwort ›Leistung‹, impliziert bereits, dass mehr davon umso besser ist. Wenn die Leistung wächst — da haben wir es wieder —, sind alle glücklich. Aber genau dieser Zusammenhang bildet nicht mehr als ein naives Missverständnis oder nicht weniger als den Ausgangspunkt einer massiven vorsätzlichen Täuschung; je nachdem, wer die Verkehrsleistung als wuchtigen Hammer in seiner Argumentation verwendet. Tatsächlich ist der Mensch bestrebt, wenig unterwegs zu sein. Seit er im Rahmen der neolithischen Revolution die Sesshaftigkeit für sich entdeckt hat, überwindet er den Raum nur noch in einzelnen und vergleichsweise kurzen Aktionen, und zwar um alle seine Bedürfnisse — darunter sich ernähren, sich kleiden, sich bilden, sich erholen, sich reproduzieren — zu befriedigen, auch wenn die Möglichkeiten dazu wegen des begrenzten Raumangebotes nicht alle an einem Ort zusammenfallen. Mobilität ist übrigens kein menschliches Grundbedürfnis, wie besonders all jene nicht müde werden zu behaupten, die mit Transport ihr Geld verdienen. Am liebsten bliebe der Mensch, wenn er denn könnte, den ganzen Tag zuhause.

Entscheidend für die Mobilität eines Individuums, einer Gemeinschaft oder gar einer ganzen Bevölkerung — und damit zurück zur Verkehrsleistung — ist also nicht, dass sie in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Kilometer zurücklegt. Entscheidend ist, dass er und sie und alle am Ziel ihre jeweiligen Bedürfnisse ausreichend befriedigen können. Die Mobilitätsforschung weiß bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts, dass auch der moderne Mensch täglich höchstens bis zu neunzig Minuten unterwegs ist. Seit Jahrzehnten unverändert. In diesen neunzig Minuten legen wir jetzt mehr Kilometer zurück, weil unsere Fahrzeuge leistungsfähiger und unsere Systemgeschwindigkeiten im Verkehr größer geworden sind. Unser Nutzen aus diesen neunzig Minuten bleibt aber unverändert, wächst keineswegs. Und nichts spricht dagegen, auch die Verkehrsleistung wieder zu senken. Zu diesem Schluss verhilft ein ganz einfaches Gedankenexperiment: Wenn zwei Personen gemeinsam eine Strecke von zweihundert Kilometern zurücklegen, haben sie eine Verkehrsleistung von vierhundert Personenkilometern erbracht. Wenn nun zehn Personen jeweils fünf Kilometer zurücklegen, haben sie nur eine Verkehrsleistung von fünfzig Personenkilometern erbracht, gerade mal ein Achtel gegenüber dem ersten Fall. Aber: Im ersten Fall waren zwei Personen mobil, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, im zweiten Fall waren zehn Personen unterwegs, um dasselbe zu tun. Mehr Mobilität, weniger Verkehrsleistung. Und weniger Klimaschäden. So einfach ist das.

Die wesentliche Rolle spielt hier die Entfernung. Um beim Faktor transportierte Menge — also entweder Personen oder Güter — und damit bei der Mobilität als solcher keine Abstriche machen zu müssen, fällt zwangsläufig die Distanz dem gewetzten Messer zum Opfer. Das ist Problem und Chance zugleich. Problem, weil sich dafür unsere Siedlungs- und Nutzungsstrukturen an vielen Stellen verändern müssen. Der Lebensmitteleinzelhandel muss in die Wohngebiete zurückkehren, Arbeitgeber dürfen nicht mehr auf der grünen Wiese siedeln, Ämter und Behörden müssen entweder viele Zweigstellen unterhalten oder ihrerseits mittels fahrbarem Untersatz durch die Stadtviertel touren. Chance, weil das Abschmelzen von Ferne und der Gewinn an Nähe überhaupt erst die Potenziale freisetzen, dass sich mehr Menschen für das Fahrrad als alltägliches Verkehrsmittel entscheiden. Dann, aber erst dann, wird die Einsparung von Verkehr bei gleichzeitigem Wachstum von Mobilität dazu führen, dass der Ausstoß von Klimagasen drastisch sinkt.

Auf Messers Schneide

Wirtschaftsversteher holen sicherlich schon tief Luft, um zur üblichen Landesverräter-Tirade anzusetzen und vorauseilend das Klagelied der notleidenden Ökonomie zu singen. Doch wer am ewiggestrigen Gemurmel festhält, die Verkehrsleistung dürfe nicht sinken, andernfalls drohe dem Wohlstand das Aus, der hat nicht nur im Physikunterricht gefehlt, sondern sich bislang wohl auch als äußerst erkenntnisresistent erwiesen. Klimaschutz im Verkehr geht nur durch weniger Verkehr. Auch wenn die Automobilindustrie noch so vieles versichert und ankündigt, keine aktuelle und künftige Technologie wird solch große Spareffekte auslösen, dass es anschließend wieder ganz locker für unsere heutigen Verkehrsexzesse reicht — künftige Steigerungen noch gar nicht mitgerechnet. Wenn Paris eine Einsicht befördert haben sollte, dann doch wohl diese: Jede Sekunde, in der wir uns noch weiter den rückwärtsgewandten Irrglauben gieriger Einflüsterer leisten, wird den Untergang verstärken. Den echten. Mit Hitzewellen, Überschwemmungen, ausgedehnten Dürreperioden und Wetterschäden in unversicherbaren Größenordnungen. Mitten in Deutschland.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf 2oom.de.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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