Zwischen Erstarrung und Wende

20. März 2011 | von Johannes Reimann

Wer als Newbie eine Veranstaltung mit den Größen des Fachs besucht, genießt möglicherweise noch eine Art Welpenschutz. Doch in das Staunen darf sich zur rechten Zeit durchaus auch eine gesunde Portio Skepsis mischen. Wie weit stimmen Wort und Wirkung dieses illustren Kreises tatsächlich überein?

Das vergangenen Wochenende hat mir die ersten Kongresserfahrungen beschert. Zugegeben, der 18. Bundesweite Umwelt- und Verkehrskongress (BUVKO) in Trier – Thema: Grenzen des Verkehrs, Verkehr ohne Grenzen? – hat nicht unbedingt das größte Kaliber. Dennoch nahm es sich höchst interessant aus, sich unter 400 Insidern aus Politik, Verbänden, Initiativen und der Wissenschaft zum Thema Umwelt und Verkehr zu bewegen, ihnen zuzuhören und dabei kleine und große Aha-Effekte zu erleben. Zumindest anfänglich.

Es fällt mir schwer, der Veranstaltung rückblickend ein eindeutiges Prädikat aufzudrücken, nach dem Motto: »Daumen hoch« oder auch »war Mist.« Wissenschaftler lieben es ja, sich nebulös auszudrücken und dort, wo der Normalbürger »Das kommt drauf an, wie man es sieht« sagen würde, die wesentlich akademischere Phrase »Das muss man differenziert betrachten« zum Besten zu geben – aber genau darauf läuft es wohl hinaus: Ich will im folgenden kurz mein persönliches Top und meinen persönlichen Flop vom vergangenen Wochenende vorstellen.

Top: Hochkarätige Besetzung, radikale Ansichten

Die leidgeprüfte Seele des Umweltaktivisten – dazu zähle ich mich indes noch lange nicht – braucht solche Termine immer wieder: Podien und Diskussionen, an denen auch die Koryphäen des Fachs teilnehmen und ihre Botschaften an den Mann bzw. die Frau bringen. Dementsprechend bereitete schon der Freitag Abend regelrechtes Vergnügen, allein dadurch, dass Persönlichkeiten wie Axel Friedrich, Gangolf Stocker und Hermann Knoflacher anwesend waren und dem nach Donnerwetter lechzenden Publikum gehörig einheizten. Ihre Jünger wurden keineswegs enttäuscht, es fielen Sätze wie »Wissenschaft ist heute nichts anderes als Prostitution« (Knoflacher) oder »Die normalen Bürger wissen längst mehr über Stuttgart 21 als die Politik« (Stocker). Da war dann auch vonseiten des Europaabgeordneten Michael Cramer die Rede von »Autolobby« und »Betonmafia«, die immer mehr und immer größere Straßen wollten für das Auto – ein Verkehrsmittel, »das längst auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt gehört« (Heiner Monheim). Ein solches Gipfeltreffen der Wüstenrufer macht all jenen Mut, die sich in ihrem Alltagsgeschäft im Klein-Klein zu verlieren drohen und trotz allem guten Willen immer wieder Niederlagen gegen das System hinnehmen müssen. Und dem aufgeschlossenen Jungspund eröffnet es eine erfrischende Ebene des Denkens und der Argumentation, die noch nicht von Political Correctness und wirtschaftlichem Understatement verstellt ist.

Flop: Elfenbeinturm und Innovationsfurcht

Dafür finden diese Debatten aber auch keinerlei Widerhall in der Öffentlichkeit. Genauso wie der Filz aus Wirtschaft, politischen Parteien und Ministerialen gern unter sich bleibt, bildet auch die Gruppe der »Verkehrs- und Umweltextremisten« scheinbar ein luftdicht verpacktes, abgeschlossenes Milieu. Die Membran zwischen beiden Welten ist nahezu undurchlässig und so erstaunt es kaum, dass die BUVKO-Leute seit 36 Jahren die gleichen Reden schwingen, ohne dass davon auch nur ein Mü an Wirkung auf die Schaltstellen der Macht übergesprungen wäre. Wenn Monheim etwa behauptet, der BUVKO sei der aktuellen Verkehrspolitik meist um 15 Jahre voraus, dann liegt das ganz entscheidend auch am fehlenden Transmissionsriemen. Weder trat auf dem Kongress auch nur ein einziger Abgesandter der Bundesregierung auf, noch ließen sich Entscheider von Verkehrsunternehmen blicken, geschweige denn von Bahn und Autoindustrie. Das mutet fast an wie im Märchen: Solange sich die Einwohner zweier verfeindeter Dörfer nicht über den Weg laufen, ist die Welt in Ordnung – und dreht sich ohne jede Veränderung Jahrzehnte lang weiter.

Darüber hinaus wird gern auf die »Innovationsfeinde« in den Ministerien geschimpft – doch in meinen Augen haben sich auch die BUVKO-Gäste selbst nicht gerade mit viel Offenheit beklecker. Die überwiegende Mehrzahl der Leute geht ihrer Aufgabe bereits mindestens ein Jahrzehnt lang nach; da hat sich vieles so weit eingeschliffen, dass es in den verschiedenen Arbeitsgruppen auch weniger für kreative Diskussionen, sondern nur für das gegenseitige Wehklagen über die täglichen Mühen reichte. Einer der Teilnehmer nutzte sogar den ›Marktplatz‹, das eigentliche Forum für Konzepte, Ideen und neue Ansätze, als Plattform für sein Klagelied: »Ich hätte mir vom BUVKO mehr Unterstützung bei meinem Problem gewünscht.« Klar, dass es Innovationen in solchem Klima schwer haben. Auch entsteht dadurch weder Dynamik noch Machtpotenzial für die Forderungen, die als »Trierer Manifest« von der Form her zwar in neue Schläuche gegossen wurden, die sich im Kern aber seit dreißig Jahren nicht verändert haben.

Fazit: In Athen gibt es genügend Eulen

Mit einem Großteil der Botschaften vom 18. BUVKO kann ich mich durchaus identifizieren. Allein, sie sich immer wieder nur gegenseitig aufzusagen, löst noch lange nicht die in der Tat immensen Probleme aktueller deutscher Verkehrspolitik. Auf meiner Seite fand ich beides: sowohl Zustimmung und durchaus auch neue Erkenntnisse, aber auch Verwunderung und Ratlosigkeit. Daher will ich fürs erste nicht den Stab brechen über diese oder auch nur diese Art von Veranstaltung. Immerhin bin ich ja auch mit durchaus interessierten Menschen ins Gesprächen gekommen und einige Visitenkarten losgeworden. Dennoch: Die große Konfrontation mit den tatsächlichen Entscheidern steht noch aus – wir dürfen gespannt sein, wie Verkehrsminister Ramsauer auf das Trierer Manifest reagieren wird.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

Adresse: http://raumblog.de/zwischen-erstarrung-und-wende/

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