Im Würgegriff der Todeszuckungen

5. Mai 2020 | von Johannes P. Reimann

Ein Industriezweig liegt im Sterben. Doch er steht im Begriff, ein ganzes Land mit ins Verderben zu reißen. Die Ärzte üben sich derweil in ahnungsloser Naivität.

Wie klug, resilient und zukunftssicher ›die Wirtschaft‹ eines Landes aufgestellt ist, zeigt sich gerade in Krisenzeiten — insbesondere in solchen, die das tägliche Leben flächendeckend anhält und wirklich jede Selbstverständlichkeit infrage stellt. Die schamlosen Forderungen der deutschen ›Schlüsselindustrie‹ nach Aufputschmitteln für die Nachfrage legen nicht nur die fundamentale Weigerung der überhaupt nicht smarten Manager offen, sich auch nur in kleinsten Gesten an einem Strukturwandel zu beteiligen. Sie enttäuschen darüber hinaus alle Menschen guten Willens und bremsen deren Bereitschaft, den Wandel durch eigenes Engagement zu befördern. Den rund 800.000 Beschäftigten in der Automobilindustrie — deren Vertreter lügen diese Zahl mittlerweile ganz offen auf das Doppelte hoch, vermutlich, damit der Impact der Autokauf-Flaute gegen die Zahl von Entlassungen durch Corona in anderen Sektoren überhaupt bestehen kann — steht ein Vielfaches an veränderungswilligen Menschen gegenüber, denen der politisch—industrielle Komplex einmal mehr das gute Leben zu verhageln im Begriff steht.

Irreparabler Schaden

Vor allem aber schadet das wahnhafte Winseln der Konzernbosse massiv dem Standort Deutschland, und zwar in mehrfacher Weise: Erstens wird die hiesige Autolobby auch weiterhin jede Innovation abwürgen, die nicht von ihren Gnaden ist. Eben erst musste ein Konkurrent aufgeben, obwohl er auf deutlich bessere Chancen verweisen konnte, die vorgeblich politisch erwünschte Elektromobilisierung voranzutreiben, als das Establishment. Das Geld, das für Autokaufprämien draufgeht, wird darüber hinaus nicht zur Verfügung stehen, um tatsächlich relevante Wirtschaftszweige zu retten, beispielsweise die IT-Ökonomie. Wirtschaftlich wird die einstige Vorzeigenation sich damit weiter ins Abseits manövrieren. Zweitens wird der Politikstandort Deutschland zunehmend leiden. Außerhalb der politisch—medialen Seifenopernblase ewiger Selbstreferenz taugen die so genannten Volksvertreter schon jetzt nur noch zu Witzfiguren. Sämtliche ihrer — zugegebenermaßen halbherzigen — Pläne zu Umwelt— und Klimaschutz gehen im Rauch der Gleichgültigkeit ihrer Autoren auf. Verlässlichkeit scheint beim Machterhalt hinderlich, obwohl sie wie keine noch so gut finanzierte Kommunikationsmaßnahme jeden Menschen intuitiv erreicht. Damit wird die Elite aber drittens den Demokratiestandort Deutschland fundamental in Gefahr bringen. Die einseitige Mästung weniger Bequemer wird die Mehrheit der Menschen erneut schlechterstellen, radikale und unanständige Parteien werden enormen Zulauf erhalten und nicht nur in einem Bundesland, sondern in mehreren und letzten Endes auch auf Bundesebene an der Regierung beteiligt werden müssen. Viertens, vielleicht sogar beabsichtigtermaßen, werden die örtlichen Gemeinschaften noch schwerer unter der Last der externen Kosten des Autoverkehrs ächzen, als sie es ohnehin schon tun. Sie werden noch stärker als sonst auf die Hilfe höherer föderaler Ebenen angewiesen sein. Freie Entfaltung, gutes Leben und Solidarität werden weiter schwinden, bis sie sich nur noch als heimliches Flüstern in den Schatten flächendeckend verfallener Landschaften vernehmen lassen. Fünftens wird ein weiterer dreckiger Deal sämtliche Errungenschaften in Hinsicht auf unsere Natur und Kultur zurückdrehen, auf null. Aber wer sich in seine ergonomisch fein gearbeiteten Ledersessel schmiegen kann, den interessiert wohl nicht, ob außerhalb seiner Fahrgastzelle die Welt untergeht.

Grauenhafte Abhängigkeit

Einmal mehr paaren sich erbärmliche Wirtschaftspolitik und geldgieriges Unternehmertum und verstärken die Co—Abhängigkeit, die ob ihrer kriminellen Energie weit über bloßes Unvermögen hinausreicht und längst pathologische Züge trägt. Die Erfahrung kennt den Ausgang schon jetzt: Manger ziehen sich, sediert vom neuen Kick, ins Private zurück; Politiker vergießen enttäuschte Krokodilstränen, weil der behauptete Effekt ausblieb und es trotzdem — das konnte ja wohl wirklich niemand ahnen — zu Entlassungen kam; wir Steuerzahler indes müssen irgendwie mit dem schmutzigen Gefühl klarkommen, schon wieder missbraucht worden zu sein. Wenigstens haben wir ein paar Boni und Dividenden gerettet. Das ganze Ausmaß der einseitigen Weihe aller Amtsträger an einen einzigen Industriezweig muss selbst Laien bis ins Mark erschrecken — zumal der trotz aller panischen Gegenmaßnahmen weiter austrocknet: Es steht zu vermuten, dass die bauernschlauen Betriebswirte in den Chefetagen die Corona-Krise lediglich als Vorwand nutzen, drohendes Ungemach durch die Elektromobilität zu kompensieren. Trost kann jetzt nur ein Gedanke spenden: Auch das leidvollste Sterben findet irgendwann ein Ende.

Update, 7. Mai 2020: Die Entscheidung über eine Abwrackprämie 2020 ist zunächst vertagt, doch die Forderungen werden nicht verstummen. Denn erst vor gut einem Monat berichtete die Presse davon, dass die von der Autoindustrie produzierten Fahrzeug-Stückzahlen die Nachfrage bei Weitem überfordern. In an betriebswirtschaftlicher Inkompetenz kaum zu überbietender Reflexhaftigkeit schieben die Konzerne deshalb jetzt die Corona-Krise als Rechtfertigung vor, um den Staat die Nachfrage ankurbeln zu lassen — und machen in so genannten Leitmedien mithilfe vermutlich geschmierter Autoren und falschen Behauptungen noch breite Front dafür.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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