Kraft durch Ausbeutung

28. April 2020 | von Johannes P. Reimann

Die tabulose Gier der automobilen Wirtschaft öffnet die Tür zum Rassismus eines neuen Typus'.

Ludwig Cornelius Krach wirft ratlos die Hände in die Luft. »Volkswagen fiel ja noch nie auf als Kind von Traurigkeit«, murmelt er resignierend. Den kultigen Pkw-Klassiker ›Käfer‹ entwickelten die Nazis, die Errichtung Fabrik in Wolfsburg enteignete sowohl Sparer als auch Gewerkschaften. »Da passt es ins Bild, dass nicht einmal der Dieselskandal die Reichtumsaussichten der Niedersachsen trüben konnte.«, merkt Krach an.

Ohne jeden Skrupel

Die brutale Gnadenlosigkeit des Motorisierungsmonsters setze sich, so der engagierte Nörgler, im Kleinen wie auch im Großen fort: »Da dreht der Konzern seinen Kund*innen minderwertige Ware an und verweigert jede Nachsorge, geschweige denn Kompensation — und steht ein halbes Jahr später bei der Politik auf der Matte, um sich mal wieder mit Steuergeld retten zu lassen.« Für besonders teuflisch hält Krach dabei das Argument des Konzernchefs Herbert Driess: »Herr Driess entlarvt unsere ach so soziale Marktwirtschaft als zynischen Casino-Kapitalismus, wenn er behauptet, das Auto eigne sich am besten dafür, die Wirtschaft nach Corona wieder anzukurbeln.«

Dazu müsse man wissen, so Krach, dass Volkswagen sich permanent selbst dazu antreibe, seinen Umsatz zu steigern. Schon vor zehn Jahren kokettierte der Kabarettist Volker Pispers mit der Aussage: »VW will jedes Jahr sieben Prozent Produktivitätszuwachs dazu bekommen. Jedes Jahr! […] Schon Ihre Enkel werden jeden zweiten Monat ein neues Auto kaufen müssen.« Krach schüttelt den Kopf: »Die Gier des Monsters scheint keine Grenzen zu kennen. Zuletzt setzten die Unersättlichen ihre Latte auf 25 Prozent rauf.« Doch das Geld, diese Fahrzeuge zu bezahlen, müsse irgendwo herkommen. Und nicht nur das: Für die zusätzlichen externen Kosten eines Automobils komme grundsätzlich die gesamte Gemeinschaft auf. Die Allmende-Güter fielen dadurch nicht nur der bereits bekannten Tragik zum Opfer: »Die bedrohliche Übernutzung scheint sich zu einem exzessiven Idiotenrennen auszuwachsen, nach dem Motto: Je mehr ich selbst konsumiere und dadurch die Umwelt zerstöre, desto weniger kannst Du sie zerstören und damit mich in meinem Konsum einschränken.«

Rassistische Fratze

Driess behalte im Grunde Recht und genau darüber müsste jeder Mensch guten Willens eigentlich verzweifeln: »Die Automobilindustrie hat sich so tief ins Herz der wirtschaftlichen Strukturen in Deutschland gefressen, dass sie in der Tat am besten und schnellsten in der Lage ist, Werte zu akkumulieren — und zwar aus der Tasche der öffentlichen Hände und der Verbraucher*innen in die Geldspeicher der Eigner*innen.« Der berüchtigte Kolumnist Henryk M. Broder habe der Bundesrepublik vor sechs Jahren ein völlig falsches Zeugnis ausgestellt: »Unter dem Vorwand, alle Wohlstands-Indikatoren zeigten auf Grün, qualifizierte er jegliche Diskussion über das rechte Maß als Langeweile ab.« Krachs Miene versteinert: »Angesichts der grassierenden öffentlichen wie privaten Verschuldung lassen sowohl Umsatzrekorde als auch Forderungen nach staatlicher Unterstützung durch die Automobilindustrie eigentlich nur einen Schluss zu: Große Teile des industriell-politischen Komplexes verstehen unter der ›Wirtschaft‹ nur noch ihre eigenen Konten. Damit gehen sie sogar über Leichen.«

Das schmerze umso mehr, als abseits dieser staatlich geförderten Sklaverei die Debatte um Einschränkung und Augenmaß immer schrillere Blüten treibe. »Der menschliche Nachwuchs, also das Kind, muss jetzt als Bilanzposten herhalten, um auch nur annähernd ausgleichen zu können, was wir nicht bereit sind, von unserem Überfluss zu reduzieren.« Das komme nicht von Ungefähr: Die Demographieforschung spräche schon seit längerer Zeit von einer strukturellen Benachteiligung der Familien als Zelle der gesellschaftlichen Reproduktion und Regeneration. Was ihn am Vorstoß von VW am meisten schockiere, so Krach, sei die eindeutige Aufwertung des materiellen Reichtums und die eindeutige Abwertung des menschlichen Lebens. »Wir spielen beinahe schon traditionell Leben gegen Leben aus: nämlich unseres gegen das unserer Nächsten. Nun erreichen wir einen Punkt, andem Kapitalismus sich wandelt zum Rassismus eines neuen Typs: Wir verwehren einer ganzen Generation an Menschen denselben Wert, den wir unserer eigenen Generation zumessen.«

Der Charakter Ludwig Cornelius Krach ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind nicht beabsichtigt.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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