Panik-Orchester

23. März 2020 | von Johannes P. Reimann

Wer in den Pausenzeiten versäumt, sich gut aufzustellen, bringt unter Anspannung höchstens schiefe Töne hervor.

Eins vorweg: Die richtige Vorgehensweise existiert nicht in einer Krise. Jede Option erzeugt einen spezifischen Nutzen und ruft im Gegenzug eine spezifischen Preis auf. Das Fenster der Möglichkeiten erwiese sich allerdings als umso größer, wären nicht diverse Hausaufgaben bis zum Tag X unerledigt geblieben.

Der kleine Trompeter

Selbstredend könnten wir noch immer mit einem blauen Auge davonkommen, falls das gestern verhängte strikte Kontaktverbot tatsächlich Wirkung zeigt. Doch niemand sieht sich mit Stand heute in der Lage, darauf zu wetten. In der Brust des mündigen Bürgers schlagen denn auch zwei Herzen: Für die bislang schärfste aller Maßnahmen mögen sich den Entscheidern ausreichend triftige Gründe geboten haben, die sie dazu veranlassten, sogar zu dem sehr hohen Preis der massiven Einschränkung persönlicher Freiheiten, ihnen einen aussichtsreichen Nutzen zu unterstellen. Sie mögen alle Belange abgewogen haben und zu dem gleichsam nachvollziehbaren wie verhältnismäßigen Schluss gekommen sein, dass anderes nicht mehr hilft in dieser Lage. Es könnte sich aber auch um eine dieser unnützen und in diesen Tagen brandgefährlichen Spirale der Eitelkeiten handeln: um ein Idiotenrennen der politischen Egos, das dazu taugt, mehr Schaden anzurichten als die Pandemie selbst.

Dennoch: Die Frage, ob sich da einer auf dem Rücken einer ganzen Nation profilieren will, bliebe angesichts der Entwicklungen, die überhaupt erst in die aktuelle Situation führten, höchstens eine Randnotiz — wenn nicht genau diese Treibjagd an anderen Schaltstellen der Macht die schiere Panik auslöste und bislang Undenkbares ermöglichte. Unbestritten erzeugte die Ankündigung, die Versorgung mit Atemschutzmasken nun durch den bayerischen Mittelstand übernehmen zu lassen, für einen wohligen Vertrauensschauer; eine Matratzenfirma aus Thüringen war zu diesem Zeitpunkt übrigens schon länger unterwegs. Allerdings gibt die politische Inszenierung der Stärke auch Anlass zur kritischen Nachfrage: Weshalb besteht in einem kritischen Bereich wie der medizinischen Versorgung eine derart hohe Abhängigkeit von außereuropäischen Herstellern, dass auch Landesgesundheitsminister in Erklärungsnot geraten? Alles halb so schlimm, immerhin fehlte es ja auch am medizinischen Personal in ausreichender Menge schon seit vielen Jahren — und zwar sowohl in den Gesundheitsämtern als auch in den Krankenhäusern: Wer also sollte die mangelhaft vorhandenen medizinischen Produkte überhaupt einsetzen wollen? So zynisch, wie sich das liest, ist es auch: Weder aus den Erfahrungen in China noch aus denen in Italien gab es wirksame Schlussfolgerungen. Die komplette erste Verteidigungslinie, nämlich das Gesundheitswesen, bröckelt, und zwar so weit, dass stattdessen die Standards leiden. Der Epidemiologe Alexander Kekulé bemerkte in einem Podcast spitz: »Wir haben zumindest eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt.«

Kein Lied von der Freiheit

Eine Mehrheit der deutschen Bundesbürger befürwortete laut einer Umfrage Ausgangssperren. Mit solchen Zahlen im Rücken ist natürlich leicht regieren. Skandale, die in ruhigen Zeiten für Aufstände taugen, etwa die geplante Selbstermächtigung des Bundesgesundheitsministers oder eine flächendeckende Überwachung mittels Handy-Ortung, finden plötzlich weitreichende Zustimmung — zumindest innerhalb der eigenen Stimmungsblase. Fachminister, die sich der Gefahr von Langeweile ausgesetzt sehen, verbreiten indes ihre eigenen Gespenstergeschichten, etwa die vom wirtschaftlichen Total-Ausverkauf der Bundesrepublik oder vom Einsatz aktuell Beschäftigungsloser als Erntehelfer — die eine Ministerin wärmt damit lediglich den Vorschlag eines Arbeitsminister der Nullerjahre wieder, der andere Minister hechelt seinem Parteichef hinterher — und diese beiden lassen sich von dem einen realen Fall in Grauen versetzen, aus dem sie folgerichtig eine allgemeine Gefahr konstruieren.

Nur, weil die vermeintliche Dirigentin einer vorpreschenden Trompete eiligst hinterherwedelt, entsteht noch keine Sinfonie. Doch die Misstöne können höchstens als kosmetisches Ärgernis gelten, angesichts der insgesamt ruinösen Verhältnisse im Konzertsaal. Nicht nur, dass die Ode an die marktkonforme Demokratie in dämonisches Geheul zu entgleiten droht. Es fehlt noch dazu ganz einfach an präzise gestimmten Instrumenten und an einer professionellen Partitur. Der Staat erstarkt in einem Moment, da er kaum mehr etwas retten, geschweige denn seine eigenen Versäumnisse aufholen kann. Stattdessen schlägt das Panik-Orchester alle Alternativen in den Wind und baut fleißig Mauern ums fiebernde Publikum herum. Dem gefällt’s. Noch.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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