So naiv klingt der Mainstream

2. August 2019 | von Johannes P. Reimann

Ein Moment, eine Situation, eine Begebenheit — manche Stories wollen sofort kundgetan werden, ohne auf einen ausführlichen Beitrag zu warten. Diesmal: Betroffenheitsromantik.

Beinahe unerträglich, dieser Relativismus, der sich als Realismus tarnt: Letztlich könnten die Menschen die fortschreitende Klima- und Umweltzerstörung nur aufhalten, indem sie sich vom narrativ des schlechten Gewissens berühren ließen, dessen Hauptrolle eine Jugendliche mit Asperger-Syndrom spielt. So jedenfalls liest sich der Beitrag von Stefan Schultz, den er Ende Juli 2019 auf Spiegel Online veröffentlichte: »Genau das macht mir etwas Hoffnung. Wenn das Greta-Moment lange genug anhält, könnte Klimaschutz zu einem zentralen politischen Erfolgsfaktor werden, zu einem Thema, das letztlich Regierungsmehrheiten beeinflusst.«

Rechter Zynismus

Seine Argumentation zeigt dabei nicht nur eine dümmliche Naivität, die wir als Angehörige der ersten Welt längst nicht mehr glaubhaft machen können. Die Effizienzgewinne durch umweltfreundliche Technologien, das weist aktuell der Verkehrssektor eindrücklich nach, können erstens keineswegs mithalten mit der Spirale des Immer-Mehr, die nicht nur der Anbieter-Markt durch einen immer größere Flut an immer kurzlebigeren Produkten befeuert, sondern auch wir Verbraucher, die wir uns nur allzu bereitwillig darauf ein- und unser Denken sogar so weit kapern lassen, dass wir unseren Wohlstand mittlerweile in Verschwendung messen. Das ist bekannt, taucht im Klimaschutz-Narrativ aber nirgendwo auf. Denn diese kleine Subgeschichte taugte zweitens dazu, die allzu pauschale Abwehr von Kapitalismuskritik — »Ökoaktivisten sagen mitunter, dass die Abschaffung des Kapitalismus die Lösung ist. Für realistisch halte ich das nicht.« Mehr hat der Autor für dieses Thema nicht übrig — in eine ernsthafte Auseinandersetzung damit zu verwandeln.

Denn genau in dieser Weise des Wirtschaftens liegt die Grundursache für unsere seit Jahrzehnten aufgestauten Probleme, die sich demnächst und auch schon heute in ökologischen Katastrophen zeigen. »Wir vergegenwärtigen alle Zeiträume.«, sagt etwa Professor Harald Lesch. »Wir holen beispielsweise uralten Kohlenstoff, der teilweise bis zu 300 Millionen Jahre lang im Boden gelegen haben muss, an die Oberfläche und machen daraus Mobilität, Wärme und alles Mögliche. Das heißt, wir machen ein Jurassic-Park-Experiment mit Molekülen, die ohne unser Zutun niemals an die Öffentlichkeit gelangt wären. Wir holen die sehr große Vergangenheit in unsere Gegenwart. Zugleich, und da kommt der ökonomische Aspekt rein, wollen die Investoren den Return of Invest so nahe wie möglich an der Gegenwart haben. Das heißt: Die Zukunft wird vergegenwärtigt und die Vergangenheit wird vergegenwärtigt.«

Drittens und besonders bedenklich: Schultz lässt ganz beiläufig rechtes Gedankengut in seine Zeilen fließen, wenn er seine umweltmotivierte Sorge vor dem weltweiten Bevölkerungswachstum zum Ausdruck bringt. Malthus und die Rettungsboot-Ethik lassen grüßen; einen Tendenz, die dem Autor eines Blattes wie dem Spiegel eigentlich in keiner Weise ansteht. Denn sie lässt sich auch fachlich nicht halten: »Würden auch alle so leben wie die Deutschen — so viel essen, so viel verbrauchen, so viel verschmutzen — hätte die Erde ihre Tragfähigkeit längst überschritten.«, schreibt sogar die Welt. Der ökologische Fußabdruck wohlhabender Weltbürger ist zehn Mal so groß wie der von Menschen in Entwicklungsländern. Auf die Gesamtmenge an Planetenbewohnern kommt es also so lange nicht an, wie nicht jeder Mensch denselben ökologischen Fußabdruck hinterlässt.

Falsche Schlussfolgerungen

Am Ende fällt Schultz auch noch auf das übliche Frame herein: »Es wäre schön, wenn wir aus freien Stücken ein nachhaltigeres, selbstloseres Leben führen würden. Doch das traue ich weder Chinas wachsender Mittelschicht noch Deutschlands klimabesorgten Klimasündern zu.« Umweltschutz gelinge nicht, so lässt das Zitat sich lesen, weil der Einzelne seinen inneren Schweinehund ganz einfach nicht überwinden kann. Also, liebe Politik, her mit dem Aktionismus. Doch das Gegenteil stimmt: Politik versagt darin, den Markt als eben nicht selbstregulierend zu erkennen und sein vielfältiges Scheitern durch einen angepassten Rechtsrahmen zu managen. Allein das Zaudern bei der CO2-Steuer — ein deutlicher Schritt in Richtung der Internalisierung externer Effekte — verrät die wahren Machtstrukturen: Der trunken stolpernde Markt, zu keiner Vernunft mehr fähig, herrscht über die katzbuckelnde Politik. Der Wille des Souveräns ist neutralisiert. Demokratieversagen.

Wie aber soll der Einzelne sich klimaschonend verhalten, wenn er sich die Bio- oder Regionalprodukte oder das Elektroauto gar nicht leisten kann oder wenn ihm jede bessere Alternative auf andere Weise mehr als doppelt erschwert wird? Die Wahlfreiheit existiert ganz einfach nicht. »Situations are such potent determinants of behavior that behavior-change campaigns focused solely on values, emotions, or knowledge are destined to fail if such change is not facilitated by an individual’s social milieu as well as the surrounding infrastructure.« Englischsprachige Autoren glänzen da eher mit Erkenntnis als deutschsprachige.

Beiträge wie der von Stefan Schultz sind eines — zumal der Vernunft verpflichteten — Nachrichtenmagazins nicht würdig, denn sie lullen ein, legen falsche Fährten und lehnen es rundheraus ab, über Verantwortung zu sprechen. Weder das schlechte Gewissen als Triebkraft noch der Rechtfertigungsversuch für eine berufliche Sondersituation können den Planeten retten. Aber Betroffenheitsromantik taugt ja vielleicht zum nächsten großen Mediengeschäft.

Über den Autor

Johannes Reimann schreibt seit vielen Jahren. Das Studium der Angewandten Geographie/ Raumentwicklung hat seine Aufmerksamkeit besonders auf die Wirkung von politischen Entscheidungen und alltäglichem Leben im und auf den Raum gerichtet.

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